Nur keine Zeit verlieren. 30 Minuten sollen reichen. John Wray schlägt als Treffpunkt einen Foodtruck in Manhattan vor, ganz in der Nähe der Wall Street. “Luckyim” steht da drauf, angeboten werden thailändische Gerichte. John Wray entscheidet sich ohne Bedenken für “Red Curry”, die Köchin reicht das Gericht durch die Luke, schnell kann das Gespräch auf einer Bank in der Mittagssonne beginnen, die Wolkenkratzer sind nicht weit.

Es geht um die Zeit. Denn das ist sein Thema in diesem Jahr, “Das Geheimnis der verlorenen Zeit” heißt sein Roman, der im September in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erscheinen wird. Am 8. Oktober wird er ihn auch bei uns in einer Altbau-Wohnung in Berlin-Friedenau vorstellen.

John Wray ist 45 Jahre alt und hat die Gabe, auch beim Essen mühelos sprechen zu können. Sein Vater ist Amerikaner, die Mutter stammt aus Österreich, man könnte sich auch auf Deutsch unterhalten, aber Wray entschuldigt sich, dass er die Muttersprache erst wieder trainieren müsse, um auch über Literatur reden zu können. Im Oktober aber werde das bestimmt klappen.

Sein Roman beginnt in der Heimat seiner Mutter, in Wien, Anfang des 20. Jahrhunderts. Es geht um die wilden Zeiten der Wissenschaft, es geht bald auch um die Relativitätstheorie, Albert Einstein und die Krümmung von Raum und Zeit.
Wray gelingt es mühelos, Historisches zu schildern und dabei aktuelle Bezüge entstehen zu lassen. Der Urknall, die aktuellen Experimente von Wissenschaftlern in Schweiz kommen einem beim Lesen in den Sinn, die dunkle Materie, und wie selbstverständlich ist der Roman genau 100 Jahre, nachdem Einstein seine geniale Formel veröffentlichte, erschienen.

Manchmal sind es auch nur Randgeschichten, die aktuelle Bezüge ermöglichen. So schildert Wray, wie Ottokar, der Urgroßvater des Ich-Erzählers, von einem der ersten Automobile überfahren wird, der Sprung zum ersten Toten durch ein selbstfahrendes Auto vor einigen Monaten in den USA ist nicht weit.

Er habe viel gelesen über Geschwindigkeit, Raum und Zeit, erzählt Wray. Und das alles, weil er bei einem Spaziergang zufällig den Hinweis “Lost Time Accident” entdeckte und notierte. Arbeitsunfall, schlägt Google als Übersetzung vor, auch wenn der Zeitaspekt dabei fehlt. Wray wählte die verlorene Zeit (“lost time”) als Leitmotiv über den Toula-Silbermann-Tolliver-Clan und die Reise durch das 20. Jahrhundert mit den Irrungen und Wirrungen, politischen Desastern und genialen Momenten. Manchmal ernst, meistens  originell, immer unterhaltsam, oft auch humorvoll. Die New York Times urteilte, dass der Roman geistreich und genial geschrieben sei. “Eine ungeordnete, chaotische Geschichte über eine ungeordnete, chaotische Zeit.”

In New York scheint das im 21. Jahrhundert immer noch nicht anders zu sein mit der Ordnung und dem Chaos. Schnell sind die 30 Minuten vorbei, das schrille Martinshorn eines Polizeiwagens beendet die Zeitreise. Noch ein Foto, ein flüchtiger Abschied, dann geht`s weiter. Wohin eigentlich? Für die Frage bleibt keine Zeit mehr.