Ein ganz normaler Montagabend in einem wunderschönen Privathaus im Kölner Westen und ein sehr offenes Gespräch mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung über die aktuelle Situation der Medien, über den Verlust der Deutungshoheit, über den Informationswust im Netz, über mangelnde Fehlerkultur und fehlendes Vertrauen.
Im Gespräch mit Ulrike Krause leitete Wolfgang Krach die Diskussion mit der These ein, dass es für ihn aktuell zwei Lesergruppen gäbe: Die, die den Leitmedien überhaupt nichts mehr glauben und auch nicht mehr im Austausch mit ihnen stehen. Diese Gruppe sei für ihn verloren. Die andere Gruppe sind die unzufriedenen Kunden. Hier fängt der Austausch an und man lernt momentan am meisten von diesen. Gespräche entstehen, der Dialog zwischen der Süddeutschen und seiner Leserschaft wird gefördert und intensiviert. Krach wünscht sich noch mehr Austausch und dazu gibt es verschiedene Formate, wie z.B. das heutige Salongespräch oder „Auf ein Bier mit …“: Leser und Leserinnen treffen SZ-Redakteure persönlich, Kritik wird geäußert und ein fruchtbarer Diskurs entsteht. Jeder Leserbrief wird beantwortet, das ist die klare Direktive, die für alle Redakteure gilt, denn das sei leider in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. Glasklar und wenig beschönigt zeichnet er das Bild der klassischen Medien: Manche Entwicklungen wurden nicht ausreichend wahrgenommen und sie haben sich in vielen politischen Prognosen getäuscht. Der Fall Claas Relotius ist nun die Spitze einer unschönen Entwicklung, die das Vertrauen in die Medien nochmals erschüttert hat. Er selbst hätte es auch für völlig undenkbar gehalten, dass dies beim Spiegel passieren könnte. Zum Vertrauensverlust kommt noch das ökonomische Dilemma der Printmedien durch den sinkenden Anzeigen und Auflagen hinzu. Vor 10 Jahren wurden noch 70% des Umsatzes mit Anzeigen gemacht und 30% über die Leser und Leserinnen. Jetzt hat sich das Verhältnis umgekehrt. 70% des Umsatzes kommen über die Leserschaft und nur noch 30% über Anzeigenverkäufe. Und da der durchschnittliche Leser der Süddeutschen ein Alter von 55plus hat, müssen für die Zukunft neue Einnahmequellen erschlossen werden. Dabei ist der Wiederaufbau von Vertrauen aus seiner Sicht ein entscheidender Faktor. Und das wird nur mit exzellentem Journalismus funktionieren, sagt Krach, denn das Ethos von gutem Journalismus hat sich nicht verändert: Es geht nach wie vor darum, nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren, auch Nicht-Wissen zugeben zu können und dann intensiv zu recherchieren. Das Verifizieren von Sachverhalten und Informationen sei unbedingt notwendig und wird ein Kennzeichen der neuen Qualitätsmedien werden. In der anschließenden Diskussionsrunde gab es vielfältige Anregungen und einen spannenden Austausch, von vermutlich zufriedenen oder auch nicht zufriedenen SZ-Lesern und Nicht-SZ-Lesern. Aber auch dieser Salon ist eine Filterblase und es traf sich augenscheinlich die Gruppe der „unzufriedenen Kunden“. Die „Verlorene Leserschaft“ war nicht dabei, denn das Kennzeichen dieser Gruppe ist ja der fehlende Austausch. „Wie finden wir die Verlorenen in unserer Gesellschaft wieder“ wäre dann vielleicht ein Thema für einen weiteren Salonabend? Mit vielen neuen Gedanken und Ideen bin ich mit meiner Tochter frohen Mutes nach Hause gefahren, es ist noch nicht alles verloren. Danke für den offenen Austausch!

Margitta Eichelbaum mit Tochter Charlotte

 

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