Rainer Erlinger

Zu Gast bei den „Guten Botschaftern“ in Köln war Rainer Erlinger, der mit seinem neuen Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ in den offenen Räumen der Agentur für Unternehmens-Sinnstiftung zur Diskussion einlud. Erlinger, Arzt und Jurist, ist bekannt durch seine gut 850 Kolumnen der „Gewissensfrage“, die er in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat.

Angesichts der aktuellen Lage in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wurde zunächst die Bereitschaft und Motivation zur Lüge untersucht, denn im Gegensatz zur gesellschaftlich akzeptierten Notlüge und der höflichkeitsmotivierten „white lie“ (etwa auf die Frage „Hat es Ihnen geschmeckt?“) scheint es zur Zeit, als sei die treibende Kraft manch eines Geschehens oft die bewusste und offensichtliche Lüge. Evolutionär betrachtet mag diese oft Sinn machen, um das Überleben zu sichern, aber in Situationen, in denen die Wahrheit offensichtlich ist, steht so schnell die Herrschaft des Terrors und der Propaganda vor der Tür, in der die Wahrheit notfalls mit Gewalt niedergemacht wird.

Rainer Erlinger gab einen Überblick über philosophische Positionen zur Wahrheit und kam über Jean-Paul Sartre dann zu Immanuel Kant, bei dem deutlich wird, was heutzutage zu großen politischen und gesellschaftlichen Problemen führt: Kant definiert als Gegenstück zur Lüge nämlich die Wahrhaftigkeit und meint damit das, was ein Einzelner für wahr und richtig im Sinne von wahrhaftig hält.

Daraus ergibt sich freilich ein Dilemma und ein großer Freiraum für den individuell fühlenden und argumentierenden Einzelnen, kann er doch all das, was er für wahrhaftig empfindet, auch als objektiv wahr postulieren.

Erst 2013 wird dieses Dilemma vom Moralphilosophen Bernard Williams aufgelöst: Das Bestreben, die Wahrheit zu sagen, basiere erstens auf dem Bemühen um Genauigkeit und zweitens auf der Ehrlichkeit, das zu sagen, was man meint. Jedes Individuum sei also zu Ehrlichkeit und Genauigkeit verpflichtet. Soweit die Theorie. In der Praxis lässt sich nun beobachten, dass, je stärker die Fakten der eigenen Haltung widersprechen, desto größer die Kampfbereitschaft des Einzelnen wird, der sein eigenes Ich schützen möchte. Das zeigt sogar eine erhöhte Aktivität in den entsprechenden Hirnarealen bei medizinischen Untersuchungen. Daher gibt dieses kampfbereite Individuum nun eher seine eigenen fünf Sinne (also sein Realitätsempfinden) auf, als als die eigene Persönlichkeit. Spätestens an dieser Stelle muss es nun gesagt werden: Parallelen zu der Persönlichkeit Donald Trumps drängen sich dem aufmerksamen Leser auf und erklären vielleicht so manche Absonderlichkeit seines Verhaltens.

Nun folgte noch ein kurzer und unvermeidbarer Ausblick auf ein Szenario, das unserer Gesellschaft droht, wenn sich Entscheidungsträger entgegen von Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Ehrlichkeit verhalten: Die so motivierten Lügen zerstören das Vertrauen in Menschen und Institutionen, sie zerstören die Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft und führen schließlich bis zur Manipulation eines ganzen Volkes. Denn falsche Aussagen mit der Absicht zu täuschen sind weder eine Notlüge, noch eine „white lie“, noch können sie als Irrtum entschuldigt werden.

Kommunikation basiert in einer zivilisierten Gesellschaft auf  Vertrauen in das Gesagte. Findet aber eine lügenbasierte Kommunikation im Wahlkampf statt, werden die Menschen manipuliert und die Demokratie ausgehebelt.

Moralphilosophisch sprechen also viele Argumente für die Wahrheit. Der Abend ging hoffnungsvoll zu Ende, wenn wir uns darauf einigen, uns unserer Verantwortung  für die Wahrheit bewusst zu werden.

von
Stephanie Oberbeckmann // Essen

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