Von wegen Aufbruch und Emanzipation: Machogeist am Bauhaus

Das Bauhaus in Weimar und Dessau: Es steht für Avantgarde, für den Aufbruch aus einer ästhetisch verkrusteten Zeit, für die Moderne und die Emanzipation aus einem zu eng empfundenen Architektur- und Kunstverständnis. Dass ausgerechnet hier alte Mechanismen und Denkweisen wüten, überrascht und stellt das Bauhaus in seiner nachträglichen Mystifizierung in ein unerwartetes Licht. Theresia Enzensberger – zu Gast im Salon in Wiesbaden – führt ihre Leser und Zuhörer in ihrem Roman “Blaupause” keineswegs auf den historischen Pfad der ästhetischen Revolutionäre Walter Gropius, Wassily Kadinsky, Paul Klee und Johannes Itten, wie man vermuten könnte. In ihrem Debüt über das Bauhaus hat sie anderes im Sinn. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Luise Schilling, die begeistert dem Lockruf der Bauhäusler folgt. In Weimar schreibt sie sich – wie viele andere junge Frauen ihrer Zeit – an der Kunstschule von Walter Gropius ein, im Glauben, Teil dieser modernen Bewegung zu werden. Doch das experimentelle Ausbildungsprogramm führt die weiblichen Studierenden auf direktem Weg in die Webwerkstätten und weniger in die Tischlereien und Architekturschulen. Der Ansturm der Frauen hat die männlichen Bauhäusler offenbar überfordert. Dass sich Frauen für technische Probleme interessieren und über dreidimensionales Denken verfügen, übersteigt das Vorstellungsvermögen der Lehrkräfte am Bauhaus. Trotz vieler Demütigungen, Selbstzweifel und kritischer Selbstbespiegelung gibt Luise ihren Traum so schnell nicht auf. Sie möchte dazugehören, sucht nach Anerkennung und wirft sich hinein in den Dampfkessel der widersprüchlichen Strömungen und Ideen ihrer Zeit. Alles ist zugleich möglich und denkbar: Freizügigkeit und Dogmatismus, menschliches und reaktionäres Gedankentum, zarte Anflüge von Gleichberechtigung und schlimmster Sexismus. Wie – so fragt sich Luise am Ende ihres Studiums – sollen in einem derartigen Klima widersprüchlicher Haltungen neue Formen möglich sein? Wie kann hier der neue Mensch geprägt durch die neuen Formen, die ihn umgeben, hervorgehen? „Wie soll das möglich sein, wenn diese Formen doch immer nur von den alten Menschen mit all ihren Fehlern und Mängeln geschaffen werden können?“ Eine Frage, die sich im anschließenden Gespräch an die Lesung auch die Salongäste stellen: Die gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft – ist nicht auch sie durch die vielen Fehler und Mängel, die von den Rändern und den Widersprüchen in der Mitte der Gesellschaft ausgehen, in akuter Gefahr?