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Gehört der Islam zu Deutschland? Im „salonfestival“ auf jeden Fall – zumindest was die hintergründige Auseinandersetzung mit dieser Religion und ihren verschiedenen Ausprägungen angeht. In einer Sonntagsmatinee Mitte Februar brachte Herr Dr. Wilfried Buchta den rund 50 Zuhörern die Grundlagen des Islam näher. Er ist Islamwissenschaftler und kennt den Nahen Osten aufgrund seiner langjährigen Tätigkeiten in fünf verschiedenen arabischen Ländern aus eigener Erfahrung.

 

Er holte aus; begann bei Mohammeds Tod im Jahr 632 unserer Zeitrechnung und – da kein Nachfolger bestimmt war – bei dem danach entstandenen Machtvakuum. Schon früh bildeten sich Spannungen zwischen den einzelnen Clans und den Anhängern verschiedener Propheten. Enorm kenntnisreich legte Buchta dar, wie sich die Schiiten von den Sunniten unterscheiden. Schließlich landete er im 20. Jahrhundert und erläuterte auch, warum in der neueren Zeit der radikale Fundamentalismus in beiden Hauptrichtungen so extrem geworden ist und warum vor allem der sunnitische Radikalismus immer mehr Anhänger findet. Der schon lange schwelende Konflikt zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, der immer wieder als Stellvertreterkrieg in den verschiedensten Regionen des Nahen Ostens als Kampf um die Vormachstellung in der islamischen Welt ausgetragen wird, lässt diese Region einfach nicht zur Ruhe kommen. Und die Folgen dieser Kriege gefährden zunehmend Europas Sicherheit – sei es durch die hohe Zahl an Flüchtlingen infolge von Massenvertreibungen oder durch IS-Terroranschläge auch in europäischen Städten.

 

Herr Dr. Buchta plädiert für einen realistischen Umgang mit dem Islam, fernab von jeglicher Dogmatik und Ideologie, aber er warnt auch davor, unsere freiheitlich demokratischen Grundwerte zugunsten einer voreiligen Integrationsarbeit aufzugeben. Es sind nicht „alles   Teufel, die da kommen, es sind aber auch keineswegs alle Engel.“ Auf die Frage der Gastgeberin, wie wir als christlich-jüdisch geprägtes Abendland mit dem Islam umgehen sollen, erklärte Buchta, dass es „den Islam“ nicht gebe. Soweit die nach Europa kommenden Muslime einen „Euroislam“ ausüben würden, der mit unseren demokratischen Werten in Einklang zu bringen ist, hält er ein gewährendes Nebeneinander der verschiedenen Religionen für möglich. Doch da Demokratie und Menschenrechte weder in der Religion noch in der sozialen Prägung vieler Muslime tief verankert seien, würde sich ein gutes Drittel der nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge sehr schwer mit deren Adaption tun und in uns Andersgläubigen eben nur die „Ungläubigen“ sehen, die nicht gleichwertig seien.

 

Es war ein sehr intensiver Salon. Herr Dr. Buchta vermochte es, seine Zuhörer über fast zwei Stunden hinweg mit seiner Analyse und Antworten auf die vielen Fragen zu fesseln. Die Gastgeber haben es sich nicht nehmen lassen, alle Gäste mit orientalischem Essen und Getränken zu verwöhnen – trotzdem gab es auch Wein, denn wir sind ja schließlich im christlichen Abendland… Der Salon hat genau das erreicht, was wir mit der Salonidee bezwecken: Möglichkeiten der hintergründigen Information, der Meinungsbildung und des Austauschs zu bieten. Noch lange hielten die Gespräche unter den bunt gemischten Gästen mit dem Referenten an. Eine Lösung kann im Salon natürlich nicht erarbeitet werden, aber man hat förmlich gesehen, wie viele Denkanstöße seine so kenntnisreichen Ausführungen und Einschätzungen bei jedem der Gäste bewirkt haben. Und auch der Referent hat die besondere Atmosphäre sichtlich genossen. Die Inhalte wirken noch lange nach…

 

https://www.nzz.ch/meinung/pulverfass-naher-osten-der-abgrund-der-arabischen-welt-ld.144888