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Begrüßung von Frau Dr. Huttner am Salonabend mit Zsuzsa Bánk:

Liebe Gäste,
Herzlich willkommen zu unserem heutigen Abend mit Zsusza Bánk und ihrem Roman “Schlafen werden wir später” zu Gast bei uns in Haidhausen.

“Wir brüllten: wir sind erwachsen, wir sind erwachsen, viele Male hintereinander, als könnten wir es sonst nicht glauben”, heißt es an Aja’s 18.Geburtstag in den “hellen Tagen”.

Die fast 30 Jahre älteren Freundinnen im neuen Roman, Johanna und Marta, die seit Kindertagen dieselbe Vertrautheit verbindet, stellen sich in Emails die Frage, wie auslotbar die Grenzen der biographischen Möglichkeiten sind, in einem Alter, in dem sich Zufälliges längst in unabänderliche Gesetze verwandelt hat und ein Schwanken zwischen verschiedenen Lebens- und Selbstentwürfen nicht mehr verhandelbar ist. Was prägt uns und wie sind die Kindersommer der Seele gegen die Zumutungen der Realität zu verteidigen, wie schaffen wir es, in der Mitte des Lebens das Innere gegen das Äußere zu behaupten. Wie fragil ist das alles, was wir für einen gelungenen oder zumindest plausiblen Lebensentwurf halten?

Zsusza Bánk schreibt über Momente des Abschieds, der Trauer, Momente des Unheils und der Angst , über Menschen, die ihrem Schicksal ausgeliefert sind, mit der einzigen Möglichkeit es zu ertragen. Aber auch über die Selbstheilungskräfte freundschaftlich verbundener Seelen. Sie lädt uns ein zu einer Innenbetrachtung durch den Spiegel einer Freundschaft, in der die Empfindsamkeit nicht der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Durch die Welt zu wandeln und sie mit einer Zärtlichkeit zu berühren, die aus dem Wissen um die flüchtige Schönheit der Dinge rührt, ist eine Kunst, die mich beim Lesen ihrer Bücher immer wieder beseelt.

Kann das eigene Leben die Antworten auf die grundlegenden Fragen nach der Freundschaft, der Treue, dem Sinn des Lebens geben? Am Ende der Lektüre habe ich begriffen, dass das eigene Leben tatsächlich  die Antwort ist, aber erst, nachdem es den Fragen entsprechend gelebt worden ist.

Die “exposive medien gruppe”, die „das salonfestival“ in Hannover großzügig mit Technik unterstützt, hatte sein Rolltor für einen besonderen Musik-Salon hochgefahren: Inmitten hoher Regale voller Traversen und Cases spielte Jumaa auf einer feinen, technisch perfekten Bühne. Jumaa ist ein begnadeter Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur und sagt von sich selbst, die Leute hielten ihn wohl „für ein bisschen verrückt“, weil er sich in keine musikalische Schublade pressen lasse. Auch sei er lange Jahre nicht in Hannover aufgetreten, und zu seiner Überraschung ließ sich das Publikum nicht lange bitten, ihn stimmlich bei einem Song zu unterstützen, und das richtig gut! Begleitet wurde Jumaa von Roberto Volse am Bass und Johan Polzer am Schlagzeug – beide begnadete Musiker, deren phantastische Soli viel Applaus bekamen. Das Trio harmonierte perfekt, und schon nach dem ersten Song horchten alle Gäste auf: Jumaas Stimme – mit sanftem Timbre – die mühelos vom Falsett bis zu Basstiefen moduliert, ist etwas Besonderes. Seine eigenen Songs über die Liebe, das Leben, über Empfindungen gingen unter die Haut und begeisterten die Gäste: „Am I? I Am!“ lautet der Titel seiner EP, die am Abschluss des Konzertes viele Interessenten fand. Jumaa ist alles: jazzig, soulig, groovig, man muss ihn live erleben. Ein Abend voll guter Musik war das, einfach so. Ein Abend mit Gefühl und Seele, einfach so. Ein Abend mit Jumaa.

Ein großes Dankeschön an Helge Leinemann von exposive! Für das liebevolle Catering, die stimmungsvolle Ausleuchtung im Techniklager und den netten Abschiedsgruß: Für den Start in den Oktober gab es für jeden Gast ein Glas gesunde Möhrensuppe! Danke!

„What are you traying to say“ ist der Titel seiner neuen CD – doch der kanadische Singer/Songwriter David Blair muss selbst nichts versuchen – er kann es! Seine ansteckend fröhliche Musik – eigens verfasste Songs über Themen wie Liebe, Nähe, Freundschaft und Mut – und seine launig-charmante Moderation begeisterten im Bang&Olufsen Store in Hannover alle Gäste. Begleitet wurde David Blair von Roland Hegel an der Bassgitarre und Stuart Kemp am Schlagzeug. Sie harmonierten perfekt mit Davids Gitarrenspiel, seinen schnellen Riffs und vor allem seiner charismatischen Stimme. Nach einer kurzen Pause mit Laugenstangen und Bier drehten die drei Musiker nochmals so richtig auf – und die Zuhörer gingen mit! Musikalisch und menschlich ein ganz toller Abend: David Blair verzauberte sein Publikum. Und Gastgeber Rüdiger Horn und sein Team – engagiert zum vierten Mal in Folge im Salonfestival dabei – schwärmte von seinem Lieblingssong: „What Am I Worried About“. Ein wirklich schöner Song, ebenso wie „Say No“ oder „Just A Look“, in denen David Blair Stimmungen besingt, die wir alle kennen. Er sprudelt vor Musik und Einfällen, und war überaus glücklich, im Salonfestival dabei zu sein: Genau wie Gastgeber und Gäste auch!

Guido Kratz und R.F. Myller öffneten am 22. September 2017 bereits zum zweiten Mal im Rahmen des Salonfestivals ihre Ateliertüren, diesmal für eine Gastgebergemeinschaft von fünf Musikfreunden, die sehr gespannt waren auf ihren Musiksalon und die Ankunft der Musiker – Riders Connection – aus Berlin. Anstatt drei Musiker von Riders Connection wie erwartet, kamen fünf. Sie bauten blitzschnell ihre Anlage auf, die Gäste versammelten sich, das Konzert mit Riders Connection&Friends konnte beginnen: Moritz, der für die sensationellen Beatbox-Sounds zuständig ist, und Aleksej, der mit Leichtigkeit groovende Basslines spielt, Philipps Stimme und seine mitreißenden Gitarrenrhythmen wurden überraschend von Steffens Saxophon begleitet. Und dann war da noch Karina, die diese tolle Männerband stimmlich glänzend unterstützte! Toll!

Country, Folk und Soul, und auch ein bisschen Techno sowie eigene komponierte hinreißende Songs („Waste“, „So much trouble“, Colour me“) und eine umwerfend charmante Performance mit viel Witz begeisterten das Publikum. Besonders die „Feuerflammenfrau“ überzeugte die anwesenden Männer, sich ihren Begleiterinnen zuzuwenden! Nach der Pause mit belegten Brötchen und viel Bier wurden die Stühle eingeklappt und sich bewegt zu Reggaeklängen, die es in sich hatten! Ein spielerisch überzeugendes Konzert mit einem bewegenden Slam; ein tolles Solo des Beatboxers Moritz und ein wunderbares Saxophonsolo von Steffen machten diese Konzert rund! Es gab viele Zugaben und nur begeisterte Gäste! Kunst und Musik ging an diesem Abend großartig zusammen!

„Wahrlich eine Band, zu der man als Besucher kommt und als Freund wieder geht“ heißt es im Text dieser Barfuß- Band: stimmt!

Von Susanne Fritz, Gastgeberin:

Am 3.September 2017 ging mein Traum in Erfüllung: EIN KONZERT IN UNSEREM GARTEN !

Dank Frau Ulrike Groffy vom „salonfestival“ klappte alles super. Zuerst ein Gespräch bei uns zu Hause, einige Mails folgten. Datum und Musiker wurden ausgewählt. Nun hieß es, den Garten auf Vordermann bringen… Dank vieler fleißiger Hände schafften wir es.

Dann das große Fragezeichen : wie wird das Wetter????

Stühle, Stehtische, Gläser, Tassen etc. Zelt aufbauen – für alle Fälle – wieder hatten wir viele Heinzelmännchen zur Hilfe.

Am Sonntag, den 3.September, schien die Sonne! Unsere Familie plus Freunde waren emsig im Einsatz.

40 charmante Gäste spazierten in den Garten und genossen offensichtlich das Ambiente und die fantastische Musik von ADD ONE. Drei sehr sympathische junge Vokalisten mit einem beeindruckenden Repertoire boten eine mitreißende Performance.

Ganz ehrlich: es war ein zauberhafter wie unvergesslicher Tag mit so toller Musik und vielen herzlichen Menschen. Wie sagte Imke, sie waren ‚geflashed’ vom Garten als ihrer Bühne – so wie wir begeistert waren von diesem besonderen Sonntag!

Herzliche Grüße vom Wietzestrand, Susanne & Joachim Fritz

 

Von wegen Aufbruch und Emanzipation: Machogeist am Bauhaus

Das Bauhaus in Weimar und Dessau: Es steht für Avantgarde, für den Aufbruch aus einer ästhetisch verkrusteten Zeit, für die Moderne und die Emanzipation aus einem zu eng empfundenen Architektur- und Kunstverständnis. Dass ausgerechnet hier alte Mechanismen und Denkweisen wüten, überrascht und stellt das Bauhaus in seiner nachträglichen Mystifizierung in ein unerwartetes Licht. Theresia Enzensberger – zu Gast im Salon in Wiesbaden – führt ihre Leser und Zuhörer in ihrem Roman “Blaupause” keineswegs auf den historischen Pfad der ästhetischen Revolutionäre Walter Gropius, Wassily Kadinsky, Paul Klee und Johannes Itten, wie man vermuten könnte. In ihrem Debüt über das Bauhaus hat sie anderes im Sinn. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Luise Schilling, die begeistert dem Lockruf der Bauhäusler folgt. In Weimar schreibt sie sich – wie viele andere junge Frauen ihrer Zeit – an der Kunstschule von Walter Gropius ein, im Glauben, Teil dieser modernen Bewegung zu werden. Doch das experimentelle Ausbildungsprogramm führt die weiblichen Studierenden auf direktem Weg in die Webwerkstätten und weniger in die Tischlereien und Architekturschulen. Der Ansturm der Frauen hat die männlichen Bauhäusler offenbar überfordert. Dass sich Frauen für technische Probleme interessieren und über dreidimensionales Denken verfügen, übersteigt das Vorstellungsvermögen der Lehrkräfte am Bauhaus. Trotz vieler Demütigungen, Selbstzweifel und kritischer Selbstbespiegelung gibt Luise ihren Traum so schnell nicht auf. Sie möchte dazugehören, sucht nach Anerkennung und wirft sich hinein in den Dampfkessel der widersprüchlichen Strömungen und Ideen ihrer Zeit. Alles ist zugleich möglich und denkbar: Freizügigkeit und Dogmatismus, menschliches und reaktionäres Gedankentum, zarte Anflüge von Gleichberechtigung und schlimmster Sexismus. Wie – so fragt sich Luise am Ende ihres Studiums – sollen in einem derartigen Klima widersprüchlicher Haltungen neue Formen möglich sein? Wie kann hier der neue Mensch geprägt durch die neuen Formen, die ihn umgeben, hervorgehen? „Wie soll das möglich sein, wenn diese Formen doch immer nur von den alten Menschen mit all ihren Fehlern und Mängeln geschaffen werden können?“ Eine Frage, die sich im anschließenden Gespräch an die Lesung auch die Salongäste stellen: Die gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft – ist nicht auch sie durch die vielen Fehler und Mängel, die von den Rändern und den Widersprüchen in der Mitte der Gesellschaft ausgehen, in akuter Gefahr?

Einen ganz besonderen musikalischen Abend in Hannover gab es am vergangenen Sonntag im Salonfestival in einem Privathaus: Jessica Pilnäs, hinreißende Sängerin, und Mattias Ståhl, Vibraphonist und Pianist, waren aus Schweden angereist, um ihre Hommage an Peggy Lee – die berühmte Sängerin des amerikanischen Jazz – zu spielen. An die fünfzig Gäste waren gekommen und vom ersten Lied an gefesselt von der entwaffnenden Natürlichkeit von Jessica Pilnäs. Sie moderierte ihr Konzert auf charmante Weise: mal lässig, mal witzig („Sie tue alles für die Kunst“ – als Kommentar zu ihren ausgewöhnlich hohen schwarzen Glitzerschuhen – „die sehr unbequem seien“), mal ernst, als sie einen Song anstimmt, der sie an eine besondere Begegnung erinnerte. Mattias Ståhl begleitete abwechselnd am Vibraphon und am Flügel: konzentriert und überzeugend einfühlsam mit etlichen eigenen jazzigen Passagen. Jessicas Stimme, ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, und das Spiel von Mattias Ståhl harmonierten perfekt. Das Publikum lauschte hingerissen und gab begeisterten Beifall! Auch nach dem zweiten Set des Konzertes, dem noch einige Zugaben folgten. Und dann standen alle auf und klatschten – wunderbar. Der Abend war gedacht als Hommage an Peggy Lee und endete in einer Hommage an die großartige Sängerin Jessica Pilnäs und den erstklassigen Jazz-Vibraphonisten Mattias Ståhl. Songs wie „Fever“, „Is That All There is?“ und „There´ll Be Another Spring“ berührten das Publikum ebenso wie Louis Armstrongs „What a wonderful world“ – was für ein wundervoller Abend bei wundervollen Gastgebern!

© Felix Broede

 

Dirigent Omer Meir Wellber und Nikolaus Bachler, Intendant der bayerischen Staatsoper im Gespräch – moderiert von der Journalistin Inge Klöpfer

„Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“

Ein heißer Freitagabend im Juni. Am Tag vor dem Eröffnungskonzert der Münchner Opernfestspiele 2017 finden sowohl Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler als auch der Dirigent des Eröffnungskonzerts, der israelische Nachwuchskünstler Omer Meir Wellber, Zeit für ein Salongespräch in der Münchner Galerie Tanit. Bachler gilt als Entdecker des jungen Dirigenten aus Israel. Er schildert im Gespräch mit der Journalistin Inge Klöpfer, dass ihn besonders der Mut des Künstlers begeistert habe, Kompositionen immer wieder anders zu präsentieren. „Jedes Mal interpretiert er neu“, so Bachler.

Meir Wellber hat sein Akkordeon mitgebracht und spielt zur Einstimmung erst einmal Klänge aus seiner israelischen Heimat, fröhlich, schnell, mitreißend. Das Thema an diesem Abend ist sein Mozartbild, insbesondere am Beispiel von dessen Zusammenarbeit mit dem Librettisten Lorenzo da Ponte. Der ehemalige Schüler von Daniel Barenboim hat erst spät zu Mozart gefunden, während seiner Zeit an der Dresdner Semperoper: „Erst als in Dresden die Idee aufkam, alle drei Mozartopern mit den Libretti von da Ponte aufzuführen, platzte bei mir der Knoten.“ Seine „Momente mit Mozart“ beschreibt er in seinem neuen Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe“, das er gemeinsam mit der Publizistin Inge Klöpfer geschrieben hat. Klöpfer, die das Salongespräch mit den beiden Künstlern kompetent moderiert, ist insbesondere für ihre Biografien der Verlegerin Friede Springer und des Dirigenten Kent Nagano bekannt geworden.

Wenn gleich die genaue Zusammenarbeit von Mozart und da Ponte nicht dokumentiert sei, erläutert Meir Wellber, habe er ein genaues Bild davon, wie die beiden Künstler durch ihre unkonventionelle und kreative Zusammenarbeit der Oper neue Kraft gaben. Beide waren künstlerische Revolutionäre im Europa der Aufklärung, kreativ und hochbegabt – und zugleich zutiefst gesellschaftskritisch. Beide waren Freigeister, die sich über Konventionen hinwegsetzten, Spielernaturen mit einem Hang zum Risiko, sinnliche Lebemänner und äußerst selbstbewusste Kreative, die sich in der Welt zwischen Adel und Bürgertum bewegten. Die Zusammenarbeit der beiden sei überaus fruchtbar gewesen, Buchstaben und Noten wunderbar aufeinander abgestimmt, die Energien von Musik und Text beeindruckend. Und die Botschaft revolutionär. „Hören Sie selbst“: Meir Wellber holt wieder sein Akkordeon hervor und spielt Opernpassagen aus „Die Hochzeit des Figaro“, um zu verdeutlichen, wie Musik und Text sich ineinander fügen und die Musik die Botschaft des Librettos verstärkt.

Meir Wellers Fazit: Die Zusammenarbeit beider Künstler, Mozart und da Ponte, war hochkreativ und beflügelnd. Außergewöhnlich eben. In seinem aktuellen Buch ist zu lesen: „Beide, Komponist und Dichter, wären in ihrer Entwicklung nicht so weit gekommen, hätte es den intensiven Austausch nicht gegeben. Für Mozarts musikalische Entwicklung ist da Ponte ein Glücksfall, weil ihn der Dichter mit seinem umfassenden Verständnis des menschlichen Daseins und all seiner Unwägbarkeiten dazu inspiriert, die Grenzen der Möglichkeiten einer Oper weit nach vorne zu verschieben.“ Und zu da Ponte ist zu lesen: „Hätte er sich nicht auf Mozart eingelassen, wären er und seine Texte für immer in den Archiven verschwunden“. Eine starke Interpretation.

Zum Abschluss des Salongesprächs spielt Meir Wellber dann noch einmal auf seinem Akkordeon, bevor der Salonabend mit vielen Gesprächen ausklingt, mit Fragen und Anregungen rund um das Thema „Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“.

Das Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe – Momente mit Mozart“ von Omer Meir Wellber und Inge Klöpfer ist 2017 bei EcoWin erschienen.

Europa befindet sich doch im Aufschwung! Die Konjunktur zieht an, unerwartet und viel besser als vermutet, so der Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer, im Salonfestival in Wiesbaden. Die antieuropäischen Stimmen der Rechtspopulisten werden nach seiner Einschätzung leiser, Pro-Europäer gehen auf die Straße und setzen ein spürbares Gegengewicht. Und dann die jüngsten Wahlergebnisse: Auch sie heben die Stimmung auf proeuropäischen Kurs. Und doch: Unter der glänzenden Oberfläche brodelt es. Viele Probleme, die aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise resultieren, sind längst nicht gelöst und die Gefahr des Zerfalls des Euroraums mitnichten gebannt, so Dr. Jörg Krämer. Er gibt als kleine Wissensauffrischung einen kurzen Rückblick der mehrstufigen Krise, die 2007 schleichend begann. Zunächst als eine Finanzkrise der Banken, die untereinander kein Vertrauen mehr hatten. Dann brach 2008 die Krise spürbar für alle aus. Lehman Brothers ging pleite und die Krise dehnte sich auf den gesamten Wirtschaftsraum aus. Die Unternehmen stornierten im großen Stil Aufträge, und der wirtschaftliche Einbruch auch bei nichtfinanziellen Unternehmen war so heftig wie seit 1929 nicht mehr. Bereits ein Jahr später gerieten hochverschuldete Staaten ins Trudeln. Griechenland offenbarte das ganze Ausmaß seiner bis dahin verschleierten Haushaltsdefizite und seines Schuldenstands. Eine Rückzahlung der Schulden ist bis heute undenkbar. Was dann geschah, wertet Krämer als einen bedeutsamen Schritt in der Entwicklung der Eurokrise: Die Europäische Zentralbank erklärt 2012, dass sie unbegrenzt Anleihen schuldengeplagter Länder aufkauft, um eine Eskalation der Euro-Krise zu verhindern. Da eine Notenbank so viel Geld schöpfen kann, wie sie will, hat die EZB unendliche Mittel für diese Maßnahme.

Und? Was haben die Rettungsaktionen gebracht?
Dr. Jörg Krämer zieht eine Bilanz. Die EZB habe das Zerfallsrisiko der Union abgemildert; Spanien, Portugal und Irland haben die Rettungsaktionen konstruktiv genutzt und sind nach harten Reformen mittlerweile auf gutem Kurs. In Griechenland dagegen fließt das Geld lediglich von der rechten in die linke Jackentasche und die Lage stagniert. Gefährlich für den Euroraum sei das Land jedoch nicht. Ganz anders die Situation in Italien. Das Land ist hochverschuldet und steckt anhaltend in einem Reformstau ohne jegliche Produktivitätssteigerung. Die EZB sorgt mit dem unbegrenzten Ankauf von Staatanleihen für niedrige Zinsen, sodass sich Italien stets refinanzieren kann, ohne die enormen Staatsschulden auch nur ansatzweise abzubauen. Italien ist das große Problem für Europa, und deshalb kann mitnichten davon gesprochen werden, dass die Krise gebannt wäre.

Was ist zu tun?
Dr. Jörg Krämer plädiert dafür, dass die „Problemländer“ ihre Hausaufgaben machen und endlich die notwendigen Reformen durchziehen. Er votiert darüberhinaus für die Wiederherstellung des Haftungsprinzips, wie es für jeden Bürger gelte: Wer ein Risiko eingeht, muss dafür sorgen, dass er aus der selbstverschuldeten Situation wieder herauskommt. Ein altes Prinzip der sozialen Marktwirtschaft. Außerdem sollten die Banken ihr Eigenkapital hochfahren, um für Krisen gerüstet zu sein und Risiken aus eigener Kraft abfedern zu können. Und schließlich sei es notwendig, dass schrittweise die im Maastricht Vertrag geregelte No-Bail-Out Klausel, also die Nichtbeistands-Klausel, wieder eingeführt werde. Sie besagt, dass kein Land für die Schulden eines anderen EU-Landes den Kopf hinhalten muss. Aus Sicht eines Ökonomen sind das fraglos schlüssige Maßnahmen. Warum es in der jüngsten Geschichte doch anders kam? Weil nicht alles in der EU eine ökonomische Entscheidung ist, sondern auch eine politische – vielleicht sogar eine emotionale und menschliche. Vielleicht ist das auch gut so!

 

„Ich wünsche mir einen Bundesstaat Europa“ Heribert Prantl

Sonntag Nachmittag, 7. Mai 2017 in München, der Tag der Stichwahl für die Präsidentschaft in Frankreich. Wer wird gewinnen? Macron oder Le Pen, Europa oder der wieder erstarkte Nationalismus? Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, hätte sich keinen symbolträchtigeren Tag für seinen Europavortrag beim Salonfestival in München wünschen können. Seine Haltung wird bereits im Titel klar: „Europa muss man einfach lieben!“. Und so wird sein Vortrag ein langer, leidenschaftlicher Leitartikel, ein Bekenntnis und ein Plädoyer für die Europäische Union.

Sein Europa, so Prantl, beginne im Alten Rathaus zu Regensburg, dem Ort des von 1663-1806 tagenden immerwährenden Reichstags im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dieses Gebilde aus einer Vielzahl unterschiedlicher Fürstentümer und Königreiche nehme die Komplexität Europas vorweg: umständlich, föderal und partizipativ. Auch deshalb sei es heute so schwer, den europäischen Gedanken weiterzuentwickeln.

Er sei mit dem Traum eines vereinten Europas aufgewachsen, erzählt Prantl. Als Schüler und Jugendlicher sei er viel durch Europa gereist. Das sei damals etwas besonderes gewesen. Seine beiden Töchter habe er aus diesem Grund immer ermutigt, in Europa zu leben und zu lernen. Als einer, der im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, sieht er Europa als Friedensstifter, als eine Notwendigkeit und nicht eine Reminiszenz. Für ihn sei Europa ein anderes Wort für Zukunft.

Heute aber sei die europäische Union von innen heraus bedroht, sie scheine für viele Menschen zu abstrakt und zu komplex. Ein Grund dafür, so Prantl, liege darin, dass Europa im Kern eine Wirtschaftsgemeinschaft sei, und noch keine Sozialgemeinschaft. Die Globalisierung mit ihren Folgen wie etwa dem aggressiveren Kapitalismus, dem Niedergang sozialer Sicherheit, der Erosion der Mittelschicht und natürlich der horrenden Jugendarbeitslosigkeit fordere die Bürger der Europäischen Union heraus. Es ist, als ob ein Weltstaubsauger die europäischen Werte eingesaugt hätte, sagt Prantl. Als Folge davon seien Populismus und Nationalismus wieder aufgekommen, die zurück zu alten Grenzen und Abgrenzungen wollten – und den hellsten Stern der Aufklärung, Europa, verdunkelten.

Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere: mit diesem Satz von Sartre leitete Prantl seine Aufforderung ein, sich für Europa einzusetzen. Die gemeinsame europäische Zukunft entstehe nicht einfach so, sie wolle durchdacht, gestaltet, gebaut werden und das erfordere Energie und Durchhaltevermögen. Und wenn Europa alle sein Bürger ansprechen wolle, müsse es Heimat werden. Europäer wollten sich in ihrem Europa geborgen fühlen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei Gerechtigkeit. Gerecht aber sei die Situation in Europa eben noch lange nicht.

Prantls Vorschlag ist, durch eine europäische Sozialpolitik eine gemeinsame und so auch emotionale Heimat zu schaffen. Doch der Weg von einer Nutz- zu einer Schutzgemeinschaft sei weit. Dennoch, meinte er, bliebe uns nichts anders übrig, als diesen Weg zu gehen. Und das – wie er abschließend mit dem Dichter Freiliggrath sagte – trotz alledem und alledem!

Die Diskussion mit dem engagierten Publikum brachte weitere Anregungen dazu, wie Gerechtigkeit innerhalb der Europäischen Union herzustellen sei – z.B. durch Ausgleichszahlungen zwischen Nord- und Südeuropa innerhalb einer gemeinsamen Steuer- und Wirtschaftspolitik oder einen Schuldenschnitt. Man müsse auch europäisch teilen lernen. Das gelte insbesondere für die Deutschen und die nordischen Länder. Auf diesem Weg käme man vom Binnenmarkt zum Gemeinwesen. Wenn allerdings diese Perspektive bis zur Europawahl 2019 nicht Gestalt annähme, könnte es kritisch werden mit dem Projekt Europa.

Ferner wurden Jugendaustausch, europäische Studienmöglichkeiten und die Bewegung Pulse of Europe diskutiert. Diese Bewegung gehe in die richtige Richtung, denn Europa brauche etwas, das das Herz erfülle: „Man muss Europa auch singen können“ wünschte sich Prantl.

Die Diskussion verdeutlichte, dass noch viele Aufgaben vor uns liegen auf dem Weg zu dem Punkt, an dem Europa als Wert gefühlt, gespürt und ein gemeinsames europäisches Verständnis Wurzeln schlägt: vor allem eine Kultur des Diskurses, des Gesprächs und die Auseinandersetzung mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch mit denen, die man nicht so deutlich hört. Genau dafür, als ein Multiplikator für die Idee von Europa, sei das Salonfestival wie geschaffen, meinte Prantl.