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Es gibt diese magischen Abende, an denen alles stimmt: Gäste, Künstler, Gastgeber, Ambiente, ja sogar das Wetter. 

Der 8. Juni 2018 ist so ein Abend, und die Magie beginnt lange zuvor, mit dem Vorgespräch bei Gastgeber Klaus Hempel am 14. Dezember 2017. Schnell werden die Präferenzen des Gastgebers deutlich: Lesung, nun ja, aber dann doch bitte sehr klassisch. Musik, sehr gerne, und bitte Jazz. Die Verbindung von beidem findet sich bei Caroll Vanwelden, jener phantastischen Musikerin, die in den letzten Jahren drei Alben herausgebracht hat, auf denen sie Sonette William Shakespeares in Töne gegossen hat. Leichtfüßig und rhythmisch, immer im Einklang mit der Stimmung des jeweiligen Sonetts. Und die an genau diesem Tag abends in Köln gastiert. 

So dauert es mit einem erneuten Treffen mit Klaus Hempel keine acht Stunden. Spontan beschließen wir, das Konzert in Köln zu besuchen, und nach wenigen Minuten steht fest: das passt. Bereits am folgenden Tag geht die Anfrage an Caroll Vanwelden. Nach Abstimmung mit ihren Musikern haben wir binnen weniger Stunden einen Termin für den Salon. 

8. Juni. Die Versandhalle der Hempel ElektroMaschinenbau ist immer noch wiederzuerkennen und ist doch auch ganz Konzertsaal. Der Flügel, der an diesem Abend eine besondere Rolle spielen wird, steht auf einer eigens errichteten Bühne. Der Tontechniker hat sich seit dem Mittag die schwierige Akustik einer Industriehalle untertan gemacht. 

Den Rest hatte Brigitte Triesch, Marketingleiterin des Unternehmens, gezaubert: Bestuhlung, Dekoration, Catering, Service – alles war bis ins Kleinste durchdacht, bis hin zu extra für diesen Abend angefertigten Heften mit den Sonetten und deren Übersetzung ins Deutsche. 

Klaus Hempel hält eine furiose Begrüßungsrede, die an diesem Abend potentielle Gastgeber ins Grübeln bringt: Das soll ich dann also auch leisten? Nein, keineswegs. Ein kurzes „Hallo und gute Unterhaltung“ reicht in der Regel völlig aus. Nur eben an diesem Abend nicht. Die kleine Ansprache war so pointiert, dass wir sie unten gerne im Wortlaut wiedergeben.

Die Musiker betreten die Bühne: Caroll Vanwelden (Vocals und Piano), Mini Schulz (Kontrabass), Thomas Siffling (Trompete und Flügelhorn) und Jens Düppe (Schlagzeug und Percussions) begeistern ab dem ersten Takt und bieten ihren Zuhörern einen Abend voller Verliebtheit, Trennung, Eifersucht, Trauer und Zuversicht. Caroll Vanwelden berichtet von der Entstehung der einzelnen Titel, wie sie die Stücke für das erste Album in kürzester Zeit komponiert hat, die Melodien von den Texten gleichsam diktiert wurden. Ausgewählt wurden die Sonette nicht nach ihrer Bekanntheit, sondern durch die Wirkung, die sie auf Caroll Vanwelden hatten. Die vier Musiker zeigen ihre große Spielfreude und auch den Spaß, den sie an der Location und dem Format des Salons haben. Und in Sachen Virtuosität stehen die vier Ausnahmemusiker ihrem Textdichter nicht nach. 

Zwei Sets und eine Zugabe lang werden die Gäste verzaubert. Und anschließend? Da wird die Salonkultur weiter gelebt: Das Tor der Halle ist zum Hof offen, bis ein Uhr nachts stehen die Musiker mit den Gästen und dem Team von Klaus Hempel draußen oder in der Halle, mit Fingerfood, einem Glas Wein, vielleicht einer Zigarette in der Hand. Es wird diskutiert, gelacht, sich miteinander bekannt gemacht. Eine laue Sommernacht nach strömendem Regen bis mittags. Keiner will den Zauber dieses Abends hinter sich lassen. Und so klingt er auch heute noch nach. 

 

Einführung von Klaus M. Hempel:

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

schön, dass Sie hier sind – Sie hätten ja auch woanders sein können. Zum Beispiel in Düsseldorf auf der Kö, wo gerade Büchermeile ist, in Krefeld bei einem Stadtjazz-Festival, an Gelegenheiten für kulturelle Betätigung hat es keinen Mangel. Die Mutigeren unter Ihnen hätte es in die Elbphilharmonie verschlagen können, nach Verona oder Bayreuth, oder hardcore mit 40.000 anderen Menschen in die Berliner Waldbühne, um einen jugendlichen Jammerer darüber wehklagen zu hören, dass er keine Maschine ist.

Aber Sie sind hier. Und weil Sie intelligente Menschen sind, glaube ich, dass Sie einen Grund dafür haben. Vielleicht haben Sie ja wie ich das Gefühl, dass solche Veranstaltungen eines gemein haben: das Element der Vermassung, der Ent-Individualisierung, der Passivierung. Durch fremdbestimmte Organisation wird eine Distanz zur Kunst aufgebaut und letztlich landen viele dieser Massen-“Kunstveranstaltungen” im Kitsch. Ein Tenor ist sicherlich Kunst, drei Tenöre vielleicht ganz hohe Kunst, 7 oder 29 Tenöre sicherlich Kitsch für die Masse. Und wir alle erleiden in diesen Veranstaltungen ein allgemein gesellschaftliches Phänomen: Es gibt eine Institution, die es für Sie macht.

Vielleicht sind Sie also nun hier, weil das Salonfestival Sie neugierig gemacht hat. Die Intention, Kultur und Kunst in unseren Alltag zu holen, in unser Wohnzimmer oder wie am heutigen Abend in unsere Arbeitsumgebung und in unseren Arbeitsalltag. Nicht zuletzt deshalb habe ich ständig versucht, mein Organisationsteam davon abzuhalten, die Veranstaltung zu über-organisieren oder zu over-catern. Das Element der Improvisation und des Alltäglichen, die wirkliche Arbeitsatmosphäre sollten nicht verloren gehen. Nun, das überwältigende Feedback aller weiblichen Besucher, wie schön es doch geworden ist, hat mich eines Besseren belehrt und ich danke meinem Team für den wunderbar vorbereiteten Abend.

Ich möchte Ihnen die Akteure getreu dem Motto ‘Alter vor Schönheit’ vorstellen. Hinter mir steht ein Stutzflügel, der es aus unserem Wohnzimmer bis hierher geschafft hat. Baujahr 1910 Klaviermanufaktur Mann & Co. in Bielefeld. Dieser Flügel ist 108 Jahre alt, ein knorriger Ostwestfale, der trotz seines hohen Alters tapfer durchhält. Dennoch, die Älteren unter Ihnen, so alt wie ich oder gar noch älter, wissen, dass es ganz ohne Wehwehchen nicht geht. Und so sind wir auch sehr dankbar, dass der Klavierstimmer gerade nochmal zu einer Notoperation hier war.

Meine Damen und Herren, glauben Sie mir, wenn ich einen Kawai-Flügel hätte haben wollen, ich hätte ihn bekommen. Kawai ist gerade 5 km von hier entfernt und die leihen die Dinger aus. Aber mir erschien für das Salonfestival genau und gerade dieser Stutzflügel richtig, denn …  – was ist ein Stutzflügel?

Ein Flügel, der in Länge und Breite ein wenig reduziert ist, so dass er in den Salon oder das großbürgerliche Wohnzimmer des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts passt. Dieser Flügel ist ein Botschafter aus einer bürgerlichen Welt vor wahnsinnigen Revolutionen und aberwitzigen Jahrhundertkriegen, aus einer Zeit, in der mangels elektronischer Speicherkapazität Musik noch von Hand gemacht wurde.

In diesem bürgerlichen Salon gab es eine Nähe zu den Künstlern, eine Nähe zum kreativen Prozess, eine Nähe und eine Kommunikation zwischen den Menschen, die wir auf neudeutsch so schön “die hart arbeitenden Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft” bezeichnen. Also Sie und ich. 

Wenn Sie eine Idee vom bürgerlichen Salon und seiner Bedeutung für Kunst und Kultur bekommen wollen, so anempfehle ich Ihnen den wunderbaren Film von Woody Allen  “Midnight in Paris”, der auf höchst anschauliche Weise zeigt, wie im Hause der Gertrud Stein in Paris die Künstler, die das 20. Jahrhundert nachhaltig prägen sollten, Man Ray, Picasso, Josephine Baker, Dali und viele andere, sich zusammen gefunden und erprobt haben. Auch für die Entwicklung der Musik und insbesondere des Jazz im 20. Jahrhundert war dieser ‑ wie viele andere – Salon von höchster Bedeutung.

Erleben wir doch in der Musik die intensivste Teilhabe am kreativen Prozess, denn Livemusik ist in genau in dem Moment erlebbar, in dem sie geschaffen wird, und sie verklingt im Augenblick. Und besonders Jazz, durch das Element der Improvisation, lässt uns Kreativität ganz nah erleben.

Und darum sind wir hier in der Werkstatt. Hier reparieren wir Maschinen, keine Neufertigung. Eine Reparatur ist in jedem Einzelfalle anders, erfordert in jedem Fall neue Kreativität. Auch hier arbeiten Menschen schöpferisch.

Meine Damen und Herren, laufen Sie rum, nutzen Sie die Pausen. Sehen Sie, was wir an Werkstücken ausgestellt haben, fassen Sie es an (schmutzige Finger auf eigene Gefahr!). Fragen Sie meine Kollegen, die zu Ihrer Betreuung hier sind oder lassen Sie sich von ihnen rundführen. Und jetzt lassen Sie sich bitte zunächst von Caroll Vanwelden und ihrer Band verzaubern.