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Ein besonderer Literatursalon in Hannover: Bereits zum dritten Mal öffnet die LUMAS Galerie ihre Türen für das „salonfestival“. Der Blick schweift sofort: Großformatige, stimmungsvolle Bilder mit Blick auf geheimnisvolle Orte geben hier den atmosphärischen Rahmen, denn R.L. Stevensons „Schatzinsel“ steht auf dem Programm. Ein Abenteuerroman, 1883 auf Englisch, 1887 erstmals auf Deutsch erschienen. Erdacht und aufgeschrieben in den regnerischen schottischen Highlands, mit einer Schatzkarte fing alles an. Ein Weltklassiker, der seine Leser im Sturm eroberte, denn erzählt wird vom Abenteuer auf dem Meer, von fernen Welten, von einer spannenden Schatzsuche und dem Kampf um das Überleben. Der renommierte Übersetzer, Essayist und Autor Andreas Nohl hat sich bereits einiger Klassiker angenommen und sie behutsam und kundig neu übersetzt: R. Kipling, R.L. Stevenson und Mark Twain – schön gestaltete Bände, die Lust auf das Lesen machen. Eine Wiederbelebung der Weltklassiker, die lange Zeit als Jugendliteratur eingestuft wurden, wie Nohl erläutert. Und natürlich dürfen ausführliche Anmerkungen und ein anspruchsvolles Nachwort nicht fehlen, die manchen Einblick in die Problematik des Übersetzens geben und dem neugierigen Leser vieles erhellend vermitteln.

Für die „Schatzinsel“ gibt es viele Lesarten, Stevensons Meisterwerk hat nichts von seinem Zauber eingebüßt, das merkt bereits auf den ersten Seiten von Nohls einfühlsamer Art, sich werkgetreu und doch modern diesem Roman zu nähern. Jede Übersetzung hat ihre Zeit, erläutert Nohl – immerhin gibt es allein ins Deutsche zahllos Bearbeitungen, Übertragungen, mal kindgerecht, mal freier übersetzt, und natürlich auch viele Verfilmungen und Hörspielbearbeitungen. Sprache ist stets im Wandel, daher, so Nohl, wolle er stets so nah am Original bleiben wie möglich und natürlich gleichermaßen lesbar. Die FAZ wählte denn seine Übersetzung der „Schatzinsel“ 2013 zu den eindrucksvollsten literarischen Leistungen.

Vor einem sehr interessierten Publikum liest Andreas Nohl äußerst unterhaltsam aus dem ersten Kapitel des Romans und erzählt anekdotenreich vom Leben R.L. Stevensons. Stevenson hat sich von einem sehr stilbewussten Reiseschriftsteller hin zu einem Autor entwickelt, der für alle Leser gleichermaßen schreiben wollte, für Kinder und Erwachsene, und hat deshalb das Genre der „romance“ gewählt.

„Die Schatzinsel“ ist ein Weltklassiker der frühen Moderne, „ein tolles Stück Weltliteratur“, wie Nohl begeistert sagt, ein Buch für jeden Leser und jede Leserin, das an sich schon ein Schatz ist. Die Spannung liegt nicht nur in der bloßen Geschichte, im üppigen, stilistisch ziselierten Erzählen, sondern in den oft zwiespältig angelegten Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen. Auch geht es geht um mehr als Geldgier, es geht um Freiheit, Glück und Individualität. Oder, wie Nohl es aus seinem glänzenden Nachwort zitiert:“ Es geht um das nackte Überleben.“ Also ganz moderne Themen. Und um den „besseren Ort“, zu dem R.L. Stevenson die Welt mit seiner Literatur machen wollte.

Ulrike Groffy