Donnerstag, 22.11.2018 // 19.30 
zu Gast im Studio of fine arts // Waldtrudering

Prof. Dr. Armin Nassehi

Einfache Lösungen für komplexe Probleme?

Warum das kausale Denken nicht mehr funktioniert

Vortrag und Gespräch. Die Welt scheint nicht nur immer komplizierter zu werden, sie ist vor allem immer komplexer. Komplexer, das heißt: Es gibt stets und immer mehrere Versionen eines Problems, mehrere Perspektiven, die sich zum Teil widersprechen und doch alle Recht haben können. Wir haben es mit unbeabsichtigten Nebenfolgen zu tun, wenn wir Lösungen für Probleme versuchen. Wie reagiert man am besten auf den Klimawandel? Was ist die richtige Strategie für Migrationsfragen? Wird es noch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Arbeit und Einkommen geben? Ist die Digitalisierung eine Chance oder nur eine Gefahr? Welche technische Lösung wird unsere Mobilitätsprobleme lösen?

Das sind die großen Fragen öffentlicher Debatten – und leider gewöhnen wir uns an allzu einfache Lösungen, die Komplexität vermeiden wollen. Manche glauben an autoritäre Modelle, andere setzen auf moralische Einsicht. In Wahrheit gibt es jene Masterpläne nicht mehr, mit denen man dachte, jedes Problem durch Eindeutigkeiten meistern zu können.

Es muss deshalb umgedacht werden – nicht in dem Sinne, dass nun einfach bessere Lösungen auf der Hand liegen. Wir müssen uns vielmehr mit der Komplexität der Welt versöhnen – will heißen: Sie verstehen lernen, auch schätzen lernen, weil sie auch Freiheitsgrade aufspannt und nicht zuletzt pluralistische Lösungen ermöglicht. Wer Komplexität ernst nimmt, kritisiert die heroische Idee der letzten Wahrheit.

Dafür braucht es eine Denkhaltung, die auch kontraintuitiv sein kann – und es braucht eine Haltung, die mit unplanbaren Prozessen rechnet. Es sollte also nicht darum gehen, was passiert, wenn wir die Masterpläne verlieren, sondern darum, was wir gewinnen, wenn wir auf sie verzichten. Komplexes Denken muss gar nicht wirklich kompliziert sein – aber es denkt anders.

Armin Nassehi wird in dieses Denken einführen und, in die Welt von Mehrdeutigkeiten, Unberechenbarkeiten und merkwürdigen Verbindungen. Und es wird sich zeigen, wie befreiend eine solche Perspektive sein kann.

Prof. Armin Nassehi, ist in Tübingen, München, Landshut, Teheran und Gelsenkirchen aufgewachsen. Er hat Erziehungswissenschaften, Philosophie und Soziologie studiert. Seit 1998 ist er Nachfolger von Walter L. Bühl am Lehrstuhl I für Soziologie an der Universität München. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Kultursoziologie, Politische Soziologie, Religionssoziologie sowie Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Seit 2012 ist er Herausgeber der Kulturzeitschrift Kursbuch.