Prof. Dr. Wolfgang Ertel und Birte Platow

In einem besonders persönlichen und heimeligen Salon in Essen-Kettwig wurde der Wissenschaft auf den Zahn gefühlt. KI-Professor Wolfgang Ertel klärte uns zunächst über den Stand der Technik und der Forschung auf und gab einen Ausblick in die Zukunft: Was kann die KI schon heute, was wird sie in den nächsten zwei bis fünf Jahren können und wollen wir wirklich das, was sie eventuell in 20 Jahren können wird?

Kritisch beleuchtet wurden diese Fragen, die sich schnell als existentiell für die Menschheit und deren Fortbestand herausstellten, durch die ethisch-normative Betrachtungsweise durch den zweiten „klugen Kopf“ an diesem Abend, der Religionswissenschaftlerin Dr. Birte Platow, die an der Universität Augsburg zu diesem Thema forscht.

„Deep learning“ ist die Lernform der Maschinen, die uns längst überflügelt haben, was Spezialaufgaben wie medizinische Diagnoseverfahren oder Gesichtserkennung betrifft. Autonomes Fahren wird in den nächsten Jahren immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden.
Auch Serviceroboter sind angewandte intelligente Technik, die uns schon bald in einem Heer von geschätzt einer Milliarde Geräte das Leben einfacher machen sollen. Allerdings werden zu deren Betrieb Energiekosten in der Höhe von 200 Atomkraftwerken veranschlagt.

Ein Segen – ein Fluch? Hier scheiden sich die Geister. Meinen die einen, durch solche lernfähigen Systeme, die sich ständig und selbständig verbessern, von zeitraubenden und nicht erfüllenden Arbeiten erlöst zu werden, sehen die anderen Untergangsszenarien am Horizont. Von omnipräsenter und omnipotenter Technik auch in den eigenen vier Wänden umgeben zu sein, ist nicht für jeden der Traum von einem Leben, das Raum für die eigene Selbstverwirklichung lässt.

Und so wurde der Kern des heutigen Themas enthüllt:
Was macht den Menschen im Wesentlichen aus?
Ist seine Anfälligkeit zu Fehlern, sein „Trial and Error“-Verfahren, ein Manko oder eine Chance? Gibt es nicht in der Geschichte zahllose Beispiele für bahnbrechende Erfindungen, die durch Irrtümer und das Verfolgen des nur scheinbar falschen Weges gemacht wurden?
Steht die inhaltliche Wesensbestimmung des Menschen nicht in krassem Widerspruch zur bloßen Erfüllung von Funktionen?

Dr. Birte Platow stützte die schützenswerte Einzigartigkeit des menschlichen Wesens durch drei Thesen, an denen sie aktuell an ihrem Lehrstuhl empirisch forscht.
Erstens die Beobachtung, dass der Mensch sich im Beisein der scheinbar perfekten Technik abgewertet fühlt,
zweitens die Gefahr, dass im menschlichen Kollektiv dieses Gefühl der eigenen Unterlegenheit und der Überlegenheit der Technik schnell zur akzeptierten Norm wird („die normative Kraft des Faktischen“)
und drittens die daraus resultierende Eigendynamik, was die Überlegenheit der Technik betrifft und diese wiederum nach vorne katapultiert – und das rein aus dem Zustandekommen der Norm begründet.
Hier nun kommen gleich mehrfach ernsthafte ethische Bedenken ins Spiel, denn unter diesen drei Annahmen ist es ethisch höchst fragil, der Technik eine Überlegenheit zu attestieren.

Nach dieser sehr eindrucksvollen Vorstellung der verschiedenen Standpunkte gab es, wie stets im Salon, eine angeregte Diskussion zwischen den Teilnehmern, den Gästen und Vortragenden – natürlich bei leckeren Kleinigkeiten zur Stärkung.

© Stephanie Oberbeckmann