Es sei leichter, seine autobiographische Scham zu überwinden, wenn man sich selbst zu einer literarischen Figur mache. Ijoma Mangold hat in Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte seine eigene Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein aufgeschrieben und daraus Literatur gemacht. Vor einem vollen Salon las Mangold Auszüge und gab Einblicke in den Menschen hinter der literarischen Figur.

Ganz leicht, wie nebenbei wirft Mangold im Krokodil Blicke auf soziale und philosophische Fragen. Betreibt ein Heranwachsender mit dunkler Hautfarbe, der Thomas Mann und Ernst Jünger liest, damit Assimilierung? Muss man den Kontinent des abwesenden Vaters automatisch lieben? Darf man als Sohn einer Kinderpsychologin die Psychoanalyse verdammen? Wann begreift man als Schüler zum ersten Mal soziale Hierarchie?

 

Ijoma Mangold ist Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, den er erst als Erwachsener kennenlernen wird. Er wächst als einziges farbiges Kind in Heidelberg, genauer Dossenheim, auf, geht auf das humanistische und ein wenig elitäre Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Gymnasium in Heidelberg und studiert später in München und Bologna Literatur. (Sehr viel später wird er nach Stationen bei der Berliner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung Literaturchef der Zeit, das Krokodil spielt davor.) In einer Zeit und in einem Umfeld, das (noch) sehr uniform weiss und deutsch ist, fällt er auf.

Sein Anderssein ist Stoff für lustige Anekdoten und auch traurige Erlebnisse. Immer wieder wollen die Leute seine Haare anfassen oder kommentieren den exotischen Vornamen. Ijoma. Elegant formuliert ein Lateinlehrer seine Befremdung. Die A-Endung zeige normalerweise das Femininum an, aber das Latein kenne auch Ausnahmen, wie beispielsweise bei agricola – der Bauer. ,,Und schon war die Anomalität meines Vornamens durch den Segen des Lateinischen aufgehoben und erfolgreich assimiliert.”, schreibt Mangold.

 

Ein lockerer Autor läßt mit viel Sinn für Humor sein Publikum an den verschiedenen Phasen seines Leben teilnehmen. Der Besuch einer schwarzen Freundin der Mutter führt bei dem Jungen zu Schamgefühl. Der Bildband über Afrika im Wohnzimmer geniert ihn vor seinen Freunden. Die afrikanischen Märchen, die ihm seine Mutter schenkt, landen hinten im Regal. Und das Krokodil aus Ebenholz guckt vom Fenstersims zu. Der Junge wird Thomas Mann-Verehrer und arbeitet an seiner Sprache, wird Teil eines künstlerischen Knaben-Kreises um einen Heidelberger und homosexuellen Schöngeist. Später tritt das Land seines Vaters doch noch in sein Leben, in der Form einer großen afrikanischen Familie voller Herzlichkeit und Fremdheit. Aber dafür sollte man Das deutsche Krokodil lieber selber lesen.

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