In den Räumen der Waage e.V. gab Christian Pfeiffer vor vollem Haus einen
Abend über häusliche Gewalt und ihre Beziehung zu Kindererziehung, zu
Bildung, zu Religion. Durch und durch optimistisch war sein Vortrag, das
hätte ich nicht erwartet, wähnte ich mich als eifriger Zeitungsleser doch
wohlinformiert durch schlimme Meldungen. Aber mein Bild war sichtlich
verzerrt: Die Gewalt habe deutlich abgenommen in Deutschland in den
letzten 20 Jahren, die auf der Straße, die in der Schule, die in den
Familien, etwa um die Hälfte. Dem als Zahlenmann Bekannten purzelten seine
Statistiken nur so aus dem Mund, und doch verlor er sich nicht darin.

Der Schlüssel sei die Kindheit, berichtete er (und belegte es): Wer als
Kind Gewalt erlitten habe, teile sie als Erwachsener selbst aus. Das
Verbot der körperlichen Züchtigung der eigenen Kinder vor etwa 20 Jahren
habe daher den Durchbruch gebracht. Ein Zitterspiel sei es damals gewesen,
die Konservativen im Bundestag zur Zustimmung zu bewegen, schließlich sei
in dortigen Kreisen die Überzeugung nicht so ganz unverbreitet, eine
ordentliche Tracht Prügel habe noch niemandem geschadet. Eine Erkenntnis
aber habe das Umdenken gebracht: Aus einem gezüchtigten Kind wird ein
gewalttätiger Erwachsener, der aber dann nicht nur seine eigenen Kinder
schlägt, sondern auch den greisen Vater, und ihm so dessen eigene Gewalt
Jahrzehnte später zurückzahlt.

Eine liebevolle Kindererziehung ist Gewaltprävention.

Es gibt aber für viele eine zweite Chance: Was man an den eigenen Kindern
gesündigt hat, kann man an den Enkeln zumindest zum Teil wieder gut
machen.

Die Religion sei ein bedauerlicher Gewaltfaktor, mußte der so überzeugte
Protestant eingestehen. “Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn.” Das
stehe nicht im Koran, sondern in der Bibel. Aber Feuer und Wasser —
nämlich extremes Christentum und fundamentalistischer Islam — begegnen
einander gerade hier: Je religiöser, desto gewalttätiger, das gelte bei
den Christen und Moslems gleichermaßen. Gerade eben sind viele, viele
“Zuwanderer” zu uns gekommen (“Einwanderer” dürfe man sie ja nicht nennen,
denn schließlich sei Deutschland ja kein Einwanderungsland). Die meisten
zählten zu gewalttätigsten Bevölkerungsschicht: Männer zwischen 14 und 30.
Und viel zu wenige Frauen dabei, die die Gewalt dämpfen könnten.

Familiennachzug ist Gewaltprävention.

Chancen sind Gewaltprävention, die Chance, dazuzugehören zur deutschen
Gesellschaft und dieses Dazugehören durch eigenes Bemühen auch selbst
erreichen zu können.

Aber auch ein verständiges Rückkehrprogramm ist Gewaltprävention, eins,
das diejenigen, die beim besten Willen nicht bleiben können, mit Chancen
und nicht als Versager in ihre Heimatländer zurückschickt. Ein solches
aber kostet Geld, letztlich gut investiertes.

Ein Imam habe ihn eingeladen, in einer Moschee zu sprechen. Er habe
zugesagt unter der Bedingung, daß auch die Frauen dabei wären. So geschah
es. Hinterher hätten sich die Zuhörer die Köpfe heißgeredet, und der Imam
und er hätten sich darüber gefreut: Nur wenn man über die Dinge redet,
kann sich etwas zum Besseren ändern.

Das Wichtigste aber sind die Kinder: Wenn Max und Mehmet im gleichen
Sandkasten spielen und Max den Mehmet und Mehmet den Max zum Geburtstag
einlädt, dann werden sich auch der große Max und der große Mehmet als Teil
einer gemeinsamen deutschen Gesellschaft sehen.

Bildung ist Gewaltprävention.

Ein hoffnungsvoller Optimist berichtete über seine Leidenschaft: Die Welt
besser zu machen, und er konnte erfreulich viele Beispiele nennen. Viel
ist schon erreicht worden. Doch einiges bleibt noch zu tun.

Eine rege Diskussion erst im Plenum und dann bei Wein und Häppchen
vollendete einen höchst ersprießlichen und lehrreichen Abend.

Selten bin ich nach einem Vortrag so frohen Mutes nach Hause gefahren.

Martin Gerdes besuchte diesen Salon und schrieb hier!