„Ich wünsche mir einen Bundesstaat Europa“ Heribert Prantl

Sonntag Nachmittag, 7. Mai 2017 in München, der Tag der Stichwahl für die Präsidentschaft in Frankreich. Wer wird gewinnen? Macron oder Le Pen, Europa oder der wieder erstarkte Nationalismus? Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, hätte sich keinen symbolträchtigeren Tag für seinen Europavortrag beim Salonfestival in München wünschen können. Seine Haltung wird bereits im Titel klar: „Europa muss man einfach lieben!“. Und so wird sein Vortrag ein langer, leidenschaftlicher Leitartikel, ein Bekenntnis und ein Plädoyer für die Europäische Union.

Sein Europa, so Prantl, beginne im Alten Rathaus zu Regensburg, dem Ort des von 1663-1806 tagenden immerwährenden Reichstags im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dieses Gebilde aus einer Vielzahl unterschiedlicher Fürstentümer und Königreiche nehme die Komplexität Europas vorweg: umständlich, föderal und partizipativ. Auch deshalb sei es heute so schwer, den europäischen Gedanken weiterzuentwickeln.

Er sei mit dem Traum eines vereinten Europas aufgewachsen, erzählt Prantl. Als Schüler und Jugendlicher sei er viel durch Europa gereist. Das sei damals etwas besonderes gewesen. Seine beiden Töchter habe er aus diesem Grund immer ermutigt, in Europa zu leben und zu lernen. Als einer, der im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, sieht er Europa als Friedensstifter, als eine Notwendigkeit und nicht eine Reminiszenz. Für ihn sei Europa ein anderes Wort für Zukunft.

Heute aber sei die europäische Union von innen heraus bedroht, sie scheine für viele Menschen zu abstrakt und zu komplex. Ein Grund dafür, so Prantl, liege darin, dass Europa im Kern eine Wirtschaftsgemeinschaft sei, und noch keine Sozialgemeinschaft. Die Globalisierung mit ihren Folgen wie etwa dem aggressiveren Kapitalismus, dem Niedergang sozialer Sicherheit, der Erosion der Mittelschicht und natürlich der horrenden Jugendarbeitslosigkeit fordere die Bürger der Europäischen Union heraus. Es ist, als ob ein Weltstaubsauger die europäischen Werte eingesaugt hätte, sagt Prantl. Als Folge davon seien Populismus und Nationalismus wieder aufgekommen, die zurück zu alten Grenzen und Abgrenzungen wollten – und den hellsten Stern der Aufklärung, Europa, verdunkelten.

Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere: mit diesem Satz von Sartre leitete Prantl seine Aufforderung ein, sich für Europa einzusetzen. Die gemeinsame europäische Zukunft entstehe nicht einfach so, sie wolle durchdacht, gestaltet, gebaut werden und das erfordere Energie und Durchhaltevermögen. Und wenn Europa alle sein Bürger ansprechen wolle, müsse es Heimat werden. Europäer wollten sich in ihrem Europa geborgen fühlen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei Gerechtigkeit. Gerecht aber sei die Situation in Europa eben noch lange nicht.

Prantls Vorschlag ist, durch eine europäische Sozialpolitik eine gemeinsame und so auch emotionale Heimat zu schaffen. Doch der Weg von einer Nutz- zu einer Schutzgemeinschaft sei weit. Dennoch, meinte er, bliebe uns nichts anders übrig, als diesen Weg zu gehen. Und das – wie er abschließend mit dem Dichter Freiliggrath sagte – trotz alledem und alledem!

Die Diskussion mit dem engagierten Publikum brachte weitere Anregungen dazu, wie Gerechtigkeit innerhalb der Europäischen Union herzustellen sei – z.B. durch Ausgleichszahlungen zwischen Nord- und Südeuropa innerhalb einer gemeinsamen Steuer- und Wirtschaftspolitik oder einen Schuldenschnitt. Man müsse auch europäisch teilen lernen. Das gelte insbesondere für die Deutschen und die nordischen Länder. Auf diesem Weg käme man vom Binnenmarkt zum Gemeinwesen. Wenn allerdings diese Perspektive bis zur Europawahl 2019 nicht Gestalt annähme, könnte es kritisch werden mit dem Projekt Europa.

Ferner wurden Jugendaustausch, europäische Studienmöglichkeiten und die Bewegung Pulse of Europe diskutiert. Diese Bewegung gehe in die richtige Richtung, denn Europa brauche etwas, das das Herz erfülle: „Man muss Europa auch singen können“ wünschte sich Prantl.

Die Diskussion verdeutlichte, dass noch viele Aufgaben vor uns liegen auf dem Weg zu dem Punkt, an dem Europa als Wert gefühlt, gespürt und ein gemeinsames europäisches Verständnis Wurzeln schlägt: vor allem eine Kultur des Diskurses, des Gesprächs und die Auseinandersetzung mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch mit denen, die man nicht so deutlich hört. Genau dafür, als ein Multiplikator für die Idee von Europa, sei das Salonfestival wie geschaffen, meinte Prantl.