Ein musikalisch besonderer Salon eröffnet die Reihe der Konzerte in der zweiten Jahreshälfte im „salonfestival“ in Hannover: Ein warmer Sommerabend in einer hoch oben gelegenen Wohnung am Mittellandkanal, wo man „mit Blicken entschweben kann“, wie die Gastgeberin in ihrer herzlichen Begrüßung erläutert. Ganz bewusst habe sie das Duo Levante in ihr Wohnzimmer geladen, denn das Akkordeon sei erst seit ungefähr 30 Jahren in Deutschland aus seinem Schattendasein „auferstanden“. Dabei sei es ein ungeheuer vielseitiges Instrument, das sich in Klänge und Geräusche einschleichen und mit anderen Instrumentenstimmen verschmelzen kann. Ein anspruchsvolles, ungewöhnliches und eher modernes Repertoire steht auf dem Programm, das Cellist Luis Andrade und Bayan-Spieler Roman Yusipey zusammengestellt haben. Beide Musiker spielen europaweit in ganz unterschiedlichen Formationen und haben sich im Studium in Kiew kennengelernt, der Heimat von Roman Yusipey, während Luis Andrade von Madeira stammt. Er spielt derzeit als fester Cellist am Netherlands Symphony Orchestra, während Roman Yusipey als gefragter Akkordeonist in Europa und Asien unterwegs ist. Sein Instrument ist das Bayan, die osteuropäische Form des chromatischen Akkordeons, das 200 Knöpfe hat, sodass ein größerer Tonraum bespielt werden kann.

Virtuos eröffnen die Musiker den Abend mit einem modernen Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina „In Croce“ – hier wird kaum ein Klang ausgespart, zarte Töne wechseln mit fordernden, um in einer Art Fanfare zu enden. Es folgt die schwungvolle „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky, tänzerisch angehaucht und vom Duo exzellent vorgetragen: Cello und Bayan sind eigenständig zu hören, wechseln in der Betonung, begleiten einander und begeistern im Vortrag durch die schnellen Läufe und Gegenläufe. Das Cello-Solo mit der „Partita“ des portugiesischen Komponisten João Victor Costa beginnt gezupft, ein Stück mit einer besonderen lyrischen Musikalität, welches aus Andrades Heimat kommt und das er mit viel Gefühl und Fingerfertigkeit vorträgt. Eigentlich kann ein Akkordeon ein ganzes Orchester ersetzen, diesen Eindruck erhalten die begeisterten Gäste beim Solo von Roman Yusipey – vier Stücke aus der „Gogol-Suite“ von Alfred Schnittke in der Bearbeitung von Yuri Shiskin: witzige schnelle Miniaturen, die das Hören ‚sehen’ lehren, denn natürlich entstehen bei dieser Musik sofort Bilder im Kopf. Das Bayan wird gezogen und geschoben, es ist ein atmendes Instrument mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die Roman Yusipey souverän beherrscht. Und natürlich darf am Ende – vor den zwei Zugaben, die erklatscht werden – Piazollas „Grand Tango“ nicht fehlen: fulminant, energisch und rhythmisch spannend von den beiden überzeugenden Musikern gespielt, mit hoher Konzentriertheit und einer Fingerfertigkeit, die staunen lässt. Noch lange stehen Gäste und Musiker beisammen, genießen den Ausblick und sprechen bei Wein und kleinen Leckereien über das Gehörte. Und warum ‚Levante’?  Ein Wort aus dem Portugiesischen, das unter anderem ‚emporheben’ bedeutet. Besser kann man diesen Abend nicht beschreiben.