Deutschlands Pionier der Naturheilkunde, Professor Dr. Gustav Dobos, heute führend in der Erforschung und Evaluierung Mind-Body-medizinischer und naturheilkundlicher Behandlungsansätze, gemeinsam mit 40 höchst interessierten und motivierten Zuhörern zu Gast im Haus einer Yoga-Lehrerin – was für ein Dream-Team beim Salonfestival!

Als Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte und als Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen hat Professor Dobos sowohl in der Theorie als auch in der Praxis einen einmaligen und wertvollen Erfahrungsschatz an Wissen über die Kombination von schulmedizinischen und naturheilkundlichen Therapie-Möglichkeiten gesammelt.

Dabei haben sich Yoga und Meditation als höchst wirksame Behandlungsansätze herausgestellt. So beweisen Meta-Studien die Wirksamkeit von Yoga etwa bei Krebs (insbesondere bei Brustkrebs) und Rückenschmerzen, zwei der größten Volkskrankheiten. Besonders bei der Behandlung der Nebenwirkungen der klassischen Brustkrebs-Therapie (Ängste und Depressionen) ist Yoga sehr erfolgreich. Professor Dobos betont, dass sämtliche Aussagen seines Vortrags belegbar sind.

Die Entstehung der Opioid-Krise in den USA hat gezeigt, mit welcher Bedenkenlosigkeit und Unverantwortlichkeit Schmerzmittel flächendeckend eingesetzt wurden. Ursprünglich von einem einzigen Anbieter mit einem ausgeklügelten Marketing-Konzept auf den Markt gebracht, wurden Nebenwirkungen und die Gefahr schnellster Abhängigkeit konsequent unter den Teppich gekehrt. Vielen Menschen mit chronischen Schmerzen kann jedoch mit dem Erlernen der Achtsamkeit geholfen werden, wie es in den Kliniken Essen-Mitte geschieht. Dabei wird das Konzept der „non-judging awareness“ von Jon Kabat-Zinn gelehrt, in dem die Schulung der Achtsamkeit mit dem Kräftigen eines Muskels verglichen wird, was zu einer Stress-Reduktion im Körper führt.

Ein anderes Beispiel: 900.000 Katheter-Untersuchungen in deutschen Kliniken – das sind 3,5 mal so viele wie der westeuropäische Durchschnitt – bringen wohl keinen nachweisbaren Vorteil, denn die deutschen Männer haben von allen Männern in Westeuropa die niedrigste Lebenserwartung. Vorteile für die Lebensdauer bringt hier jedoch ein gesunder und bewusster Lebensstil. Das beweist, dass sogar genetische Prädispositionen positiv beeinflusst werden können, und zwar zu 80-90%. Wer mehr wissen möchte, kann dies im neuesten Buch von Professor Dobos „Das gestresste Herz“ nachlesen.

„Meditieren ist, als würde man sich einen Fallschirm weben, bevor einen die Stürme des Lebens aus dem Flugzeug werfen“

„Mind-Body-Medizin ist eine Therapie für eine dickere Haut“

Begeisterte Patienten beschreiben so ihre Erfahrungen mit den alternativen Methoden, wobei es jedem selber überlassen bleibt, aus dem breiten Spektrum des Angebots das herauszusuchen, was ihm am besten tut. Denn auch dies zeigen zahlreiche Studien: Sich wohl zu fühlen und schon das Bewusstsein darüber, seinem Körper etwas Gutes zu tun, ist von nachweisbarem Nutzen. Das liegt wohl daran, dass durch die jeweiligen Übungen das Streßzentrum des Gehirns herunterreguliert wird; die graue Gehirn-Substanz (substantia nigra) verdichtet sich und schützt Hirn und Körper vor den schädlichen biochemischen Prozessen.

Meditation – die Hippie-Bewegung ist zum Mainstream geworden! Eine Studie unter Harvard-Studenten beweist, dass regelmäßige (das heisst im besten Falle tägliche) Meditation zur Regulation von Emotionen führt. Es leben diejenigen am längsten, die gesund und ausgeglichen mit ihren Emotionen umgehen. Das Erleben großer Gefühlsausbrüche stresst nämlich das Gehirn, und je trainierter dieses durch Entspannungsübungen ist, dessen weniger Schaden nimmt es.

Abschließend begleitete uns Professor Dobos durch eine gemeinsamen Meditation; so erlebten wir am eigenen Körper die entspannende und beruhigende Wirkung des Zu-Sich-Kommens und konnten danach in eine spannende Fragerunde und den Austausch eigener Erfahrungen starten.

von Stephanie Oberbeckmann (Festivalteam Essen)

Das Trio boisé aus Hamburg war bei uns zu Besuch, zwei Klarinetten und ein Fagott. Eigentlich wollten wir das Konzert ja im Garten stattfinden lassen, besser: Die Musici vom Balkon aus, die Zuhörer im Garten. Wer aber hätte erwarten können, daß sich in dieser Klimawandelzeit der Winter bis in den späten Mai ausdehnt? Also wieder Wohnzimmer, dieses Mal mit den Musikern in der Mitte. Das kam bei den Gästen gut an. 

Wenn ich Klarinetten höre, denke ich immer an Lummerland und erwarte, daß irgendwann einmal die gute alte Emma pfeifend zur Tür hereindampft. Die ersten Stücke von Julius Fucik jedenfalls klangen in meinen Ohren sehr danach. Sie haben von Fucik noch nie gehört? Sein berühmtestes Stück, den Marsch “Einzug der Gladiatoren” kennt wirklich jeder – es sei denn, er wäre in seinem Leben noch nie im Zirkus gewesen. 

Ein musikalisch so einfach gestricktes Gemüt wie meins kann man mit Klassik immer beglücken: Zwei Menuette von Haydn blubberten fröhlich daher, danach zwei Trios von François Devienne. 

Es gibt für zwei Klarinetten und Fagott sehr wenig Originalliteratur. Unsere Musiker haben sich daher bei den Bassethörnern bedient, die speziell Mozart sehr geschätzt habe. Ich höre die heutige Besetzung lieber. 

Nach der Pause Präludium und Fuge des englischen Komponisten Richard Walthew. Wer weiß? Vielleicht hat er das Werk seinem Sohn, einem Klarinettisten, auf den Leib geschrieben? Mir war es etwas zu getragen. 

Kein ernsthaftes Klassikkonzert darf ohne Musik des 20. Jahrhunderts auskommen, und ich muß das dann aushalten: Drei Trialoge (?) eines noch lebenden deutschen Komponisten Deutschmann (!) bewiesen, daß Klarinetten und Fagott auch mal ganz anders klingen können. 

Zum Glück für mich kam dann noch ein langer Mozart hinterdrein, und als Zugabe ein Haydn. 

Holzbläser höre ich einfach gern. Und den Zuhörern hat es offensichtlich auch gefallen. Reichlich Beifall, viele angeregte Gespräche.

„Tales & Stories“ lautet der schlichte Titel dieses Musik-Salons in Hannover, erzählt von Tino Derado am Flügel und gesungen von Ken Norris. Zwei leidenschaftliche, begeisternde Musiker, die bereits seit einigen Jahren äußerst fruchtbar zusammenarbeiten. Beide lehren Musik, Ken Norris in Hamburg, und Tino Derado in Berlin und Hannover, aber am schönsten ist es, wenn sie Musik machen. Tino Derado hat den Jazz in den USA gelernt, ist dort gefragtes Mitglied der Latin-Jazz-Szene, Ken Norris mit seinem wandlungsfähigen Bariton stammt aus Ohio.

Ein besonderer Literatursalon in Hannover: Bereits zum dritten Mal öffnet die LUMAS Galerie ihre Türen für das „salonfestival“. Der Blick schweift sofort: Großformatige, stimmungsvolle Bilder mit Blick auf geheimnisvolle Orte geben hier den atmosphärischen Rahmen, denn R.L. Stevensons „Schatzinsel“ steht auf dem Programm. Ein Abenteuerroman, 1883 auf Englisch, 1887 erstmals auf Deutsch erschienen. Erdacht und aufgeschrieben in den regnerischen schottischen Highlands, mit einer Schatzkarte fing alles an. Ein Weltklassiker, der seine Leser im Sturm eroberte, denn erzählt wird vom Abenteuer auf dem Meer, von fernen Welten, von einer spannenden Schatzsuche und dem Kampf um das Überleben. Der renommierte Übersetzer, Essayist und Autor Andreas Nohl hat sich bereits einiger Klassiker angenommen und sie behutsam und kundig neu übersetzt: R. Kipling, R.L. Stevenson und Mark Twain – schön gestaltete Bände, die Lust auf das Lesen machen. Eine Wiederbelebung der Weltklassiker, die lange Zeit als Jugendliteratur eingestuft wurden, wie Nohl erläutert. Und natürlich dürfen ausführliche Anmerkungen und ein anspruchsvolles Nachwort nicht fehlen, die manchen Einblick in die Problematik des Übersetzens geben und dem neugierigen Leser vieles erhellend vermitteln.

Für die „Schatzinsel“ gibt es viele Lesarten, Stevensons Meisterwerk hat nichts von seinem Zauber eingebüßt, das merkt bereits auf den ersten Seiten von Nohls einfühlsamer Art, sich werkgetreu und doch modern diesem Roman zu nähern. Jede Übersetzung hat ihre Zeit, erläutert Nohl – immerhin gibt es allein ins Deutsche zahllos Bearbeitungen, Übertragungen, mal kindgerecht, mal freier übersetzt, und natürlich auch viele Verfilmungen und Hörspielbearbeitungen. Sprache ist stets im Wandel, daher, so Nohl, wolle er stets so nah am Original bleiben wie möglich und natürlich gleichermaßen lesbar. Die FAZ wählte denn seine Übersetzung der „Schatzinsel“ 2013 zu den eindrucksvollsten literarischen Leistungen.

Vor einem sehr interessierten Publikum liest Andreas Nohl äußerst unterhaltsam aus dem ersten Kapitel des Romans und erzählt anekdotenreich vom Leben R.L. Stevensons. Stevenson hat sich von einem sehr stilbewussten Reiseschriftsteller hin zu einem Autor entwickelt, der für alle Leser gleichermaßen schreiben wollte, für Kinder und Erwachsene, und hat deshalb das Genre der „romance“ gewählt.

„Die Schatzinsel“ ist ein Weltklassiker der frühen Moderne, „ein tolles Stück Weltliteratur“, wie Nohl begeistert sagt, ein Buch für jeden Leser und jede Leserin, das an sich schon ein Schatz ist. Die Spannung liegt nicht nur in der bloßen Geschichte, im üppigen, stilistisch ziselierten Erzählen, sondern in den oft zwiespältig angelegten Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen. Auch geht es geht um mehr als Geldgier, es geht um Freiheit, Glück und Individualität. Oder, wie Nohl es aus seinem glänzenden Nachwort zitiert:“ Es geht um das nackte Überleben.“ Also ganz moderne Themen. Und um den „besseren Ort“, zu dem R.L. Stevenson die Welt mit seiner Literatur machen wollte.

Ulrike Groffy

 

 

Zu Gast bei den „Guten Botschaftern“ in Köln war Rainer Erlinger, der mit seinem neuen Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ in den offenen Räumen der Agentur für Unternehmens-Sinnstiftung zur Diskussion einlud. Erlinger, Arzt und Jurist, ist bekannt durch seine gut 850 Kolumnen der „Gewissensfrage“, die er in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat.

Angesichts der aktuellen Lage in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wurde zunächst die Bereitschaft und Motivation zur Lüge untersucht, denn im Gegensatz zur gesellschaftlich akzeptierten Notlüge und der höflichkeitsmotivierten „white lie“ (etwa auf die Frage „Hat es Ihnen geschmeckt?“) scheint es zur Zeit, als sei die treibende Kraft manch eines Geschehens oft die bewusste und offensichtliche Lüge. Evolutionär betrachtet mag diese oft Sinn machen, um das Überleben zu sichern, aber in Situationen, in denen die Wahrheit offensichtlich ist, steht so schnell die Herrschaft des Terrors und der Propaganda vor der Tür, in der die Wahrheit notfalls mit Gewalt niedergemacht wird.

Rainer Erlinger gab einen Überblick über philosophische Positionen zur Wahrheit und kam über Jean-Paul Sartre dann zu Immanuel Kant, bei dem deutlich wird, was heutzutage zu großen politischen und gesellschaftlichen Problemen führt: Kant definiert als Gegenstück zur Lüge nämlich die Wahrhaftigkeit und meint damit das, was ein Einzelner für wahr und richtig im Sinne von wahrhaftig hält.

Daraus ergibt sich freilich ein Dilemma und ein großer Freiraum für den individuell fühlenden und argumentierenden Einzelnen, kann er doch all das, was er für wahrhaftig empfindet, auch als objektiv wahr postulieren.

Erst 2013 wird dieses Dilemma vom Moralphilosophen Bernard Williams aufgelöst: Das Bestreben, die Wahrheit zu sagen, basiere erstens auf dem Bemühen um Genauigkeit und zweitens auf der Ehrlichkeit, das zu sagen, was man meint. Jedes Individuum sei also zu Ehrlichkeit und Genauigkeit verpflichtet. Soweit die Theorie. In der Praxis lässt sich nun beobachten, dass, je stärker die Fakten der eigenen Haltung widersprechen, desto größer die Kampfbereitschaft des Einzelnen wird, der sein eigenes Ich schützen möchte. Das zeigt sogar eine erhöhte Aktivität in den entsprechenden Hirnarealen bei medizinischen Untersuchungen. Daher gibt dieses kampfbereite Individuum nun eher seine eigenen fünf Sinne (also sein Realitätsempfinden) auf, als als die eigene Persönlichkeit. Spätestens an dieser Stelle muss es nun gesagt werden: Parallelen zu der Persönlichkeit Donald Trumps drängen sich dem aufmerksamen Leser auf und erklären vielleicht so manche Absonderlichkeit seines Verhaltens.

Nun folgte noch ein kurzer und unvermeidbarer Ausblick auf ein Szenario, das unserer Gesellschaft droht, wenn sich Entscheidungsträger entgegen von Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Ehrlichkeit verhalten: Die so motivierten Lügen zerstören das Vertrauen in Menschen und Institutionen, sie zerstören die Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft und führen schließlich bis zur Manipulation eines ganzen Volkes. Denn falsche Aussagen mit der Absicht zu täuschen sind weder eine Notlüge, noch eine „white lie“, noch können sie als Irrtum entschuldigt werden.

Kommunikation basiert in einer zivilisierten Gesellschaft auf  Vertrauen in das Gesagte. Findet aber eine lügenbasierte Kommunikation im Wahlkampf statt, werden die Menschen manipuliert und die Demokratie ausgehebelt.

Moralphilosophisch sprechen also viele Argumente für die Wahrheit. Der Abend ging hoffnungsvoll zu Ende, wenn wir uns darauf einigen, uns unserer Verantwortung  für die Wahrheit bewusst zu werden.

von
Stephanie Oberbeckmann // Essen

Ein ganz normaler Montagabend in einem wunderschönen Privathaus im Kölner Westen und ein sehr offenes Gespräch mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung über die aktuelle Situation der Medien, über den Verlust der Deutungshoheit, über den Informationswust im Netz, über mangelnde Fehlerkultur und fehlendes Vertrauen.
Im Gespräch mit Ulrike Krause leitete Wolfgang Krach die Diskussion mit der These ein, dass es für ihn aktuell zwei Lesergruppen gäbe: Die, die den Leitmedien überhaupt nichts mehr glauben und auch nicht mehr im Austausch mit ihnen stehen. Diese Gruppe sei für ihn verloren. Die andere Gruppe sind die unzufriedenen Kunden. Hier fängt der Austausch an und man lernt momentan am meisten von diesen. Gespräche entstehen, der Dialog zwischen der Süddeutschen und seiner Leserschaft wird gefördert und intensiviert. Krach wünscht sich noch mehr Austausch und dazu gibt es verschiedene Formate, wie z.B. das heutige Salongespräch oder „Auf ein Bier mit …“: Leser und Leserinnen treffen SZ-Redakteure persönlich, Kritik wird geäußert und ein fruchtbarer Diskurs entsteht. Jeder Leserbrief wird beantwortet, das ist die klare Direktive, die für alle Redakteure gilt, denn das sei leider in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. Glasklar und wenig beschönigt zeichnet er das Bild der klassischen Medien: Manche Entwicklungen wurden nicht ausreichend wahrgenommen und sie haben sich in vielen politischen Prognosen getäuscht. Der Fall Claas Relotius ist nun die Spitze einer unschönen Entwicklung, die das Vertrauen in die Medien nochmals erschüttert hat. Er selbst hätte es auch für völlig undenkbar gehalten, dass dies beim Spiegel passieren könnte. Zum Vertrauensverlust kommt noch das ökonomische Dilemma der Printmedien durch den sinkenden Anzeigen und Auflagen hinzu. Vor 10 Jahren wurden noch 70% des Umsatzes mit Anzeigen gemacht und 30% über die Leser und Leserinnen. Jetzt hat sich das Verhältnis umgekehrt. 70% des Umsatzes kommen über die Leserschaft und nur noch 30% über Anzeigenverkäufe. Und da der durchschnittliche Leser der Süddeutschen ein Alter von 55plus hat, müssen für die Zukunft neue Einnahmequellen erschlossen werden. Dabei ist der Wiederaufbau von Vertrauen aus seiner Sicht ein entscheidender Faktor. Und das wird nur mit exzellentem Journalismus funktionieren, sagt Krach, denn das Ethos von gutem Journalismus hat sich nicht verändert: Es geht nach wie vor darum, nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren, auch Nicht-Wissen zugeben zu können und dann intensiv zu recherchieren. Das Verifizieren von Sachverhalten und Informationen sei unbedingt notwendig und wird ein Kennzeichen der neuen Qualitätsmedien werden. In der anschließenden Diskussionsrunde gab es vielfältige Anregungen und einen spannenden Austausch, von vermutlich zufriedenen oder auch nicht zufriedenen SZ-Lesern und Nicht-SZ-Lesern. Aber auch dieser Salon ist eine Filterblase und es traf sich augenscheinlich die Gruppe der „unzufriedenen Kunden“. Die „Verlorene Leserschaft“ war nicht dabei, denn das Kennzeichen dieser Gruppe ist ja der fehlende Austausch. „Wie finden wir die Verlorenen in unserer Gesellschaft wieder“ wäre dann vielleicht ein Thema für einen weiteren Salonabend? Mit vielen neuen Gedanken und Ideen bin ich mit meiner Tochter frohen Mutes nach Hause gefahren, es ist noch nicht alles verloren. Danke für den offenen Austausch!

Margitta Eichelbaum mit Tochter Charlotte

 

In einem besonders persönlichen und heimeligen Salon in Essen-Kettwig wurde der Wissenschaft auf den Zahn gefühlt. KI-Professor Wolfgang Ertel klärte uns zunächst über den Stand der Technik und der Forschung auf und gab einen Ausblick in die Zukunft: Was kann die KI schon heute, was wird sie in den nächsten zwei bis fünf Jahren können und wollen wir wirklich das, was sie eventuell in 20 Jahren können wird?

Kritisch beleuchtet wurden diese Fragen, die sich schnell als existentiell für die Menschheit und deren Fortbestand herausstellten, durch die ethisch-normative Betrachtungsweise durch den zweiten „klugen Kopf“ an diesem Abend, der Religionswissenschaftlerin Dr. Birte Platow, die an der Universität Augsburg zu diesem Thema forscht.

„Deep learning“ ist die Lernform der Maschinen, die uns längst überflügelt haben, was Spezialaufgaben wie medizinische Diagnoseverfahren oder Gesichtserkennung betrifft. Autonomes Fahren wird in den nächsten Jahren immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden.
Auch Serviceroboter sind angewandte intelligente Technik, die uns schon bald in einem Heer von geschätzt einer Milliarde Geräte das Leben einfacher machen sollen. Allerdings werden zu deren Betrieb Energiekosten in der Höhe von 200 Atomkraftwerken veranschlagt.

Ein Segen – ein Fluch? Hier scheiden sich die Geister. Meinen die einen, durch solche lernfähigen Systeme, die sich ständig und selbständig verbessern, von zeitraubenden und nicht erfüllenden Arbeiten erlöst zu werden, sehen die anderen Untergangsszenarien am Horizont. Von omnipräsenter und omnipotenter Technik auch in den eigenen vier Wänden umgeben zu sein, ist nicht für jeden der Traum von einem Leben, das Raum für die eigene Selbstverwirklichung lässt.

Und so wurde der Kern des heutigen Themas enthüllt:
Was macht den Menschen im Wesentlichen aus?
Ist seine Anfälligkeit zu Fehlern, sein „Trial and Error“-Verfahren, ein Manko oder eine Chance? Gibt es nicht in der Geschichte zahllose Beispiele für bahnbrechende Erfindungen, die durch Irrtümer und das Verfolgen des nur scheinbar falschen Weges gemacht wurden?
Steht die inhaltliche Wesensbestimmung des Menschen nicht in krassem Widerspruch zur bloßen Erfüllung von Funktionen?

Dr. Birte Platow stützte die schützenswerte Einzigartigkeit des menschlichen Wesens durch drei Thesen, an denen sie aktuell an ihrem Lehrstuhl empirisch forscht.
Erstens die Beobachtung, dass der Mensch sich im Beisein der scheinbar perfekten Technik abgewertet fühlt,
zweitens die Gefahr, dass im menschlichen Kollektiv dieses Gefühl der eigenen Unterlegenheit und der Überlegenheit der Technik schnell zur akzeptierten Norm wird („die normative Kraft des Faktischen“)
und drittens die daraus resultierende Eigendynamik, was die Überlegenheit der Technik betrifft und diese wiederum nach vorne katapultiert – und das rein aus dem Zustandekommen der Norm begründet.
Hier nun kommen gleich mehrfach ernsthafte ethische Bedenken ins Spiel, denn unter diesen drei Annahmen ist es ethisch höchst fragil, der Technik eine Überlegenheit zu attestieren.

Nach dieser sehr eindrucksvollen Vorstellung der verschiedenen Standpunkte gab es, wie stets im Salon, eine angeregte Diskussion zwischen den Teilnehmern, den Gästen und Vortragenden – natürlich bei leckeren Kleinigkeiten zur Stärkung.

© Stephanie Oberbeckmann

Der Konzertauftakt für 2019 im „salonfestival“ in Hannover ist ein besonderer Abend für Liebhaber der Klaviermusik: auf dem Programm stehen die Namen Beethoven, Ravel und Liszt mit anspruchsvollen Stücken.
Die georgische Pianistin Lika Bibileishvili hat sich früh schon ins Klavier verliebt, spielte bereits mit zwölf Jahren das erste Klavierkonzert von Rachmaninow und hat bis zu ihrem mit Auszeichnung bestandenen Studienabschluss 2015 viele Meisterkurse besucht und internationale Wettbewerbe gewonnen. Beim Label FARAO ist ihre erste CD mit Werken von Prokofjew, Bartok, Ravel und Sibelius erschienen, brillant eingespielt mit unverwechselbarem pianistischem Selbstbewusstsein.
Dieser Klavierabend in einem voll besetzten Wohnzimmer beginnt mit einer herzlichen wie charmanten Begrüßung durch das Gastgeberpaar, der Steinway Flügel steht bereit, daneben und überall viele Klappstühle. In der Küche wartet ein üppiges Büffet.
Lika Bibileishvili will mit ihrem Spiel die Herzen ihrer Zuhörer berühren, wie sie sagt, und das gelingt ihr bereits mit den ersten Tönen: Beethovens Sonate No. 28 op. 101 in A-Dur eröffnet diesen Hausmusik-Abend, den die Pianistin sanft und zugleich energisch angeht. Mit ihrer klar gesetzten Akzentuierung und dem akribischen Herausarbeiten der Motive überzeugt sie rasch ihr Publikum. Es folgt ein extrem schwieriges Stück, Maurice Ravels vielleicht bedeutendstes Werk, ein Klaviertryptichon: „Gaspard de la Nuit“. Den ersten Teil, „Ondine“ überschrieben, spielt Lika Bibileishvili wunderschön, zart-träumerisch. Man hört das perlend sprudelnde Wasser, im Kopf entstehen sofort Bilder dieser Wassernixe. Auch „Le Gibet“ atmet viel Atmosphäre, in Moll, langsam, ruhig und bewusst interpretiert die Pianistin dieses unheimliche Thema, dessen mahnender Ton „b“ als stetiger Glockenschlag an die Endlichkeit des Lebens mahnt. Lika Bibileishvili gelingt ein virtuoses, klares Spiel in diesem irgendwie zerfallenden Stück. Auch im dritten Teil „Scarbo“, das dunkel und sehr schnell daherkommt und man den listigen Kobold durch die Reihen toben hört- wunderbar. Konzentriert beendet Lika den Abend mit Franz Liszt Sonate in h-moll – ein technisch sehr anspuchsvolles Werk mit komplizierten Fingersätzen, dessen drei Teile direkt ineinander spielen. Ein Stück, das viel Kraft, ungeheure Konzentration und Fingerfertigkeit erfordert – und Lika Bibileishvili großartig meistert. Nach langem intensiven Applaus kommt die Zugabe aus Georgien, die kraftvolle Ronto-Toccata des georgischen Komponisten Revaz Lagidze. Ein unvergesslicher Abend!
Und der Gastgeber zitiert noch einmal treffend Julian Barnes:“ Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

©Ulrike Groffy

 

„das salonfestival“ ist immer für eine Überraschung gut, in jeder Hinsicht.
Es erwartet den Besucher ein besonderer Ort, ein besonderer Künstler oder ein sehr besonderes Gastgeberehepaar. Im besten Falle treten alle drei Dinge gemeinsam auf – so geschehen zum Auftaktkonzert der Festivalreihe am 19. Januar in Hannover.
Man fährt weit hinaus nach Hannover-Anderten und findet sich in einem Haus mit äußerst sensiblen und musikalischen Gastgebern wieder. Ein heller freundlicher Raum empfängt den staunenden Gast, magnetisch zieht den Blick ein gepflegter Steinway D Flügel an, eine Begegnung, die der Hoffnung auf einen erfüllten Klavierabend gründlich Raum verleiht. Wir werden nicht enttäuscht. Ein erfreulich neugieriges Publikum findet sich zahlreich ein und trägt begeistert zu der aufs feinste ausbalancierten Atmosphäre bei. Die einfühlsamen, einführenden Worte des Gastgebers lockern den blauen Moment vor dem Konzert auf, die Pianistin erscheint in Rot.
Die richtige Farbe für Beethoven, Ravel, und Liszt mit deren Musik Lika Bibileishvili in der Folge das Publikum in ihren Bann zieht. Gekonnt spannt sie den Bogen und führt ihre Zuhörer durch ein, an Extremen überreiches Gefühlschaos. Hochvirtuos beschließt sie den spannenden und reichhaltigen Abend mit Franz Liszt, h-Moll Sonate. Ein perfektes Feuerwerk.
Mehr geht nicht.

© Andreas Liebrandt