Ein Salon zum Thema „Brexit“ und passend dazu englisches Wetter in Hannover: doch die Gäste wurden belohnt, denn in der Eingangshalle prasselte der Kamin und die herzlichen Gastgeber sorgten für ein besonders „warm welcome“. Die Affinität der Gastgeber zur britischen Insel war allenthalben zu spüren. „Europa nach dem Brexit“ sollte das Thema des Abends sein. Aber nicht nur wie und ob der Brexit im Einzelnen mit der EU verhandelt wird und welche konkreten Auswirkungen dies auf uns alle hat, stand im Mittelpunkt dieses Salons, sondern auch welche Rolle Deutschland in Europa innehat oder übernehmen sollte. Mit einem kurzen, sehr präzisen Rückblick ins Europa des 19. Jahrhunderts begann der Referent Michael Meyer-Resende und stellte fest: die Geschichte ist wieder da! Anders als Anfang der 90er Jahre von den meisten Politikwissenschaftlern und am deutlichsten vom amerikanischen Polit-Professor Francis Fukuyama beschrieben, ist die Ideengeschichte von der Philosophie der liberalen Demokratie, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Entstehen vieler neuer Demokratien in Mittel- und Osteuropa durchgesetzt zu haben schien, nicht an ihr logisches vollkommenes Ende gekommen. Vielmehr sehen wir auf der weiten europäischen Bühne etliche Staaten, die wieder an ihre expansiven politischen Ziele des 19. Jahrhunderts anknüpfen, wie etwa die Türkei und Russland. Das Etablieren freier und demokratischer Gesellschaften steht nicht mehr im Zentrum vieler Staaten, sondern vielmehr ein sich durch Abgrenzung nach außen und vor dem Fremden definierender Nationalismus. Auch die Brexit-Befürworter in Großbritannien knüpften mit dem Slogan „Empire 2.0“ an das ehemals die Welt umspannende britische Commonwealth Imperium an. Der Brexit ist wohl das deutlichste Zeichen dafür, dass das Europa einende Band dünner geworden ist. Müssen wir – wie zu Zeiten des von Bismarck diplomatisch so ausgeklügelten Systems bilateraler Bündnisse – fürchten, dass wir uns wieder auf das so schwierige „Spiel mit den fünf Kugeln“ einlassen müssen? Was kann Europa zusammenhalten? Brauchen wir ein neues „Narrativ“ oder muss Deutschland als wirtschaftlich stärkstes Land in der Mitte Europa die Führung Europas übernehmen?
Die Deutschland Anfang des neuen Jahrtausends insbesondere von den Anglo-Amerikanern angetragene Rolle des Hegemon, wollte die deutsche Regierung nie so richtig annehmen. In der durch Griechenland ausgelösten Eurokrise habe Deutschland zwar beherzt gehandelt, hat es aber versäumt, die anderen europäischen Länder wirklich auf diesem Kurs mitzunehmen, urteilt Meyer-Resende. Mittlerweile habe sich das Blatt gewendet: die deutsche Regierung stehe nunmehr, nach vielen überraschenden Kehrtwenden in ihrer Politik – etwa der plötzlichen Energiewende und vor allem der Flüchtlingskrise – als unzuverlässig da. Ist aus dem „zögerlichen Hegemon“ gar eine einsame Führerschaft Deutschlands geworden, der die anderen Länder nicht mehr folgen mögen?
Braucht Europa denn überhaupt eine starke Führungsnation in der Mitte? Diese Fragen wurden intensiv und ausführlich in der Runde diskutiert. Einig war man sich, dass in einer globalisierten Welt ein wirtschaftlich starkes und geeintes Europa unerlässlich ist. Und wirtschaftliches Handeln geht nicht ohne einen politisch vorgegebenen Rahmen unter Beachtung sozialer Aspekte.
Michael Meyer-Resende bewertet nicht moralisch – wie er immer wieder betonte. Er beobachtet und beschreibt auf sehr feinsinnige Art, was gerade auf der europäischen Bühne und weltweit passiert, setzt dies in den historischen Kontext und zieht seine Schlüsse. Ein neues Narrativ wird man von Brüssel wohl nicht erwarten können. Zu unterschiedlich sind die nationalen Motivationen für ein geeintes Europa. Wir müssen alle dazu beitragen, die EU als Bindeglied zwischen den Nationen zu stärken.
Die Diskussion wollte nicht enden und noch bis spät in die Nacht tauschte sich ein immer kleiner werdender Kreis rund um die großzügigen Gastgeber bei Suppe und Wein angeregt mit dem Referenten aus.