Meg Wolitzer: Die Interessanten…… Manchmal hat man das Glück, dass ein Roman zum richtigen Zeitpunkt am Bücherhimmel auftaucht und die Figuren – zumindest für die Dauer des Lesens und noch einige Zeit darüber hinaus – zu vertrauteren Weggefährten werden, als die realen Freunde. So habe ich Jules Jacobson in ihren vierzig erzählten Lebensjahren begleitet, mitgelitten an ihrem nagenden Gefühl der Unterlegenheit auf die begabteren, talentierteren Freunde, die das Glück hatten, in Manhattan aufzuwachsen und nicht wie sie in einer öden New Yorker Vorstadt, in der das Leben in seiner Belanglosigkeit auf der Stelle tritt. Mit zu erleben, wie Jules an Freundschaften und Bindungen festhält, obwohl der krankhafte Neid auf das interessantere, kulturell abwechslungsreichere Luxusleben der Freunde sie immer wieder in existentielle Krisen stürzt und sie in solchen Momenten das eigene Leben als noch glanzloser empfindet, macht mir die Herkulesaufgabe dieser Lebensart klar. Aber die Freundschaften halten über zahlreiche Höhen und Tiefen hinweg, über geplatzte Träume, traumhafte Karrieren, finanziellen Erfolg und Misserfolg. Da kann man doch Mut schöpfen und versuchen, die Schönheit dieser langjährigen Freundschaften trotz vieler tragischer Momente in das eigene Leben zu übertragen. Das Betörende an Romanen ist ja, dass man als Außenstehender Einblick in die verborgene Gefühlslage aller Figuren werfen darf, was einem im echten Leben oft verwehrt ist: der Blick in die Seele. Und so plagt man sich herum, wenn Freundschaften zerbrechen, wenn Weggefährten sich abwenden und man ergeht sich in eine Dauerschleife des ewigen Rätselns und Nichtverstehens. Die Romanfiguren zeigen, was in den Herzen und Köpfen vorgeht und all das hilft – zumindest mir – die eigenen kleinen Dramen und existentiellen Krisen und das mitunter schwierige Miteinander besser zu verstehen. Die „Interessanten“ haben mir viele Antworten auf meine persönliche Herkulesaufgabe geliefert, sodass ich jetzt, nach dem Ende der Lektüre, wieder Hoffnung schöpfe, dass verlorene Vertraute doch noch einmal als echte Weggefährten zurückkehren.

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