A beautiful spring evening

„Tales & Stories“ lautet der schlichte Titel dieses Musik-Salons in Hannover, erzählt von Tino Derado am Flügel und gesungen von Ken Norris. Zwei leidenschaftliche, begeisternde Musiker, die bereits seit einigen Jahren äußerst fruchtbar zusammenarbeiten. Beide lehren Musik, Ken Norris in Hamburg, und Tino Derado in Berlin und Hannover, aber am schönsten ist es, wenn sie Musik machen. Tino Derado hat den Jazz in den USA gelernt, ist dort gefragtes Mitglied der Latin-Jazz-Szene, Ken Norris mit seinem wandlungsfähigen Bariton stammt aus Ohio. Jazz steht für Energie, Dynamik und Vitalität, und das wird an diesem Abend in einem Wohnzimmer hautnah erlebt. Nur einen kleinen Verstärker für die stimmliche Unterstützung, der Steinway–Flügel weit offen, beginnt das Konzert mit dem Song „I never said“, einem romantischen Lied von Tino Derado, das die vielen Gäste sogleich in den Bann zieht. Ein Song, der berührt, nicht zuletzt durch das volle Spiel am Flügel. Perlende Motive, Gegenläufe und Improvisation, Zusammengehen und doch auch musikalische Eigenständigkeit wechseln in diesem Liederabend durchweg ab: Ken und Tino akzentuieren, nehmen einander auf, entwickeln weiter und kommen wieder zusammen: Ken Norris schöner Bariton klingt mal voll, mal weich, immer souverän, mal leicht beschwingt, jazzig („Lucid“, „Infant eyes“ „The moment passed“). Und natürlich hört man auch hin wieder ein leichtes Vibrato, in den Liebesliedern vor allem. Bewundernswert ist Tino Derados nahezu leichthändiges Spiel in den Ostinatos, Akkordabfolgen mit der linken Hand, während die rechte Hand Melodieabfolgen aufnimmt, weiter voran und mal weg treibt, mitunter rasend schnell, und Klangteppiche entwickelt, auf denen die Gäste gern Platz nehmen. Natürlich gibt es auch „broken ups“, das gehört im Jazz unbedingt dazu. Dem Song „Kofferträger Nr. 13“ liegt eine komisch-tragische Familienanekdote zugrunde, wie Tino Derado launig moderiert, dem schwarzen Schaf in der Familie, welches das Erbe durchgebracht hat, ist dieser Song gewidmet: sehr behutsam und doch intensiv umgesetzt, ein großartiges Piano solo.

Der Song „Traffic“ ist eine Hommage an Paris, Ken Norris singt auf Französisch: Am Beginn ein feiner Triller, dann ruhig-lange Töne, die rasch an Tempo und Dynamik zunehmen, wie das so ist mit dem Verkehr. Durchweg umsichtig setzt Tino Derado in seinem Spiel das Pedal ein, das passt gut zu Ken Norris samtiger Stimme, die allerlei Modulationsmöglichkeiten aufzeigt. Besonders im letzten Song des Konzertes, ein verjazzter Titel von den Beatles, leicht und schön dargeboten: „I love her“. Die Gäste und das begeisterte Gastgeberpaar bitten und klatschen um Zugabe: ein letzter Song, perlig eröffnet von Tino Derado, der an diesem Abend unbedingt als außergewöhnlicher Jazzpianist überzeugt, und das an wirklich allen Tasten: „Conflicting Stories“ von ihrem gemeinsamen Album „The world is yours“ (2007), ein dynamisch vielseitiges, komplexes Stück, vielseitig, mit sehr schönen Übergängen und einem schönen Zusammengehen von Stimme und Tasten. Und dann kommt noch ein allerletzter wunderbarer Song von 1938 vor dem erwarteten Abendessen: „I’ll be seeing you“, der sehnsuchtsvoll von getrennten Liebespaaren erzählt. Die Töne schweben weiter im Raum und klingen nach. Und die Gäste bleiben noch eine lange Weile.

Ulrike Groffy