Denis Scheck, Literaturtipps 2017

„Warum lese ich?“, fragte sich Denis Scheck bei der Eröffnung von „literatur zu Gast“ Anfang September 2017 in den grandiosen Hallen des Museum Wiesbaden. „Weil ich durch das Gelesene mehr wahrnehme von der Welt!“ Der bekannte Literaturkritiker erklärte dies am Beispiel des Gedichts „Raps“ von Marcel Beyer. So wie dort beschrieben, habe er Raps noch nie zuvor wahrgenommen. Literatur solle Schönheit stiften, Sinn stiften. Sie solle Wahrheiten aussprechen, die Wahrnehmung steigern und die Empathie vergrößern.

An diesem Abend war es Schecks Aufgabe, den Gästen des schnell ausverkauften Salons Tipps zu geben, welche Bücher lesenswert sind. Bei 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr ist es nicht einfach, herauszufinden, was lesenswert ist. „Die Reduktion der Komplexität, das ist auf dem Büchermarkt dringend notwendig“, so Denis Scheck.

Auf keinem Fall solle man bei der Auswahl eines Buches dem Buchmarkt auf den Leim gehen: Der Bestseller sei nicht unbedingt das beste Buch! Oft sei der Bestseller einfach nur Massenware. Sein Beweis: Daniela Katzenbergers „Eine Tussi sagt ja!“ – mit einigen zitierten Stellen daraus und einer gehörigen Portion Witz brachte der Literaturkritiker sein Publikum zum Lachen. Auch beim Sachbuch sei es nicht besser.

Denis Scheck, unter anderem bekannt durch seine TV-Show „Druckfrisch“ , führte beschwingt und kurzweilig durch den Abend. Er schlug vor, man könne als Kriterium für ein gutes Buch die Auszeichnung mit Literaturpreisen heranziehen. Jedoch widerlegte er die These schon im nächsten Satz: Bei 700 Literaturpreisen pro Jahr in Deutschland könne auch die Auszeichnung an sich kein Beleg für gute Literatur sein. Wie sonst könne ein großartiger Singer & Songwriter wie Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden, während Nabokov, Kafka oder Proust ohne diese Ehre ins Grab steigen mussten. Mit dem Deutschen Buchpreis wurde im vergangenen Jahr Bodo Kirchhoff mit „Wiederfahrnis“ ausgezeichnet. „Sein schlechtestes Buch“, so die Kritik vom Literaturkritiker. „Seltsam!“, der Ausruf im Anschluss.

Empfehlenswerte Bücher in diesem Jahr, so Scheck, seien folgende:

Salman Rushdie „Golden House“. Rushdie gibt hier die literarische Antwort auf Anstöße in der Kunst, so der Kritiker, auf Verwerfungen unserer Zeit.

„Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann sei ein beachtenswerter Debütroman.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy – 20 Jahre nach ihrem fulminanten Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ geht die indische Schriftstellerin auf gekonnte Weise im Stil des postmodernen Erzählens auf die Suche nach dem Glück und stellt unter anderem auch den Konflikt zwischen Indien und Pakistan dar.

In der deutschsprachigen Literatur hob Scheck Robert Menasse mit seinem neuen Roman „Die Hauptstadt“ als besonders lesenswert hervor. Der Roman spielt in Brüssel, die Europäische Kommission feiert 50. Geburtstag und die Frage nach dem Kern der Kommission, die Frage, was die europäische Identität sein könnte, wird – lustig geschrieben – versucht zu beantworten.

Ingo Schulze sei mit „Peter Holz“ ein Schelmenroman nach dem Vorbild von Günter Grass` “Blechtrommel“ gelungen. Ein Wenderoman, ein Lustspiel.

Jonas Lüscher „Kraft“ sei ein großes Lesevergnügen. Der Roman beschreibe die tektonischen Störungen, die derzeit zwischen Deutschland und den USA herrsche, auf gekonnte literarische Art und Weise.

Theresia Enzenberger „Blauphase“ sein ein weiteres bemerkenswertes Debüt. Enzenberger geht zurück nach Weimar, in die Geburtsstunde des Bauhauses und findet dort die Verrücktheiten unserer Gegenwart vor.

In der französischen Literatur, Frankreich ist Gastgeberland der Buchmesse Frankfurt 2017, hebt Denis Scheck Jean Echenoz „Unsere Frau in Pjöngjang“ hervor. Ein Agentenroman, genauso spannend wie James Bond.

Als wohl besten Roman des ersten Halbjahres 2017 nennt er den fast 1000 Seiten umfassenden Roman „Ein bisschen Leben“ von Hanya Yanagihara. Allein: Für den Plot über ein Missbrauchsopfer brauche der Leser wirklich gute Nerven,.

Denis Scheck beschließt den Salon mit Tipps für Sachbücher und signiert im Anschluss gut gelaunt Romane, die während des Ausklangs des Abends bei Wein und Häppchen gekauft werden können.

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