Still in the Woods – das ist Indie-Jazz. Und doch viel mehr! Bass, Drums, Keybord und eine sagenhafte Stimme mit viel Groove und intensiven Texten: das sind Anna Hauss, Robert Wienröder, Raphael Seidel und Jakob Hegener. Vier junge leidenschaftliche Musiker, die sich 2014 in Berlin, Leipzig und Dresden gefunden haben und seither als Band auftreten. Und perfekt harmonieren! In Hannover stellen sie ihr Album ’Rootless’ im Techniklager der exposive medien gruppe vor: auf einer technisch perfekten Bühne – seitlich stehen die Mischpulte, die natürlich vom exposive Team bedient werden – inmitten der hohen Regale mit Cases und Boxen, wozu Anna den rhythmischen Song ‚Little Boxes’ präsentiert, als wäre er eigens für diesen Abend geschrieben. Ihre Stimme ist vielfältig, wandelbar, mal fordernd, mal geschmeidig. Zum Song ‚Bubbles’ kommt ein Megaphon zum Einsatz, als analoger Stimmenverstärker quasi, ein eindrucksvoll-witzige Stimmveränderung.
Über der Band hängen kristallene Lüster und große Glühbirnen, die dem Auftritt eine besondere Atmosphäre geben und das Techniklager in einen ungewöhnlichen Salon verwandeln. Still in the Woods lässt sich musikalisch in keine Schublade pressen, alle vier Musiker sind einfach in der Musik an diesem Abend, im Flow, den alle Gäste sichtlich genießen. Manche sitzen und wippen mit dem Fuß, andere stehen an den verstreut aufgestellten Tischen und bewegen sich leise zu den zarten Balladen, wie zum Song ‚In my own arms’. ‚Rootless’ sind diese vier Musiker nicht, sondern wirklich tief in der Musik verwurzelt: Jazz, Samba, Soul, Hip-Hop und Funk und treibende Beats vermischen sich zu einem ganz eigenen Sound, unverwechselbar, lustvoll geradezu. Die eingestreuten, wie zufällig platzierten Soli an den Drums (Jakob), am perlend gespielten Keybord (Robert) und an dem treibenden sonoren Bass (Raphael) kommen locker daher und werden mit viel Applaus belohnt. Natürlich muss es Zugaben geben, und die gibt es auch. Nach noch mehr Applaus.
Mit einem leckeren Büffet und vielen Gesprächen in kleinen Runden geht dieser eindrucksvolle Musik-Salon erst spät zu Ende.

 

Vor vier Jahren hatte ich sie schon einmal im Rahmen des Salonfestivals
gehört. Damals waren sie zu viert, zwei „Engländer“ und zwei „Afrikaanser“
aus Südafrika. Der Drummer hatte statt einer Bass Drum eine Cahón
mitgebracht (die sicher das kleinere Packmaß hat), die er mit einer
Fußmaschine mit viel Gestänge zum Klingen brachte. Ich erinnere mich an
das Gespräch, das ich damals mit Gerdus Oosthuizen geführt habe, der
damals wie heute aussieht wie der jüngere Bruder von Jack Sparrow,
eindrucksvoll lang, eindrucksvolle Mähne, eindrucksvoll gute Laune.

Nun waren sie wieder da, die Sons of Settlers, auf die beiden Afrikaanser
geschrumpft, im sehr geschätzten Privatquartier A+B, in dem ich schon so
manche angenehme Stunde verbracht (und manch neue Erkenntnis gewonnen)
habe. Ich komme eigentlich immer recht knapp, die guten Plätze sind dann gemeinhin bereits vergeben.
Aber hey! Der breite rote Sessel, in dem ich blickgünstig das letzte Mal
gesessen habe, scheint noch frei zu sein. Tatsächlich, er war es. Dieses
Mal war der Blick wieder unverstellt, aber direkt neben der Box ist
vielleicht doch nicht der beste Hörplatz, zumal die Gruppe wohl gewöhnlich
größere Lokalitäten zu beschallen hat. Bereits während des ersten Stücks
suchte ich das Weite in den schallärmeren Hintergrund. Auf ihrer Webseite
schreiben die Sons of Settlers, daß sie nun als Duo nicht weniger Sound
machten als vorher zu viert. Das stimmt.

Sie spielen mit einer akustischen Gitarre und einer E-Gitarre fröhliche
Straßenmusik, dazu die bereits genannte Cahón mit Fußbedienung und
Schellen am anderen Fuß. Sie nennen ihre Musik „melodiösen Folk“. Ist das
wirklich Folk? Melodiös jedenfalls ist es in jedem Fall. Gab es am Vortag im „salonfestival“ noch komplexe Harmonik, schwere Gedanken und viel Moll, so steht heute das glatte Gegenteil auf dem Programm. Viel Dur, viel Rhythmus. Die Köpfe
wiegen, die Fußspitzen wippen im Takt: Wäre mehr Platz gewesen, hätten
sicherlich einige Gäste zu schwoofen angefangen (und ich wäre vermutlich
dabei gewesen). Wir waren ja ganz unter uns, keinem der Zuhörer hätte man
erklären müssen, wer die Eagles sind oder etwa Fleetwood Mac.

Nach zweimal 45 Minuten und einer gastromisch wohlbestellten Pause
vertilgte eine inspirierte Gruppe Gäste den Rest des Weins — wäre
schließlich schade um die bereits offenen Flaschen gewesen.

Herzerwärmend.

erstellt von Martin Gerdes, Gast!

 

Lieder von gestern und heute: „Vintage“ hat die Berliner Sängerin Iris Romen (mit holländischen Wurzeln) ihr Programm überschrieben und ist gemeinsam mit dem Gitarristen Alexey Wagner nach Hannover gekommen. Der Spielort ist ungewöhnlich wie hübsch improvisiert hergerichtet: eine Bühne gibt es nicht, es genügt eine Steckdose für den Rhodes und das Keybord. Alles direkt vor einem gemütlichen Sofa, auf dem entspannt die Gäste lauschen. Nahezu unplugged ist diese Konzert, leise und charmant weht der Geist von ehemals durch die Lieder. Iris Romen sagt gleich zu Beginn geradeheraus, sie sei ein wenig altmodisch und schätze es sehr, Gefühle, Eindrücke und Lebensalltag in Lieder umzusetzen, zumeist in eigene, es gibt wenig Cover an diesem Abend. Mitunter genügt eine Impression, so kam es zum Lied mit dem ‚Elevator Boy’, in dem das Liftklingeln wunderbar nachgeahmt wird. Iris singt vom ‚Mut haben’, wie man sich fühlt bisweilen, und auch sehr schön vom ‚ein Zuhause haben’ und von der kommenden Jahreszeit. Und natürlich gibt es auch ein Liebeslied: „You stole my heart“. Ihre Stimme ist hoch, ein heller sehr klarer Sopran mit Möglichkeiten in der Tiefe, mitunter auch mit einem leichten Timbre. Ihr liegen fast alle Rhythmen: vom Walzer über Bossa Nova bis hin zum Westernsong und auch mal einem ‚Schieber’. Stets wunderbar begleitet von Alexey auf der Gitarre, der die Riffs beherrscht, mehr als das, eine sehr empathische Begleitung ist. Beim Blues allerdings dreht er so richtig auf! Ein schöner Kontrast auch zum Spiel am Keybord und besonders zum Bass, zu dem Iris mühelos überwechselt und den sie glänzend beherrscht. Ganz toll: „Born to be wild“ für Stimme und Bass! Auch ein alter Song – zu dem viele Gäste begeistert mitwippen. Besonders schön wird es, wenn Jazzanklänge zu Gehör kommen, dann wird Iris’ Stimme sanft und voll.
Iris Romen wird bald im Studio neue Lieder aufnehmen, sie sei ein langsamer Mensch, der in der Musik alles sozusagen wegarbeite, meint sie in ihrer charmanten Moderation, die durch den Abend führt. Nur unterbrochen von einer Pause, für die die Boutiquebesitzerin ein üppiges Büffet vorbereitet hat. Und natürlich vom langen Applaus!

 

 

Ein Spätsommerabend, eine gemütliche Wohnung direkt am und hoch über dem Kanal bieten den Auftakt für die zweite Spielzeit des „salonfestivals“ in Hannover in diesem Jahr. Klassik steht auf dem Programm: „Suite&Sonate“ haben der Cellist Oliver Mascarenhas und der Pianist Hai´ou Zhang ihr anspruchsvolles Abendprogramm überschrieben. Konzentriert eröffnet Oliver Mascarenhas mit Johann Sebastian Bach, mit dem Präludium aus der Suite Nr.4 für Cello solo in Es-Dur. Kraftvoll streicht er den Bogen auf seinem Cello von Gaffino Castagneri aus dem 18. Jhdt. Kadenzen, aufgelöste Dreiklänge, Thriller – ein Höhepunkt der Cellomusik. Wie modern Bach anmutet, wird bei diesem Stück sehr deutlich.

Ein gezupfter Auftakt markiert die Sonate Cello solo des ungarischen Komponisten Györgi Ligeti – ein schwieriges Stück, das Oliver Mascarenhas souverän meistert. Der sonore Klang des Cellos unterstreicht den elegischen Unterton; Doppeltönigkeit und viele Sprünge (Mascarenhas fegt durch die Läufe) zeigen die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dieses wunderbaren Streichinstruments.

Besonders beeindrucken die wunderbar gespielten Glissandi bei diesem Stück. Erst Beethoven habe das Cello ins rechte Licht gerückt, erläutert der Cellist, was die beiden Musiker dann auch mit Ludwig van  Beethovens Sonate in A-Dur für Cello und Klavier schwungvoll im perfekten Zusammenspiel zeigen . Die erzählenden Passagen des Cellos werden wunderbar vom Spiel Zhangs aufgenommen und entwickelt. Der zweite Satz ist ungewöhnlicherweise schnell, leichthin rasant – tänzerisch gleiten Zhangs Finger über die Tasten. Hausmusik pur – Gäste und Gastgeberin sind begeistert, es gibt viel Applaus (sogar zwischen den Sätzen!).

Damit das leibliche Wohl nicht zu kurz kommt, ist eine Pause indispensabel. Auch wenn der Herbst mit kühlem Hauch schon zu ahnen ist: Der Blick über die Stadt auf der einen und über den Kanal auf der anderen Seite ist hinreißend. Gelegentlich hört man das Tuckern eines Binnenschiffes.

Die zweite Konzerthälfte eröffnet Hai´ou Zhang mit einer französischen Komposition: „En avril à Paris“ von Charles Trenet in einer Bearbeitung des bulgarischen Komponisten und Pianisten Alexis Weissenberg, dessen tragische Lebensgeschichte Hai´ou Zhang kurz skizziert. Gern würde man mehr von diesem Komponisten hören. Er hat viele Jahre in Paris gelebt und gearbeitet. Es folgen drei Fantasiestücke für Cello und Klavier von Robert Schumann,
die wie Lieder klingen, was auch an der Phrasierung liegt. „Rasch mit Feuer“ ist der dritte Satz überschrieben – kein Problem für die perfekte Technik der beiden Musiker, deren musikalische Empathie absolut überzeugt. Die „Pflichtzugabe“ (so Mascarenhas) stehe nicht auf dem Programmzettel: die beiden letzten Variationen von Tschaikowsky über ein Rokokko-Thema.

Geheimnisvoll hatten die Musiker noch eine Überraschung versprochen, und diese erscheint nun in Form der zierlichen Koreanerin Eunseon Jang von der NDR-Radiophilharmonie, die ihren ungeheuren Kontrabaß ins Zimmer schleppt. Das nunmehrige Trio spielt dann zum Abschluß Fantasien über Themen von Rossini des weniger bekannten italienischen Komponisten Bottesini. Der war ein musikalisches Multitalent, aber in erster Linie Kontrabassist. Logisch, daß einem solchen Komponisten ein möglichst farbiger Part für den Kontrabass am Herzen liegt. Salonfestival: Immer wieder anders, immer wieder inspirierend.

erstellt zusammen mit Martin Gerdes, Gast!

 

 

„Americana Ma Non Troppo“ haben sie ihr Konzert überschrieben, diese vier jungen Saxophonisten und Saxophonistinnen, die aus dem Düsseldorfer Raum kommen. Gefunden haben sie sich bereits 2007 an der Krefelder Musikschule und wurden bereits 2008 Preisträger des Bundeswettbewerbes „Jugend musiziert“. Viele Gäste sind gekommen, um dieses Gartenkonzert an einem zunächst regnerischen Sonntagmittag in Hannover zu erleben. Also wird rasch in den Wohnräumen Platz gemacht, bestuhlt und schon kann es losgehen: nach dem modernen Stück von Philipp Glass „Mishima“ – auf dem Treppenabsatz gespielt – folgt der 2. Satz aus dem „Amerikanischen Quartett“ von Antonin Dvorák – da stehen die Musiker bereits im Wohnzimmer. Ein Wandelkonzert also, und auch die Gäste geraten in Bewegung: nicht nur durch das stimmige, virtuose Spiel der Saxophonisten, deren Spieltechniken begeistern. Die Sonne kommt durch, und nach einer Pause geht es in den Garten, wo gekühlter Wein und Wraps bereitstehen: Stühle und Tische sowieso. Das Programm wird amerikanischer, Gershwin kommt hoch vom Balkon zu hören, Piazollas Tango gibt es als ‚Zwischeneinlage’ von der Loggia aus. Bei Leonard Bernsteins Stücken aus der „West Side Story“ wippen alle mit und bei „Ulla in Africa“, einem temperamentvollen, tänzerischen Stück mit schnellem Spiel und viel Puste von Heiner Wiberny steht das Quartett bereist im Garten, ist längst schon angekommen bei den Gästen, welche Atmosphäre und Musik sichtlich genießen. Silas Kurth ist so etwas wie der Bandleader dieser Saxophon-Enthusiasten, die ein unglaublich reiches Repertoire eingespielt haben. Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon – keines steht im Mittelpunkt, alle harmonieren und spielen ineinander, nebeneinander und miteinander. Dabei hören sich die Musiker draußen im Freien nicht gut: eine zusätzliche Herausforderung bei einem Gartenkonzert. Nach dem letzten Stück „Klezmer Traditional“ von Mike Curtis gibt es noch eine launige Zugabe: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Junglebuch – eine Aufforderung, der die Gäste längst nachgekommen sind. Musiker und Gäste fühlen sich pudelwohl: nicht zuletzt der begeisterten Gastgeber wegen, die genau dieses Quartett in ihrem schönen Garten zu Gast haben wollten. „Summertime“ pur also – natürlich auch vom Saxophonquartett!

 

Es gibt diese magischen Abende, an denen alles stimmt: Gäste, Künstler, Gastgeber, Ambiente, ja sogar das Wetter. 

Der 8. Juni 2018 ist so ein Abend, und die Magie beginnt lange zuvor, mit dem Vorgespräch bei Gastgeber Klaus Hempel am 14. Dezember 2017. Schnell werden die Präferenzen des Gastgebers deutlich: Lesung, nun ja, aber dann doch bitte sehr klassisch. Musik, sehr gerne, und bitte Jazz. Die Verbindung von beidem findet sich bei Caroll Vanwelden, jener phantastischen Musikerin, die in den letzten Jahren drei Alben herausgebracht hat, auf denen sie Sonette William Shakespeares in Töne gegossen hat. Leichtfüßig und rhythmisch, immer im Einklang mit der Stimmung des jeweiligen Sonetts. Und die an genau diesem Tag abends in Köln gastiert. 

So dauert es mit einem erneuten Treffen mit Klaus Hempel keine acht Stunden. Spontan beschließen wir, das Konzert in Köln zu besuchen, und nach wenigen Minuten steht fest: das passt. Bereits am folgenden Tag geht die Anfrage an Caroll Vanwelden. Nach Abstimmung mit ihren Musikern haben wir binnen weniger Stunden einen Termin für den Salon. 

8. Juni. Die Versandhalle der Hempel ElektroMaschinenbau ist immer noch wiederzuerkennen und ist doch auch ganz Konzertsaal. Der Flügel, der an diesem Abend eine besondere Rolle spielen wird, steht auf einer eigens errichteten Bühne. Der Tontechniker hat sich seit dem Mittag die schwierige Akustik einer Industriehalle untertan gemacht. 

Den Rest hatte Brigitte Triesch, Marketingleiterin des Unternehmens, gezaubert: Bestuhlung, Dekoration, Catering, Service – alles war bis ins Kleinste durchdacht, bis hin zu extra für diesen Abend angefertigten Heften mit den Sonetten und deren Übersetzung ins Deutsche. 

Klaus Hempel hält eine furiose Begrüßungsrede, die an diesem Abend potentielle Gastgeber ins Grübeln bringt: Das soll ich dann also auch leisten? Nein, keineswegs. Ein kurzes „Hallo und gute Unterhaltung“ reicht in der Regel völlig aus. Nur eben an diesem Abend nicht. Die kleine Ansprache war so pointiert, dass wir sie unten gerne im Wortlaut wiedergeben.

Die Musiker betreten die Bühne: Caroll Vanwelden (Vocals und Piano), Mini Schulz (Kontrabass), Thomas Siffling (Trompete und Flügelhorn) und Jens Düppe (Schlagzeug und Percussions) begeistern ab dem ersten Takt und bieten ihren Zuhörern einen Abend voller Verliebtheit, Trennung, Eifersucht, Trauer und Zuversicht. Caroll Vanwelden berichtet von der Entstehung der einzelnen Titel, wie sie die Stücke für das erste Album in kürzester Zeit komponiert hat, die Melodien von den Texten gleichsam diktiert wurden. Ausgewählt wurden die Sonette nicht nach ihrer Bekanntheit, sondern durch die Wirkung, die sie auf Caroll Vanwelden hatten. Die vier Musiker zeigen ihre große Spielfreude und auch den Spaß, den sie an der Location und dem Format des Salons haben. Und in Sachen Virtuosität stehen die vier Ausnahmemusiker ihrem Textdichter nicht nach. 

Zwei Sets und eine Zugabe lang werden die Gäste verzaubert. Und anschließend? Da wird die Salonkultur weiter gelebt: Das Tor der Halle ist zum Hof offen, bis ein Uhr nachts stehen die Musiker mit den Gästen und dem Team von Klaus Hempel draußen oder in der Halle, mit Fingerfood, einem Glas Wein, vielleicht einer Zigarette in der Hand. Es wird diskutiert, gelacht, sich miteinander bekannt gemacht. Eine laue Sommernacht nach strömendem Regen bis mittags. Keiner will den Zauber dieses Abends hinter sich lassen. Und so klingt er auch heute noch nach. 

 

Einführung von Klaus M. Hempel:

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

schön, dass Sie hier sind – Sie hätten ja auch woanders sein können. Zum Beispiel in Düsseldorf auf der Kö, wo gerade Büchermeile ist, in Krefeld bei einem Stadtjazz-Festival, an Gelegenheiten für kulturelle Betätigung hat es keinen Mangel. Die Mutigeren unter Ihnen hätte es in die Elbphilharmonie verschlagen können, nach Verona oder Bayreuth, oder hardcore mit 40.000 anderen Menschen in die Berliner Waldbühne, um einen jugendlichen Jammerer darüber wehklagen zu hören, dass er keine Maschine ist.

Aber Sie sind hier. Und weil Sie intelligente Menschen sind, glaube ich, dass Sie einen Grund dafür haben. Vielleicht haben Sie ja wie ich das Gefühl, dass solche Veranstaltungen eines gemein haben: das Element der Vermassung, der Ent-Individualisierung, der Passivierung. Durch fremdbestimmte Organisation wird eine Distanz zur Kunst aufgebaut und letztlich landen viele dieser Massen-„Kunstveranstaltungen“ im Kitsch. Ein Tenor ist sicherlich Kunst, drei Tenöre vielleicht ganz hohe Kunst, 7 oder 29 Tenöre sicherlich Kitsch für die Masse. Und wir alle erleiden in diesen Veranstaltungen ein allgemein gesellschaftliches Phänomen: Es gibt eine Institution, die es für Sie macht.

Vielleicht sind Sie also nun hier, weil das Salonfestival Sie neugierig gemacht hat. Die Intention, Kultur und Kunst in unseren Alltag zu holen, in unser Wohnzimmer oder wie am heutigen Abend in unsere Arbeitsumgebung und in unseren Arbeitsalltag. Nicht zuletzt deshalb habe ich ständig versucht, mein Organisationsteam davon abzuhalten, die Veranstaltung zu über-organisieren oder zu over-catern. Das Element der Improvisation und des Alltäglichen, die wirkliche Arbeitsatmosphäre sollten nicht verloren gehen. Nun, das überwältigende Feedback aller weiblichen Besucher, wie schön es doch geworden ist, hat mich eines Besseren belehrt und ich danke meinem Team für den wunderbar vorbereiteten Abend.

Ich möchte Ihnen die Akteure getreu dem Motto ‚Alter vor Schönheit‘ vorstellen. Hinter mir steht ein Stutzflügel, der es aus unserem Wohnzimmer bis hierher geschafft hat. Baujahr 1910 Klaviermanufaktur Mann & Co. in Bielefeld. Dieser Flügel ist 108 Jahre alt, ein knorriger Ostwestfale, der trotz seines hohen Alters tapfer durchhält. Dennoch, die Älteren unter Ihnen, so alt wie ich oder gar noch älter, wissen, dass es ganz ohne Wehwehchen nicht geht. Und so sind wir auch sehr dankbar, dass der Klavierstimmer gerade nochmal zu einer Notoperation hier war.

Meine Damen und Herren, glauben Sie mir, wenn ich einen Kawai-Flügel hätte haben wollen, ich hätte ihn bekommen. Kawai ist gerade 5 km von hier entfernt und die leihen die Dinger aus. Aber mir erschien für das Salonfestival genau und gerade dieser Stutzflügel richtig, denn …  – was ist ein Stutzflügel?

Ein Flügel, der in Länge und Breite ein wenig reduziert ist, so dass er in den Salon oder das großbürgerliche Wohnzimmer des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts passt. Dieser Flügel ist ein Botschafter aus einer bürgerlichen Welt vor wahnsinnigen Revolutionen und aberwitzigen Jahrhundertkriegen, aus einer Zeit, in der mangels elektronischer Speicherkapazität Musik noch von Hand gemacht wurde.

In diesem bürgerlichen Salon gab es eine Nähe zu den Künstlern, eine Nähe zum kreativen Prozess, eine Nähe und eine Kommunikation zwischen den Menschen, die wir auf neudeutsch so schön „die hart arbeitenden Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft“ bezeichnen. Also Sie und ich. 

Wenn Sie eine Idee vom bürgerlichen Salon und seiner Bedeutung für Kunst und Kultur bekommen wollen, so anempfehle ich Ihnen den wunderbaren Film von Woody Allen  „Midnight in Paris“, der auf höchst anschauliche Weise zeigt, wie im Hause der Gertrud Stein in Paris die Künstler, die das 20. Jahrhundert nachhaltig prägen sollten, Man Ray, Picasso, Josephine Baker, Dali und viele andere, sich zusammen gefunden und erprobt haben. Auch für die Entwicklung der Musik und insbesondere des Jazz im 20. Jahrhundert war dieser ‑ wie viele andere – Salon von höchster Bedeutung.

Erleben wir doch in der Musik die intensivste Teilhabe am kreativen Prozess, denn Livemusik ist in genau in dem Moment erlebbar, in dem sie geschaffen wird, und sie verklingt im Augenblick. Und besonders Jazz, durch das Element der Improvisation, lässt uns Kreativität ganz nah erleben.

Und darum sind wir hier in der Werkstatt. Hier reparieren wir Maschinen, keine Neufertigung. Eine Reparatur ist in jedem Einzelfalle anders, erfordert in jedem Fall neue Kreativität. Auch hier arbeiten Menschen schöpferisch.

Meine Damen und Herren, laufen Sie rum, nutzen Sie die Pausen. Sehen Sie, was wir an Werkstücken ausgestellt haben, fassen Sie es an (schmutzige Finger auf eigene Gefahr!). Fragen Sie meine Kollegen, die zu Ihrer Betreuung hier sind oder lassen Sie sich von ihnen rundführen. Und jetzt lassen Sie sich bitte zunächst von Caroll Vanwelden und ihrer Band verzaubern.

Dicht gedrängt sitzen und stehen die Menschen bei Bang & Olufsen im Stilwerk Düsseldorf, die vordere Reihe vielleicht einen Meter vom Geschehen entfernt. Viele sind zum wiederholten Male in einem Konzert von Three Fall & Melane, den anderen wird schnell klar, warum dies so ist: Selbst wenn man die Musik unberücksichtigt ließe (was aber unmöglich ist), blieben immer noch eine außergewöhnliche Besetzung und vier bestens gelaunte Musiker übrig, die „nie einen Echo gewonnen“ haben.

Three Fall, das sind Lutz Streun (Tenor Saxofon, Bassklarinette), Til Schneider (Posaune) und Sebastian Winne (Schlagzeug, Perkussion), ergänzt um Sängerin Melane Nkounkolo, die zu den bemerkenswertesten Formationen des jungen Jazz in Deutschland gehören – was man aber auch schon in Japan, China, Korea, Ägypten, Russland, Katar und dem restlichen Europa bemerkt hat. Ihre Musik ist klar im Jazz zuhause, wobei die Nachbarn Rock, Hip-Hop, Reggae oder Funk gerne bei den Kompositionen von Til Schneider und Lutz Schneider vorbeischauen. Man merkt den Musikern die Lust am Besonderen an: die Rhythmen mit Ecken und Kanten, die Instrumentierung ohne Bass, Gitarre und Keyboard, die Spielfreude lässig und perfekt zugleich. Das Publikum ist vom ersten Moment an dabei. Als nach einem Instrumentalteil die deutsch-kongolesische Melane auf die Bühne tritt, ergänzt eine warme, kraftvolle Stimme die unangepassten Bläser. Sie singt in Englisch sowie ihrer zweiten Muttersprache Lingala und schreibt die Texte für die Band. Mühelos bringt sie die Gäste zum Mitsingen, was bei der Coverversion des Popklassikers „All That She Wants“ für einen großen Backgroundchor sorgt.

Dass alles so trocken und sauber durch den Raum klingt, ist dann auch der akustik-optimierten Räumlichkeit zu verdanken. Der Hinweis von Lutz Streun, der ganze Sound käme aus der kleinen Box im Regal hinter ihm, erfreut die Gastgeber von Bang & Olufsen sichtlich, und man ist glatt gewillt, es zu glauben …

Prof. Dr. Eckart Altenmüller leitet das in Europa einzigartige Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Für seinen Salon – Vortrag im Foyer des Knabenchorheims hat er drei Flöten mitgebracht – und ein zweites Gehirn, das er während seiner anschaulichen Rede immer mal wieder auseinandernimmt, um den faszinierten Gästen zu erläutern, wo man hört und was da alles so im Kopf passiert: „Wie Musik im Kopf entsteht“!

Ein Terzett des Knabenchores begrüßt mit einem Stück von Mozart – und schon ist man mittendrin im Thema: gute Stimmen junger Menschen faszinieren und begeistern. Das sieht Prof. Altenmüller im Biologisch-Evolutionären begründet, denn Musik war vor der Sprache da und entstand zunächst aus stimmlichen Geräuschen als akustisches Signal, vor über 40.000 Jahren. Mit der Stimme kann man Emotionen ausdrücken, daraus entstanden zunehmend komplexere Melodien, wie Prof. Altenmüller gekonnt auf einer uralten Knochenflöte von der Schwäbischen Alb (40.000 Jahre) demonstriert – erstaunlich ist die diatonische Skala, denn das sind die Intervalle, die wir auch heute im mitteleuropäischen Raum gewöhnt sind.

 

Musik steht für ein gemeinschaftliches Erlebnis seit jeher, erläutert Altenmüller und streift durch die Instrumentengeschichte – seine Querflöte aus dem 18. Jahrhundert sei „ein langer Holzstab mit ein paar Löchern drin“ sagt er und spielt gekonnt einige Töne an. Die Kompositionen erfordern allerdings ein immer neues Klangideal, sodass ab 1789 auch immer neue, andere klangvollere Instrumente gebaut werden, z. B. die Querflöte aus Metall (und Gold) mit komplizierteren Klappen. Und das Gehirn? Man hört nicht nur mit dem Ohr und allem, was sich darin befindet (etwa 3600 Haarzellen), sondern vor allem mit dem Gehirn, dass permanent neue Informationen dazu schaltet, sodass am Ende ca. 600.000 Nervenimpulse das ganze Hören ausmachen und der eigentliche Ton in der Großrinde zustande kommt. Dazu kommen vielfältige Emotionen, die das Hören beeinflussen, Musikerfahrungen, gespeicherte Melodien und Laute, die durchaus auch ein ‚Gänsehautgefühl’ erzeugen können. Es folgt eine Etüde des dänischen Komponisten Joachim Andersen, an der  Altenmüller das „auditorisches Streamen“ demonstriert, also Zweistimmigkeit ‚vorgetäuscht’ wird. „Ein ganz schrecklich schweres Stück, das er ganz schrecklich gern spiele“ – und die Gäste lauschen begeistert. Also nicht nur Musik hören, sondern auch das Musizieren selbst sorgt für ein gutes Gefühl!

 

Am Ende seines ungewöhnlich anschaulichen Vortrages plädiert Professor Altenmüller nochmals für die frühkindliche Musikerziehung: Musik sei das universelle Informationssystem, das emotionale Kommunikation ermögliche und, was den Gesang angehe, in der Verbindung von Musik und Sprache eigentlich ihre höchste Ausprägung erfahre.

Musik ist ein Privileg, macht Lust, auch aufs Lernen, und regt die Spiegelneuronen an – natürlich auch bei den Gästen dieses Salons, die anschließend noch lange bei liebevoll gerichteten Häppchen und leckeren Getränken beisammenstanden und über das Gehörte sprachen – da war etwas im Kopf passiert! Und wer wollte, konnte auf Einladung des Chormanagers Wolfram Kössler die Übungsräume des Knabenchors besichtigen – den Ort, wo berührende Musik entsteht! Ein rundherum inspirierender Abend voll guter Gefühle in der Südstadt Hannovers!

 

Gloria Campaner gilt derzeit als außerordentlich bemerkenswerte italienische Nachwuchspianistin weltweit. Als Solistin gibt sie mit Orchester oder auch in kammermusikalischer Besetzung in Italien, Frankreich, England, Japan und auch der Schweiz Konzerte. Sie ist offizielle Steinway Künstlerin, spielt regelmäßig international in Steinway Häusern, war in Los Angeles, ist in der Carnegie Hall aufgetreten und hat eine CD mit Werken von Schumann und Rachmaninoff eingespielt. Für „das salonfestival“ ist sie nach Hannover gekommen. Das Format kenne sie nicht, sie spiele sonst nur für Freunde oder die Familie im Wohnzimmer, sagt sie und ist total überrascht: Ein Konzertflügel steht bereit, viele Gäste sitzen auf ihren Klappstühlen und schauen erwartungsvoll auf diese junge Pianistin aus Venedig, als sie die ersten Töne erklingen lässt. Ottorino Respighis Notturno steht auf dem Programm, und berührend sanft ist der Auftakt. Doch rasch hört man, wie energisch Gloria Campaner ist, wie viel Kraft und Leidenschaft in ihrem Spiel steckt. Sie setzt ihre eigenen Akzente der Interpretation, genau, entschieden und überzeugend. Die Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven hat ein gutes Tempo und lässt bisweilen den kraftvollen Anschlag ahnen, sehr einfühlsam geht sie mit dem Thema um. Die Zuhörer sind bereits ab dem ersten Stück gefesselt, rühren sich nicht und lauschen gebannt. Manche schauen sehr interessiert auf Gloria Campaners Hände…

Claude Débussys komplexes Stück ‚L’Isle jouyeuse’ lässt mehr als aufhören: es stellt rhythmisch höchste Ansprüche, ist komplex, was Gloria Campaner wie selbstverständlich meistert: schwungvoll und oft mit einem Lächeln im Gesicht. Man merkt, wie konzentriert sie ist, ganz in der Musik, während ihre Hände die musikalischen Geschichten dieses Salonabends erzählen: Arvo Pärts Stück ‚Für Alina’ beginnt nachdenklich, sinnlich, wie Tropfen aus Glas hört es sich an. Einfach schön! Ebenso wie Alexander Skrjabins ‚Etude N.2 n. 1’, mitreißend, voller Gefühl von Gloria Campaner ins Publikum hineingespielt wird. Vollends zum Rausch der Töne wird dieser phantastische Klavierabend mit dem letzten Werk auf dem Programm:  Sergei Prokofievs ‚Toccata Op.11’ – tänzerisch laufen die Finger, hämmern kraftvoll, linke und rechte Hand wunderbar ineinandergehend, das Thema immer wieder hervorhebend.

Es gibt viel Applaus, für Gloria Campaner und für die faszinierten Gastgeber sowieso. Sie freuen sich außerordentlich, diese großartige Pianistin für einen Abend in ihrem Haus zu haben und bedanken sich begeistert beim „salonfestival“ für dieses ganz besondere musikalische Erlebnis. Für sie sei dieser furiose Abend ein Geschenk, sagt der Gastgeber voller Enthsiasmus. Natürlich kommt auch eine kleine Zugabe, die ‚Träumerei’ aus Schumanns ‚Kinderszenen’, ein schöner Abschluss für diesen winterlichen Abend mit viel Schnee draußen im Garten. Das Gastgeberpaar bittet zu bleiben, zum Gespräch, zum Essen und vor allem – zum Nachklang dieses wunderbaren Klavierabends! Was bleibt: Gloria möge wiederkommen!

 

Drei Hocker, drei Stimmen, drei Instrumente und ungewöhnlich berührende Songs: das sind ‚The Shells’. Am 1. Dezembertag öffnet sich die Tür eines schönen Hauses außerhalb von Hannover: die Bühne ist ein gemütliches Wohnzimmer. Und natürlich ist es rappelvoll, denn was gibt es Schöneres, als den Dezember mit einem Konzert zu beginnen? Schon der Eröffnungssong „Sweet Dreams“ begeistert das Publikum. Verstärker und diverse Instrumente kommen zum Einsatz: Gitarren, eine Rumbarassel, ein Glockenspiel und eine Ukulele, und natürlich die drei Stimmen dieser Frauencombo, die mal aus einer Laune bei einem Küchenplausch entstanden ist. Milla Kay ist Sängerin, Songschreiberin und vielseitig unterwegs. Ihre launig-witzige Moderation lässt rasch gute Stimmung aufkommen, es wird viel gelacht an diesem Abend. Aber am meisten gefällt ihre vielseitige Stimme, die oft von Birgid Jansen begleitet wird, die mit ihrer souligen Stimme dem Ganzen die richtige Würze gibt. Eigentlich ist sie leidenschaftliche E-Bass- Gitarristin, und das merkt man auch. Die dritte der Muscheltruppe ist Sandra Hempel, die in vielen Formationen als Jazz-Gitarristin unterwegs ist und an diesem Abend zeigt, was sie draufhat, nämlich schöne, kraftvolle Gitarrenriffs. Pop, Jazz Soul wechseln sich ab, es gibt viele eigene Songs (Birgid: ‚Something’/Milla ‚Leaving’) zu hören: es sind stimmungsvolle Träumereien und viel mehr. Natürlich begeistern auch die neu arrangierten Klassiker wie ‚Blackbird’ oder ‚To make you feel my love’. Auch ein Song vom Singer und Songwriter Martin Gallop (er war als Musiker zu Gast in einem Salon in Hannover) ist dabei: ‚More than you should know’. Die Musik der Shells ist sanft, mal laut, mal wehmütig und immer ganz nah. Die Köpfe im Publikum wippen und es gibt oft lauten Beifall.
Und am Ende, nach, naja, nach einigen Zugaben, hört man einen echten Hamburger Songs, eigenwillig und schön arrangiert: „In Hamburg sagt man Tschüß“. Das tut man zum Glück in Niedersachen nicht, hier heißt es „Auf Wiedersehen“ – und das wünschen sich alle Gäste auf jeden Fall. Denn die Musik der Shells gibt es bislang ausschließlich live zu erleben, wie das engagierte Gastgeberpaar am Ende betont! Beide freuen sich sehr, diese sympathischen Musikerinnen bei sich daheim zu haben und überreichen eine der schönsten Gaben aus Hannover: Kekse aus Hannovers berühmter Bäckerei!