Egal ob Rock, Pop, Jazz oder HipHop: bei der Hannoverschen Band (gegründet 2015) Emerson Prime kommen viele Elemente aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen zusammen, und das ist gut so. Denn diese fünf leidenschaftlichen Musiker kommen aus verschiedensten Stilrichtungen, allen gemeinsam ist die Lust am Musizieren und Liveauftritten. Sie spielen zum ersten Mal im „salonfestival“, und das an einem ungewöhnlichen Ort: ein Autosalon, schön hergerichtet mit Bänken und Stehtischen und atmosphärischer Beleuchtung – viele Gäste gehen schon nach dem ersten Song voll mit. Erika Emerson ist die Frontfrau der Band, sie textet und komponiert und zieht mit ihrer ausdrucksstarken souligen Stimme alle sofort in den Bann: sie singt, tanzt und interagiert mit ihren Prime-Kollegen. „Wonderseed“ heißt ihre erste CD, die zweite ist in Arbeit, so kommen auch unveröffentlichte Songs zu Gehör. „Heyo“ ist natürlich der absolute Hit, alle Gäste wippen mit ebenso wie „Walking down“. Tobias Lammers an den Drums gibt den starken Rhythmus, während Markus Ottenberg an der Gitarre tolle Riffs (und Soli!) spielt, z.B. im Song „One more night“. Erika kann Rock, aber auch sanfte Lyrics („Written im my Eyes“), ihre Texte drehen sich um alles, was einem so im Leben so passieren kann, besonders in der Liebe. Simon Lorenz (ein Metal-Fan) gibt mit seinem Basslines den vollen Sound und Joschka Merhof (der aus der Klassik kommt) am Keybord sorgt für besonders harmonische Klänge und unterstützt gelegentlich als backing vocal. Erika Emerson wuchs bilingual auf, alle Songs sind auf Englisch. Es gibt kaum Cover, dafür viel Eigenes, Besonderes. Nach zwei prallvollen mitreißenden Sets gibt es begeisterten Applaus – auch für die Technik, die wieder einmal von der exposive medien gruppe bereitgestellt wurde. Emerson Prime will die Festivals stürmen – nach diesem Abend steht fest, dass sie auch „das salonfestival“ gestürmt haben. Eine absolut geerdete Band mit viel britischer Popmanier, die viel Lust auf mehr macht! Die begeisterte Gastgeberin verteilt am Ende weiße Rosen!

 

Viele Gäste in einem großzügigen Wohnzimmer erwarten diesen besonderen Klavierabend:
Auf dem Programm stehen Sonaten von Scarlatti, Bachs ‚Französische Ouvertüre’ in h-moll sowie im zweiten Teil Schuberts Sonate in B-Dur D.960. Pianistin Serra Tavsanli hat in Istanbul, Hannover und Leipzig studiert, wo sie auch ihr Konzertexamen mit Auszeichnung abschloss. Zahlreiche Auftritte hat sie bereits erlebt, auf Festspielen gespielt und solistisch ihr Publikum begeistert. Zu diesem Hauskonzert hat sie den Hannoveraner Jazzsaxophonisten Lars Störmer fürs Vorlesen mitgebracht: er eröffnet den Abend mit einem Zitat aus den „Selbstbetrachtungen“ Marc Aurels. Weich und schön, behutsam und doch stark spielt Serra Tavsanli die erste Sonate von Scarlatti und überzeugt rasch ihr Publikum.
Perfekt sitzen die schnellen Läufe, komplizierte Fingersätze – mit behänder Leichtigkeit spielt die Pianistin diese Sonaten, die eigentlich für das Cembalo komponiert waren. Und das kann man hören, sogar auf einem Steinway. Großartig entwickelt sie die Motive von Scarlattis Sonaten, die sehr modern klingen, irgendwie ihrer Zeit voraus.
Serra Tavsanli spielt gern und immer wieder den ganz großen Komponisten: Bach – seine „Französische Ouvertüre“ ist in einer besonderen Tonart gesetzt: h-moll. Ein komplexes Stück, dass in einem guten Tempo vorgetragen, nein, erzählt wird. Im ersten Teil dunkel, gedehnt, im zweiten Teil voll und intensiv, einer Fuge gleich. Übrigens eine beliebte musikalische Form im Barock. Hierzu ist der vorgetragene Text der französischen Autorin Delphine de Vigan gut gewählt, es geht um das Vorspielen, das Verändern, das Erzählen.
Schuberts B-Dur Sonate D.0960 stammt aus dem Jahr 1828 und ist eine der letzten Sonanten dieses großartigen Komponisten, in drei Sätzen (molto moderato, andante sostenuto und allegro ma no troppo) lässt Serra Tavsanli eine ganze Welt entstehen: auch hier macht Lars Störmer mit einem kurzen Zitat des syrischen Schriftstellers Kahlil Gibran die Eröffnung, die Einstimmung. Perlend, dramatisch, energisch und mit viel Pedal gelingt der Pianistin auch in diesem anspruchsvollen Stück, das Thema sauber herauszuarbeiten. Nach einem ruhigen klaren Satz, mit großer Empathie gespielt, findet dieser besondere Klavierabend auch im rasant-furiosen dritten Satz noch nicht sein Ende: ein Händelstück in einer Bearbeitung von Wilhelm Kempff folgt und – natürlich – ein wunderbarer Bach-Choral: „Ich rufe zu dir, Herr“. Ob Scarlatti und Bach einander gekannt haben, ist unsicher. Sicher ist: alle Gäste haben an diesem Abend eine exzellente Pianistin kennengelernt. Es gibt Blumen vom begeisterten Gastgeberpaar und sehr viel Applaus.

 

Nachdem wir im vergangenen Jahr erstmals Gastgeber im Rahmen des salonfestivals waren und einen tollen musikalischen, kulinarischen und geselligen Abend mit den Musikern Christian Elin und Jakob Rattinger erleben durften, hatten wir uns nach kurzem Durchatmen entschlossen, zu ‚Wiederholungstätern‘ zu werden. Aber es sollte keine echte Wiederholung, sondern beim zweiten Mal alles anders sein. Also erstmal andere Musikrichtung: Ein Klangteppich aus Jazz, HipHop und Elektro – das Roman Schuler extended Trio aus Hamburg. Das ganze war ein ‚Mitreissender Sound im Wohnzimmer‘ und ist unter gleichnamigem Blog empathisch geschildert, weshalb wir auf eigene Worte verzichten – der anhaltende Beifall sprach Bände. Da das ‚LoveItHealthy‘-Catering samt der Chefin als ‚Mundschenk‘ leider nicht mehr angeboten wird, entschieden wir uns für ein anderes Konzept: Peruanisches Fingerfood aus Eva’s Kitchen und Getränke-Selfservice aus dem Gastro-Kühlschrank fanden großen Anklang bei den Gästen und führten zu reichlich geselligem Austausch. Außerdem hatten wir die Bestuhlung zugunsten von Stehtischen und -plätzen diesmal eingeschränkt, sodass die Gäste nicht nur die lyrische Kraft des Pianos mit den Ohren genießen, sondern auch die Lebendigkeit des Groove-Sounds in eigene Bewegung umsetzen konnten. Die Musiker Alex Klauck (Schlagzeug), Konrad Herbolzheimer (E-Bass) und Roman Schuler (Tasten, Tasten, Tasten) mögen ob der Nähe zum Publikum etwas überrascht gewesen sein, ließen sich aber bereitwillig zu ihren Instrumenten befragen und waren auch in der Pause und nach dem Konzert Teil des geselligen Beisammenseins – auch dafür gilt unser Dank an sie, dieser verkörpert in einem Sixpack ‚Hannöversch‘ statt edlem Wein wie im letzten Jahr. Beim zweiten Mal war also alles anders. Wirklich alles? Nein! Denn aus einem (unbeugsamen) Winkel der Terrasse machte sich nach dem Konzert wie im letzten Jahr der Duft von gegrillten Salsiccia Mantovana (aus römischer Produktion) breit, die sofort reißenden Absatz bei Gästen und Musikern fanden. Beim zweiten Mal war also nur fast alles anders – aber ebenso schön. Unser Dank gilt Musikern und Gästen gleichermaßen und natürlich Ulrike Groffy und dem salonfestival für die Organisation. Und im nächsten Jahr ist dann ja vielleicht wieder fast alles anders… .

erstellt von Wolfgang Hoffmann, Gastgeber

 

Ein beinah leer geräumtes Wohnzimmer, einige Stühle stehen bereit, verstreut sind Stehtische aufgestellt. Vier Buchstaben, drei Musiker und ein Sound: das ist das ‚Roman Schuler Extended Trio’. Das Trio hat aufgebaut, neben der Bassgitarre und einem funkelndes Schlagzeug sieht man drei Manuale, etliche Pedale und natürlich noch mehr Kabel. Ein Moog ist auch dabei, wunderschön anzusehen wegen seiner seitlichen Holzverkleidung: ein Retrostück, das an die 60er Jahre denken lässt. Mit dem Stück „Life ist a wave“ startet dieser gut besuchte Musiksalon: Keybord, Schlagzeug und Basslines grooven rasch das Publikum.
Roman Schuler ist ein Sounderfinder, ein Soundmeister, der Elemente des Jazz, HipHop und der Elektronik neu zu einem ganz eigenen Stil mixt, ein begnadeter Pianist, der u.a. bereits den „futuresounds Jazzpreis 2012“ gewonnen hat. Roman Schuler stammt aus Karlsruhe und lebt heute in Hamburg. Er spielt im eigenen Trio mit Konrad Herbolzheimer am E-Bass zusammen, und am Schlagzeug sitzt Alex Klauck (mit Kopfhörern) und sorgt für ungewöhnlich rasante Rhythmen. Ein Wunder, wie er es schafft, sein Spiel diesem Wohnzimmer anzupassen, denn eigentlich ginge da natürlich noch viel mehr Sound!
Roman Schuler moderiert charmant diesen Musikabend, er verarbeite Eindrücke und Gefühle in seiner Musik, so auch in einem neuen Stück (eine neue CD gibt es Anfang 2019!), das eine Hommage an eine große Stadt ist: New York, Polizeisirenen, Großstadtgeräusche werden musikalisch nachempfunden – man geht durch Manhattan. Besonders lyrisch „Be good“ und „Wisehite“, und noch mehr feeling gibt es bei dem Stück „Searching for Home“ – gekonnt wechselt Roman Schuler zwischen den Manualen und tippt auch mal auf dem Laptop herum – unglaubliche Konzentration erfordert dieses Spiel mit schnellen Rhythmen und wechselnden Melodien und Motiven. Alles Gefühl! Alex Klauck ist ganz im Schlagzeugen versunken, großartig! Sein Solo bekommt viel Applaus, und ebenso Konrad Herbolzheimer, der den so gekonnt lässig E-Bass spielt, als wäre das alles so einfach. Das Trio harmoniert.
„You’re doing right“ kann man da diesen leidenschaftlichen Musiker mit ihrem eigenen Stück nur zurufen – nach begeistertem Applaus, einer Zugabe und zwei langen Sets geht dieser Musikabend noch nicht zu Ende: Die Gastgeber laden noch zur italienischen Grillwurst, und Wein sei auch noch da. Das Trio bekommt von den Gastgebern ein Sixpack Hannoversches Bier mit auf den Weg. Ein soundvoller Abend mit vielen Leckereien!

 

Still in the Woods – das ist Indie-Jazz. Und doch viel mehr! Bass, Drums, Keybord und eine sagenhafte Stimme mit viel Groove und intensiven Texten: das sind Anna Hauss, Robert Wienröder, Raphael Seidel und Jakob Hegener. Vier junge leidenschaftliche Musiker, die sich 2014 in Berlin, Leipzig und Dresden gefunden haben und seither als Band auftreten. Und perfekt harmonieren! In Hannover stellen sie ihr Album ’Rootless’ im Techniklager der exposive medien gruppe vor: auf einer technisch perfekten Bühne – seitlich stehen die Mischpulte, die natürlich vom exposive Team bedient werden – inmitten der hohen Regale mit Cases und Boxen, wozu Anna den rhythmischen Song ‚Little Boxes’ präsentiert, als wäre er eigens für diesen Abend geschrieben. Ihre Stimme ist vielfältig, wandelbar, mal fordernd, mal geschmeidig. Zum Song ‚Bubbles’ kommt ein Megaphon zum Einsatz, als analoger Stimmenverstärker quasi, ein eindrucksvoll-witzige Stimmveränderung.
Über der Band hängen kristallene Lüster und große Glühbirnen, die dem Auftritt eine besondere Atmosphäre geben und das Techniklager in einen ungewöhnlichen Salon verwandeln. Still in the Woods lässt sich musikalisch in keine Schublade pressen, alle vier Musiker sind einfach in der Musik an diesem Abend, im Flow, den alle Gäste sichtlich genießen. Manche sitzen und wippen mit dem Fuß, andere stehen an den verstreut aufgestellten Tischen und bewegen sich leise zu den zarten Balladen, wie zum Song ‚In my own arms’. ‚Rootless’ sind diese vier Musiker nicht, sondern wirklich tief in der Musik verwurzelt: Jazz, Samba, Soul, Hip-Hop und Funk und treibende Beats vermischen sich zu einem ganz eigenen Sound, unverwechselbar, lustvoll geradezu. Die eingestreuten, wie zufällig platzierten Soli an den Drums (Jakob), am perlend gespielten Keybord (Robert) und an dem treibenden sonoren Bass (Raphael) kommen locker daher und werden mit viel Applaus belohnt. Natürlich muss es Zugaben geben, und die gibt es auch. Nach noch mehr Applaus.
Mit einem leckeren Büffet und vielen Gesprächen in kleinen Runden geht dieser eindrucksvolle Musik-Salon erst spät zu Ende.

 

Vor vier Jahren hatte ich sie schon einmal im Rahmen des Salonfestivals
gehört. Damals waren sie zu viert, zwei „Engländer“ und zwei „Afrikaanser“
aus Südafrika. Der Drummer hatte statt einer Bass Drum eine Cahón
mitgebracht (die sicher das kleinere Packmaß hat), die er mit einer
Fußmaschine mit viel Gestänge zum Klingen brachte. Ich erinnere mich an
das Gespräch, das ich damals mit Gerdus Oosthuizen geführt habe, der
damals wie heute aussieht wie der jüngere Bruder von Jack Sparrow,
eindrucksvoll lang, eindrucksvolle Mähne, eindrucksvoll gute Laune.

Nun waren sie wieder da, die Sons of Settlers, auf die beiden Afrikaanser
geschrumpft, im sehr geschätzten Privatquartier A+B, in dem ich schon so
manche angenehme Stunde verbracht (und manch neue Erkenntnis gewonnen)
habe. Ich komme eigentlich immer recht knapp, die guten Plätze sind dann gemeinhin bereits vergeben.
Aber hey! Der breite rote Sessel, in dem ich blickgünstig das letzte Mal
gesessen habe, scheint noch frei zu sein. Tatsächlich, er war es. Dieses
Mal war der Blick wieder unverstellt, aber direkt neben der Box ist
vielleicht doch nicht der beste Hörplatz, zumal die Gruppe wohl gewöhnlich
größere Lokalitäten zu beschallen hat. Bereits während des ersten Stücks
suchte ich das Weite in den schallärmeren Hintergrund. Auf ihrer Webseite
schreiben die Sons of Settlers, daß sie nun als Duo nicht weniger Sound
machten als vorher zu viert. Das stimmt.

Sie spielen mit einer akustischen Gitarre und einer E-Gitarre fröhliche
Straßenmusik, dazu die bereits genannte Cahón mit Fußbedienung und
Schellen am anderen Fuß. Sie nennen ihre Musik „melodiösen Folk“. Ist das
wirklich Folk? Melodiös jedenfalls ist es in jedem Fall. Gab es am Vortag im „salonfestival“ noch komplexe Harmonik, schwere Gedanken und viel Moll, so steht heute das glatte Gegenteil auf dem Programm. Viel Dur, viel Rhythmus. Die Köpfe
wiegen, die Fußspitzen wippen im Takt: Wäre mehr Platz gewesen, hätten
sicherlich einige Gäste zu schwoofen angefangen (und ich wäre vermutlich
dabei gewesen). Wir waren ja ganz unter uns, keinem der Zuhörer hätte man
erklären müssen, wer die Eagles sind oder etwa Fleetwood Mac.

Nach zweimal 45 Minuten und einer gastromisch wohlbestellten Pause
vertilgte eine inspirierte Gruppe Gäste den Rest des Weins — wäre
schließlich schade um die bereits offenen Flaschen gewesen.

Herzerwärmend.

erstellt von Martin Gerdes, Gast!

 

Lieder von gestern und heute: „Vintage“ hat die Berliner Sängerin Iris Romen (mit holländischen Wurzeln) ihr Programm überschrieben und ist gemeinsam mit dem Gitarristen Alexey Wagner nach Hannover gekommen. Der Spielort ist ungewöhnlich wie hübsch improvisiert hergerichtet: eine Bühne gibt es nicht, es genügt eine Steckdose für den Rhodes und das Keybord. Alles direkt vor einem gemütlichen Sofa, auf dem entspannt die Gäste lauschen. Nahezu unplugged ist diese Konzert, leise und charmant weht der Geist von ehemals durch die Lieder. Iris Romen sagt gleich zu Beginn geradeheraus, sie sei ein wenig altmodisch und schätze es sehr, Gefühle, Eindrücke und Lebensalltag in Lieder umzusetzen, zumeist in eigene, es gibt wenig Cover an diesem Abend. Mitunter genügt eine Impression, so kam es zum Lied mit dem ‚Elevator Boy’, in dem das Liftklingeln wunderbar nachgeahmt wird. Iris singt vom ‚Mut haben’, wie man sich fühlt bisweilen, und auch sehr schön vom ‚ein Zuhause haben’ und von der kommenden Jahreszeit. Und natürlich gibt es auch ein Liebeslied: „You stole my heart“. Ihre Stimme ist hoch, ein heller sehr klarer Sopran mit Möglichkeiten in der Tiefe, mitunter auch mit einem leichten Timbre. Ihr liegen fast alle Rhythmen: vom Walzer über Bossa Nova bis hin zum Westernsong und auch mal einem ‚Schieber’. Stets wunderbar begleitet von Alexey auf der Gitarre, der die Riffs beherrscht, mehr als das, eine sehr empathische Begleitung ist. Beim Blues allerdings dreht er so richtig auf! Ein schöner Kontrast auch zum Spiel am Keybord und besonders zum Bass, zu dem Iris mühelos überwechselt und den sie glänzend beherrscht. Ganz toll: „Born to be wild“ für Stimme und Bass! Auch ein alter Song – zu dem viele Gäste begeistert mitwippen. Besonders schön wird es, wenn Jazzanklänge zu Gehör kommen, dann wird Iris’ Stimme sanft und voll.
Iris Romen wird bald im Studio neue Lieder aufnehmen, sie sei ein langsamer Mensch, der in der Musik alles sozusagen wegarbeite, meint sie in ihrer charmanten Moderation, die durch den Abend führt. Nur unterbrochen von einer Pause, für die die Boutiquebesitzerin ein üppiges Büffet vorbereitet hat. Und natürlich vom langen Applaus!

 

 

Ein Spätsommerabend, eine gemütliche Wohnung direkt am und hoch über dem Kanal bieten den Auftakt für die zweite Spielzeit des „salonfestivals“ in Hannover in diesem Jahr. Klassik steht auf dem Programm: „Suite&Sonate“ haben der Cellist Oliver Mascarenhas und der Pianist Hai´ou Zhang ihr anspruchsvolles Abendprogramm überschrieben. Konzentriert eröffnet Oliver Mascarenhas mit Johann Sebastian Bach, mit dem Präludium aus der Suite Nr.4 für Cello solo in Es-Dur. Kraftvoll streicht er den Bogen auf seinem Cello von Gaffino Castagneri aus dem 18. Jhdt. Kadenzen, aufgelöste Dreiklänge, Thriller – ein Höhepunkt der Cellomusik. Wie modern Bach anmutet, wird bei diesem Stück sehr deutlich.

Ein gezupfter Auftakt markiert die Sonate Cello solo des ungarischen Komponisten Györgi Ligeti – ein schwieriges Stück, das Oliver Mascarenhas souverän meistert. Der sonore Klang des Cellos unterstreicht den elegischen Unterton; Doppeltönigkeit und viele Sprünge (Mascarenhas fegt durch die Läufe) zeigen die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dieses wunderbaren Streichinstruments.

Besonders beeindrucken die wunderbar gespielten Glissandi bei diesem Stück. Erst Beethoven habe das Cello ins rechte Licht gerückt, erläutert der Cellist, was die beiden Musiker dann auch mit Ludwig van  Beethovens Sonate in A-Dur für Cello und Klavier schwungvoll im perfekten Zusammenspiel zeigen . Die erzählenden Passagen des Cellos werden wunderbar vom Spiel Zhangs aufgenommen und entwickelt. Der zweite Satz ist ungewöhnlicherweise schnell, leichthin rasant – tänzerisch gleiten Zhangs Finger über die Tasten. Hausmusik pur – Gäste und Gastgeberin sind begeistert, es gibt viel Applaus (sogar zwischen den Sätzen!).

Damit das leibliche Wohl nicht zu kurz kommt, ist eine Pause indispensabel. Auch wenn der Herbst mit kühlem Hauch schon zu ahnen ist: Der Blick über die Stadt auf der einen und über den Kanal auf der anderen Seite ist hinreißend. Gelegentlich hört man das Tuckern eines Binnenschiffes.

Die zweite Konzerthälfte eröffnet Hai´ou Zhang mit einer französischen Komposition: „En avril à Paris“ von Charles Trenet in einer Bearbeitung des bulgarischen Komponisten und Pianisten Alexis Weissenberg, dessen tragische Lebensgeschichte Hai´ou Zhang kurz skizziert. Gern würde man mehr von diesem Komponisten hören. Er hat viele Jahre in Paris gelebt und gearbeitet. Es folgen drei Fantasiestücke für Cello und Klavier von Robert Schumann,
die wie Lieder klingen, was auch an der Phrasierung liegt. „Rasch mit Feuer“ ist der dritte Satz überschrieben – kein Problem für die perfekte Technik der beiden Musiker, deren musikalische Empathie absolut überzeugt. Die „Pflichtzugabe“ (so Mascarenhas) stehe nicht auf dem Programmzettel: die beiden letzten Variationen von Tschaikowsky über ein Rokokko-Thema.

Geheimnisvoll hatten die Musiker noch eine Überraschung versprochen, und diese erscheint nun in Form der zierlichen Koreanerin Eunseon Jang von der NDR-Radiophilharmonie, die ihren ungeheuren Kontrabaß ins Zimmer schleppt. Das nunmehrige Trio spielt dann zum Abschluß Fantasien über Themen von Rossini des weniger bekannten italienischen Komponisten Bottesini. Der war ein musikalisches Multitalent, aber in erster Linie Kontrabassist. Logisch, daß einem solchen Komponisten ein möglichst farbiger Part für den Kontrabass am Herzen liegt. Salonfestival: Immer wieder anders, immer wieder inspirierend.

erstellt zusammen mit Martin Gerdes, Gast!

 

 

„Americana Ma Non Troppo“ haben sie ihr Konzert überschrieben, diese vier jungen Saxophonisten und Saxophonistinnen, die aus dem Düsseldorfer Raum kommen. Gefunden haben sie sich bereits 2007 an der Krefelder Musikschule und wurden bereits 2008 Preisträger des Bundeswettbewerbes „Jugend musiziert“. Viele Gäste sind gekommen, um dieses Gartenkonzert an einem zunächst regnerischen Sonntagmittag in Hannover zu erleben. Also wird rasch in den Wohnräumen Platz gemacht, bestuhlt und schon kann es losgehen: nach dem modernen Stück von Philipp Glass „Mishima“ – auf dem Treppenabsatz gespielt – folgt der 2. Satz aus dem „Amerikanischen Quartett“ von Antonin Dvorák – da stehen die Musiker bereits im Wohnzimmer. Ein Wandelkonzert also, und auch die Gäste geraten in Bewegung: nicht nur durch das stimmige, virtuose Spiel der Saxophonisten, deren Spieltechniken begeistern. Die Sonne kommt durch, und nach einer Pause geht es in den Garten, wo gekühlter Wein und Wraps bereitstehen: Stühle und Tische sowieso. Das Programm wird amerikanischer, Gershwin kommt hoch vom Balkon zu hören, Piazollas Tango gibt es als ‚Zwischeneinlage’ von der Loggia aus. Bei Leonard Bernsteins Stücken aus der „West Side Story“ wippen alle mit und bei „Ulla in Africa“, einem temperamentvollen, tänzerischen Stück mit schnellem Spiel und viel Puste von Heiner Wiberny steht das Quartett bereist im Garten, ist längst schon angekommen bei den Gästen, welche Atmosphäre und Musik sichtlich genießen. Silas Kurth ist so etwas wie der Bandleader dieser Saxophon-Enthusiasten, die ein unglaublich reiches Repertoire eingespielt haben. Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon – keines steht im Mittelpunkt, alle harmonieren und spielen ineinander, nebeneinander und miteinander. Dabei hören sich die Musiker draußen im Freien nicht gut: eine zusätzliche Herausforderung bei einem Gartenkonzert. Nach dem letzten Stück „Klezmer Traditional“ von Mike Curtis gibt es noch eine launige Zugabe: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Junglebuch – eine Aufforderung, der die Gäste längst nachgekommen sind. Musiker und Gäste fühlen sich pudelwohl: nicht zuletzt der begeisterten Gastgeber wegen, die genau dieses Quartett in ihrem schönen Garten zu Gast haben wollten. „Summertime“ pur also – natürlich auch vom Saxophonquartett!

 

Es gibt diese magischen Abende, an denen alles stimmt: Gäste, Künstler, Gastgeber, Ambiente, ja sogar das Wetter. 

Der 8. Juni 2018 ist so ein Abend, und die Magie beginnt lange zuvor, mit dem Vorgespräch bei Gastgeber Klaus Hempel am 14. Dezember 2017. Schnell werden die Präferenzen des Gastgebers deutlich: Lesung, nun ja, aber dann doch bitte sehr klassisch. Musik, sehr gerne, und bitte Jazz. Die Verbindung von beidem findet sich bei Caroll Vanwelden, jener phantastischen Musikerin, die in den letzten Jahren drei Alben herausgebracht hat, auf denen sie Sonette William Shakespeares in Töne gegossen hat. Leichtfüßig und rhythmisch, immer im Einklang mit der Stimmung des jeweiligen Sonetts. Und die an genau diesem Tag abends in Köln gastiert. 

So dauert es mit einem erneuten Treffen mit Klaus Hempel keine acht Stunden. Spontan beschließen wir, das Konzert in Köln zu besuchen, und nach wenigen Minuten steht fest: das passt. Bereits am folgenden Tag geht die Anfrage an Caroll Vanwelden. Nach Abstimmung mit ihren Musikern haben wir binnen weniger Stunden einen Termin für den Salon. 

8. Juni. Die Versandhalle der Hempel ElektroMaschinenbau ist immer noch wiederzuerkennen und ist doch auch ganz Konzertsaal. Der Flügel, der an diesem Abend eine besondere Rolle spielen wird, steht auf einer eigens errichteten Bühne. Der Tontechniker hat sich seit dem Mittag die schwierige Akustik einer Industriehalle untertan gemacht. 

Den Rest hatte Brigitte Triesch, Marketingleiterin des Unternehmens, gezaubert: Bestuhlung, Dekoration, Catering, Service – alles war bis ins Kleinste durchdacht, bis hin zu extra für diesen Abend angefertigten Heften mit den Sonetten und deren Übersetzung ins Deutsche. 

Klaus Hempel hält eine furiose Begrüßungsrede, die an diesem Abend potentielle Gastgeber ins Grübeln bringt: Das soll ich dann also auch leisten? Nein, keineswegs. Ein kurzes „Hallo und gute Unterhaltung“ reicht in der Regel völlig aus. Nur eben an diesem Abend nicht. Die kleine Ansprache war so pointiert, dass wir sie unten gerne im Wortlaut wiedergeben.

Die Musiker betreten die Bühne: Caroll Vanwelden (Vocals und Piano), Mini Schulz (Kontrabass), Thomas Siffling (Trompete und Flügelhorn) und Jens Düppe (Schlagzeug und Percussions) begeistern ab dem ersten Takt und bieten ihren Zuhörern einen Abend voller Verliebtheit, Trennung, Eifersucht, Trauer und Zuversicht. Caroll Vanwelden berichtet von der Entstehung der einzelnen Titel, wie sie die Stücke für das erste Album in kürzester Zeit komponiert hat, die Melodien von den Texten gleichsam diktiert wurden. Ausgewählt wurden die Sonette nicht nach ihrer Bekanntheit, sondern durch die Wirkung, die sie auf Caroll Vanwelden hatten. Die vier Musiker zeigen ihre große Spielfreude und auch den Spaß, den sie an der Location und dem Format des Salons haben. Und in Sachen Virtuosität stehen die vier Ausnahmemusiker ihrem Textdichter nicht nach. 

Zwei Sets und eine Zugabe lang werden die Gäste verzaubert. Und anschließend? Da wird die Salonkultur weiter gelebt: Das Tor der Halle ist zum Hof offen, bis ein Uhr nachts stehen die Musiker mit den Gästen und dem Team von Klaus Hempel draußen oder in der Halle, mit Fingerfood, einem Glas Wein, vielleicht einer Zigarette in der Hand. Es wird diskutiert, gelacht, sich miteinander bekannt gemacht. Eine laue Sommernacht nach strömendem Regen bis mittags. Keiner will den Zauber dieses Abends hinter sich lassen. Und so klingt er auch heute noch nach. 

 

Einführung von Klaus M. Hempel:

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,

schön, dass Sie hier sind – Sie hätten ja auch woanders sein können. Zum Beispiel in Düsseldorf auf der Kö, wo gerade Büchermeile ist, in Krefeld bei einem Stadtjazz-Festival, an Gelegenheiten für kulturelle Betätigung hat es keinen Mangel. Die Mutigeren unter Ihnen hätte es in die Elbphilharmonie verschlagen können, nach Verona oder Bayreuth, oder hardcore mit 40.000 anderen Menschen in die Berliner Waldbühne, um einen jugendlichen Jammerer darüber wehklagen zu hören, dass er keine Maschine ist.

Aber Sie sind hier. Und weil Sie intelligente Menschen sind, glaube ich, dass Sie einen Grund dafür haben. Vielleicht haben Sie ja wie ich das Gefühl, dass solche Veranstaltungen eines gemein haben: das Element der Vermassung, der Ent-Individualisierung, der Passivierung. Durch fremdbestimmte Organisation wird eine Distanz zur Kunst aufgebaut und letztlich landen viele dieser Massen-„Kunstveranstaltungen“ im Kitsch. Ein Tenor ist sicherlich Kunst, drei Tenöre vielleicht ganz hohe Kunst, 7 oder 29 Tenöre sicherlich Kitsch für die Masse. Und wir alle erleiden in diesen Veranstaltungen ein allgemein gesellschaftliches Phänomen: Es gibt eine Institution, die es für Sie macht.

Vielleicht sind Sie also nun hier, weil das Salonfestival Sie neugierig gemacht hat. Die Intention, Kultur und Kunst in unseren Alltag zu holen, in unser Wohnzimmer oder wie am heutigen Abend in unsere Arbeitsumgebung und in unseren Arbeitsalltag. Nicht zuletzt deshalb habe ich ständig versucht, mein Organisationsteam davon abzuhalten, die Veranstaltung zu über-organisieren oder zu over-catern. Das Element der Improvisation und des Alltäglichen, die wirkliche Arbeitsatmosphäre sollten nicht verloren gehen. Nun, das überwältigende Feedback aller weiblichen Besucher, wie schön es doch geworden ist, hat mich eines Besseren belehrt und ich danke meinem Team für den wunderbar vorbereiteten Abend.

Ich möchte Ihnen die Akteure getreu dem Motto ‚Alter vor Schönheit‘ vorstellen. Hinter mir steht ein Stutzflügel, der es aus unserem Wohnzimmer bis hierher geschafft hat. Baujahr 1910 Klaviermanufaktur Mann & Co. in Bielefeld. Dieser Flügel ist 108 Jahre alt, ein knorriger Ostwestfale, der trotz seines hohen Alters tapfer durchhält. Dennoch, die Älteren unter Ihnen, so alt wie ich oder gar noch älter, wissen, dass es ganz ohne Wehwehchen nicht geht. Und so sind wir auch sehr dankbar, dass der Klavierstimmer gerade nochmal zu einer Notoperation hier war.

Meine Damen und Herren, glauben Sie mir, wenn ich einen Kawai-Flügel hätte haben wollen, ich hätte ihn bekommen. Kawai ist gerade 5 km von hier entfernt und die leihen die Dinger aus. Aber mir erschien für das Salonfestival genau und gerade dieser Stutzflügel richtig, denn …  – was ist ein Stutzflügel?

Ein Flügel, der in Länge und Breite ein wenig reduziert ist, so dass er in den Salon oder das großbürgerliche Wohnzimmer des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts passt. Dieser Flügel ist ein Botschafter aus einer bürgerlichen Welt vor wahnsinnigen Revolutionen und aberwitzigen Jahrhundertkriegen, aus einer Zeit, in der mangels elektronischer Speicherkapazität Musik noch von Hand gemacht wurde.

In diesem bürgerlichen Salon gab es eine Nähe zu den Künstlern, eine Nähe zum kreativen Prozess, eine Nähe und eine Kommunikation zwischen den Menschen, die wir auf neudeutsch so schön „die hart arbeitenden Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft“ bezeichnen. Also Sie und ich. 

Wenn Sie eine Idee vom bürgerlichen Salon und seiner Bedeutung für Kunst und Kultur bekommen wollen, so anempfehle ich Ihnen den wunderbaren Film von Woody Allen  „Midnight in Paris“, der auf höchst anschauliche Weise zeigt, wie im Hause der Gertrud Stein in Paris die Künstler, die das 20. Jahrhundert nachhaltig prägen sollten, Man Ray, Picasso, Josephine Baker, Dali und viele andere, sich zusammen gefunden und erprobt haben. Auch für die Entwicklung der Musik und insbesondere des Jazz im 20. Jahrhundert war dieser ‑ wie viele andere – Salon von höchster Bedeutung.

Erleben wir doch in der Musik die intensivste Teilhabe am kreativen Prozess, denn Livemusik ist in genau in dem Moment erlebbar, in dem sie geschaffen wird, und sie verklingt im Augenblick. Und besonders Jazz, durch das Element der Improvisation, lässt uns Kreativität ganz nah erleben.

Und darum sind wir hier in der Werkstatt. Hier reparieren wir Maschinen, keine Neufertigung. Eine Reparatur ist in jedem Einzelfalle anders, erfordert in jedem Fall neue Kreativität. Auch hier arbeiten Menschen schöpferisch.

Meine Damen und Herren, laufen Sie rum, nutzen Sie die Pausen. Sehen Sie, was wir an Werkstücken ausgestellt haben, fassen Sie es an (schmutzige Finger auf eigene Gefahr!). Fragen Sie meine Kollegen, die zu Ihrer Betreuung hier sind oder lassen Sie sich von ihnen rundführen. Und jetzt lassen Sie sich bitte zunächst von Caroll Vanwelden und ihrer Band verzaubern.