New York, New York

New Yorker Flair weht durch die Ausstellungsräume der Galerie LUMAS in Hannover, die ihre Türen zum ersten Mal für die Gäste des „salonfestivals“ weit aufmacht: und die Eröffnung mit einem Zitat von Thomas Wolfe versetzt die vielen Zuhörer rasch in die richtige Stimmung. „Eine Stadt und ihre Neurotiker“ hat die Schauspielerin Katharina Pütter das Programm für diesen Abend überschrieben, den sie gemeinsam mit dem New Yorker Jazzbassisten Martin Wind erarbeitet hat: abwechselnd kommen Texte und Musik zu Gehör und bieten einen treffenden Eindruck dieser bunten Weltstadt. Niklas Maaks Manhattan-Eindrücke entlang eines Stadtplans dürfen da ebenso wenig fehlen wie der frech-frivole Text „Der Walzer“ von Dorothy Parker, den Martin Wind konsequent mit einem Dreivierteltakt begleitet – und doch: „All Blues“ dabei herausspielt. Die Blicke der Gäste richten sich auf diese faszinierende Stadt und wandern tatsächlich auch zu den vielen Bildern der Galerie, die das Thema „New York“ vielfältig widerspiegeln und passend zu diesem Abend gehängt sind. Da ist ein übergroßes Bild des Flat Iron Buildings zu sehen, eine sehr farbige Straßenszene, man schaut auf ein breites Bild der New Yorker U-Bahn und natürlich sieht man Audrey Hepburn zum „Frühstück bei Tiffany“ im kleinen Schwarzen, wozu Martin Wind wunderbar „Moon River“ spielt, wie er überhaupt die literarischen Texte vielseitig mit seinem 2m großen Klangkörper und den vier Saiten ‚bespielt’. Der Bassist und Komponist streicht, zupft und klopft und entlockt seinem Instrument alle Spielarten des Jazz: und alle Gäste wippen mit. Besonders schön: „Scrapple from the apple“ von Charlie Parker, bei dem Martin Wind völlig in der Musik versinkt: mit geschlossenen Augen jazzt er durch die Läufe.

Ganz ohne Neurosen übrigens, die den Gästen immer wieder ein Lachen entlocken: die wunderbar szenische Lesung von Katharina Pütter über die „Bazillen“ von Lily Brett oder die schräg- frivole Geschichte von Woody Allen über jenen Mann mit sehr abwechslungsreichen Frauengeschichten („Ausgerechnet der!“ hört man es leise im Publikum zischen) – „Die Geschichte vom Verrückten“- ist mitreißend vorgetragen. Ein Musikstück heißt natürlich „Broadway“ und am Ende dieses langen schönen Musikabends kommt dann noch „New York, New York“, gejazzt von Martin Wind, dessen Porträt Katharina Pütter aus ihrem eigenen Buch vorstellt. Zugabe? Ja natürlich, Martin Wind hat noch etwas im Gepäck. Auch für den Koffer zurück nach New York: Galerieleiterin Annekatrin Heck überreicht beiden Künstlern zum Abschied einen großen Band aus der LUMAS-Edition. Aus Literatur, Musik und Bildern ist ein schöner Salon-Abend geworden!

 

Es sei leichter, seine autobiographische Scham zu überwinden, wenn man sich selbst zu einer literarischen Figur mache. Ijoma Mangold hat in Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte seine eigene Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein aufgeschrieben und daraus Literatur gemacht. Vor einem vollen Salon las Mangold Auszüge und gab Einblicke in den Menschen hinter der literarischen Figur.

Ganz leicht, wie nebenbei wirft Mangold im Krokodil Blicke auf soziale und philosophische Fragen. Betreibt ein Heranwachsender mit dunkler Hautfarbe, der Thomas Mann und Ernst Jünger liest, damit Assimilierung? Muss man den Kontinent des abwesenden Vaters automatisch lieben? Darf man als Sohn einer Kinderpsychologin die Psychoanalyse verdammen? Wann begreift man als Schüler zum ersten Mal soziale Hierarchie?

 

Ijoma Mangold ist Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, den er erst als Erwachsener kennenlernen wird. Er wächst als einziges farbiges Kind in Heidelberg, genauer Dossenheim, auf, geht auf das humanistische und ein wenig elitäre Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Gymnasium in Heidelberg und studiert später in München und Bologna Literatur. (Sehr viel später wird er nach Stationen bei der Berliner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung Literaturchef der Zeit, das Krokodil spielt davor.) In einer Zeit und in einem Umfeld, das (noch) sehr uniform weiss und deutsch ist, fällt er auf.

Sein Anderssein ist Stoff für lustige Anekdoten und auch traurige Erlebnisse. Immer wieder wollen die Leute seine Haare anfassen oder kommentieren den exotischen Vornamen. Ijoma. Elegant formuliert ein Lateinlehrer seine Befremdung. Die A-Endung zeige normalerweise das Femininum an, aber das Latein kenne auch Ausnahmen, wie beispielsweise bei agricola – der Bauer. ,,Und schon war die Anomalität meines Vornamens durch den Segen des Lateinischen aufgehoben und erfolgreich assimiliert.”, schreibt Mangold.

 

Ein lockerer Autor läßt mit viel Sinn für Humor sein Publikum an den verschiedenen Phasen seines Leben teilnehmen. Der Besuch einer schwarzen Freundin der Mutter führt bei dem Jungen zu Schamgefühl. Der Bildband über Afrika im Wohnzimmer geniert ihn vor seinen Freunden. Die afrikanischen Märchen, die ihm seine Mutter schenkt, landen hinten im Regal. Und das Krokodil aus Ebenholz guckt vom Fenstersims zu. Der Junge wird Thomas Mann-Verehrer und arbeitet an seiner Sprache, wird Teil eines künstlerischen Knaben-Kreises um einen Heidelberger und homosexuellen Schöngeist. Später tritt das Land seines Vaters doch noch in sein Leben, in der Form einer großen afrikanischen Familie voller Herzlichkeit und Fremdheit. Aber dafür sollte man Das deutsche Krokodil lieber selber lesen.

Ein alter Schultisch steht in der Ecke des Wohnzimmers, durch dessen Rundumverglasung man an diesem Januarnachmittag in den Garten blicken kann. John von Düffel nimmt an dem Möbel Platz, lächelt in die Runde und berichtet die Entstehungsgeschichte des „Klassenbuchs“. Er sollte einen Workshop in szenischem Schreiben mit Schülern durchführen und eine gemeinsame Geschichte schreiben lassen. Doch statt einer Idee erwartet ihn die Frage, „Wessen Geschichte denn? Seine? Ihre? Meine?“, und die Antwort, dass es nurmehr einzelne Biografien und individuelle Lebenswelten gibt, dass jeder in seinem eigenen Universum zuhause ist und es bestenfalls Überschneidungen gibt. Statt an der Aufgabe zu scheitern, beweist John von Düffel sein Talent zuzuhören und taucht in diese parallelen Universen ein. 
Überhaupt taucht der begeisterte Schwimmer gerne in neue Umfelder ein. Sei es in seiner Jugend, die ihn durch die Eltern in verschiedenen Ländern aufwachsen ließ, durch ein breit gefächertes Studium (Philosophie, Germanistik und Volkswirtschaftslehre) oder durch Tätigkeiten nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Dramaturg oder Übersetzer. Nun ist es die Welt der Pubertierenden, die ihn, Vater einer Zehnjährigen, täglich erst in ein paar Jahren erwartet. 
„Klassenbuch“ nimmt sich dieser jungen, sehr individuellen und durch digitale Medien geprägten Biografien an und stellt dem Leser – oder Zuhörer – eine nach der anderen vor. Zunächst erlebt man die Selbstwahrnehmung der einzelnen, doch diese wird Stück für Stück durch Fremdwahrnehmungen der Klassenkameraden ergänzt, die in ihren eigenen Darstellungen auch über ihre Mitschüler sprechen. So begegnet man Emily, dem Star der Klasse – klug, schön, reich – zunächst in ihrer Mail an den Schulcaterer als ebenso scharfzüngig wie analytisch denkend. Erst durch andere vervollständigt sich das Bild der bulimischen jungen Frau, die ein Verhältnis mit dem Geschäftsführer des Catering-Unternehmens unterhält. Geschichte um Geschichte, Schüler um Schüler baut sich ein Ganzes auf, bekommen die Figuren neue Facetten und die Klasse am Schluss doch eine Art Einheit. 
Von Düffel verweigert sich dabei konsequent der Diktion Sechzehnjähriger, worauf er von „Erwachsenen“, darunter den Salon-Gästen, immer wieder angesprochen wird. Die Jugendlichen nehmen dies selbstverständlich hin. Den Versuch, den Jargon des Schulhofs abzubilden, fänden sie bestenfalls peinlich. So erreicht von Düffel alle Altersklassen mit seinem Roman. An diesem Nachmittag erreichte er knapp 50 Menschen in einem Wohnzimmer, die durch die dichte Atmosphäre dieses Wintertags und die sympathische Nähe des Schriftstellers bezaubert waren. Sein Werk besticht dabei durch die fein ziselierten Charaktere, die Sprachmacht, mit der er jedem seiner Protagonisten eine zusätzliche Facette gibt, das mit Händen zu greifende Interesse des Schöpfers an den Leben, die er dort teils erfindet, teils aus Vorbildern formt und der Kunst, die großen Themen des Lebens mit den Widrigkeiten des Erwachsenwerdens zu verschmelzen.

Begrüßung von Frau Dr. Huttner am Salonabend mit Zsuzsa Bánk:

Liebe Gäste,
Herzlich willkommen zu unserem heutigen Abend mit Zsusza Bánk und ihrem Roman „Schlafen werden wir später“ zu Gast bei uns in Haidhausen.

„Wir brüllten: wir sind erwachsen, wir sind erwachsen, viele Male hintereinander, als könnten wir es sonst nicht glauben“, heißt es an Aja’s 18.Geburtstag in den „hellen Tagen“.

Die fast 30 Jahre älteren Freundinnen im neuen Roman, Johanna und Marta, die seit Kindertagen dieselbe Vertrautheit verbindet, stellen sich in Emails die Frage, wie auslotbar die Grenzen der biographischen Möglichkeiten sind, in einem Alter, in dem sich Zufälliges längst in unabänderliche Gesetze verwandelt hat und ein Schwanken zwischen verschiedenen Lebens- und Selbstentwürfen nicht mehr verhandelbar ist. Was prägt uns und wie sind die Kindersommer der Seele gegen die Zumutungen der Realität zu verteidigen, wie schaffen wir es, in der Mitte des Lebens das Innere gegen das Äußere zu behaupten. Wie fragil ist das alles, was wir für einen gelungenen oder zumindest plausiblen Lebensentwurf halten?

Zsusza Bánk schreibt über Momente des Abschieds, der Trauer, Momente des Unheils und der Angst , über Menschen, die ihrem Schicksal ausgeliefert sind, mit der einzigen Möglichkeit es zu ertragen. Aber auch über die Selbstheilungskräfte freundschaftlich verbundener Seelen. Sie lädt uns ein zu einer Innenbetrachtung durch den Spiegel einer Freundschaft, in der die Empfindsamkeit nicht der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Durch die Welt zu wandeln und sie mit einer Zärtlichkeit zu berühren, die aus dem Wissen um die flüchtige Schönheit der Dinge rührt, ist eine Kunst, die mich beim Lesen ihrer Bücher immer wieder beseelt.

Kann das eigene Leben die Antworten auf die grundlegenden Fragen nach der Freundschaft, der Treue, dem Sinn des Lebens geben? Am Ende der Lektüre habe ich begriffen, dass das eigene Leben tatsächlich  die Antwort ist, aber erst, nachdem es den Fragen entsprechend gelebt worden ist.

Von wegen Aufbruch und Emanzipation: Machogeist am Bauhaus

Das Bauhaus in Weimar und Dessau: Es steht für Avantgarde, für den Aufbruch aus einer ästhetisch verkrusteten Zeit, für die Moderne und die Emanzipation aus einem zu eng empfundenen Architektur- und Kunstverständnis. Dass ausgerechnet hier alte Mechanismen und Denkweisen wüten, überrascht und stellt das Bauhaus in seiner nachträglichen Mystifizierung in ein unerwartetes Licht. Theresia Enzensberger – zu Gast im Salon in Wiesbaden – führt ihre Leser und Zuhörer in ihrem Roman „Blaupause“ keineswegs auf den historischen Pfad der ästhetischen Revolutionäre Walter Gropius, Wassily Kadinsky, Paul Klee und Johannes Itten, wie man vermuten könnte. In ihrem Debüt über das Bauhaus hat sie anderes im Sinn. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Luise Schilling, die begeistert dem Lockruf der Bauhäusler folgt. In Weimar schreibt sie sich – wie viele andere junge Frauen ihrer Zeit – an der Kunstschule von Walter Gropius ein, im Glauben, Teil dieser modernen Bewegung zu werden. Doch das experimentelle Ausbildungsprogramm führt die weiblichen Studierenden auf direktem Weg in die Webwerkstätten und weniger in die Tischlereien und Architekturschulen. Der Ansturm der Frauen hat die männlichen Bauhäusler offenbar überfordert. Dass sich Frauen für technische Probleme interessieren und über dreidimensionales Denken verfügen, übersteigt das Vorstellungsvermögen der Lehrkräfte am Bauhaus. Trotz vieler Demütigungen, Selbstzweifel und kritischer Selbstbespiegelung gibt Luise ihren Traum so schnell nicht auf. Sie möchte dazugehören, sucht nach Anerkennung und wirft sich hinein in den Dampfkessel der widersprüchlichen Strömungen und Ideen ihrer Zeit. Alles ist zugleich möglich und denkbar: Freizügigkeit und Dogmatismus, menschliches und reaktionäres Gedankentum, zarte Anflüge von Gleichberechtigung und schlimmster Sexismus. Wie – so fragt sich Luise am Ende ihres Studiums – sollen in einem derartigen Klima widersprüchlicher Haltungen neue Formen möglich sein? Wie kann hier der neue Mensch geprägt durch die neuen Formen, die ihn umgeben, hervorgehen? „Wie soll das möglich sein, wenn diese Formen doch immer nur von den alten Menschen mit all ihren Fehlern und Mängeln geschaffen werden können?“ Eine Frage, die sich im anschließenden Gespräch an die Lesung auch die Salongäste stellen: Die gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft – ist nicht auch sie durch die vielen Fehler und Mängel, die von den Rändern und den Widersprüchen in der Mitte der Gesellschaft ausgehen, in akuter Gefahr?

Zwei Frauen, zwei Leben, kontrastreich und lebensvoll: Zsuzsa Bánks neuer großartiger Roman gewährt Einblicke in abendliche Emails und die drängenden Gedanken, die Frau sich in der Mitte des Lebens macht.

Márta ist Schriftstellerin und lebt mit ihrem Mann Simon und drei Kindern in der Großstadt, während ihre langjährige Freundin Johanna, auch Jo genannt, als Lehrerin im Schwarzwald arbeitet und nebenbei an einer Doktorarbeit schreibt. Man sieht sich zu selten, aber abends und nachts teilen sie sich ihre Gedanken, Sorgen und Freuden mit, beschreiben ihren Alltag, ihre Leben und Wünsche. Márta und Jo sind Frau in den sogenannten besten Jahren, mit einigem an Vergangenheit und dem unbedingten Gefühl, mal nachfragen zu müssen: War das schon alles? Leben sie wirklich oder werden sie nur vorangetrieben?

Voller Faszination liest man in diesem Briefroman vom „Knistern in den Lebensjahren“, den Träumen und Hoffnungen zweier moderner Frauen, denen Zsuzsa Bánk ihre unvergleichlich satzversessene Sprache leiht: mäandernde Sätze wechseln mit Halbsätzen und sind prall gefüllt mit bildreichen, wunderschönen Adjektiven wie „nachtversenkt“ und lyrischen Bildern. Doch alle Poesie täuscht nicht hinweg über eine leise Melancholie, die unter allem den Grundton schwingt: eigentlich wollen die beiden nicht über die großen Lebensfragen sprechen – und tun es doch.

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später
Fischer   978 3 10 005224 7     24 €

Mehr Informationen und Tickets für die Lesung mit Zsuzsa Bánk am 05. Mai 2017 in den Opelvillen in Rüsselsheim erhalten Sie hier.

 

 

 

©Ulrike Groffy

Vergänglichkeit und Unsterblichkeit bilden den ewigen Widerspruch, der Leben heißt. Ein faustisches Thema, das Thea Dorn in ihrem neuen vergnüglichen wie kenntnisreichen Roman „Die Unglückseligen“ augenzwinkernd zugrunde legt.

Gleich einem literarischen Vexierspiel kommt er daher: ein burlesker Schelmenroman mit stilsicher verzierten Initialen gepaart mit wunderbarer Gelehrsamkeit à la Laurence Sterne. Und zahlreichen Anspielungen auf das Grundthema der Romantik: die gequälte Seele. Doch hier ist die Geschichte frisch erzählt und amüsant: Johanna Mawet ist Humangenetikerin und forscht an Stammzellen in einem renommierten Institut an der amerikanischen Ostküste. Ehrgeizig ist sie, schnell, hochintelligent, ausdauernd und doch ungeduldig (ein Alter ego der Autorin?), denn dass der Mensch nicht älter als 120 Jahr werden kann, ist ihr nicht genug: sie will den Weg ebnen zur Unsterblichkeit. Ausgerechnet beim Einkaufen trifft sie auf Wilhelm Ritter, einen 1776 geborenen Pfarrerssohn, der im 18. Jahrhundert der Aufklärung als Physiker tätig war und 1810 gestorben ist. Er ist es aber nicht, sondern seit 240 Jahren auf der Erde herumgeirrt, getrieben von dem Wunsch, endlich in Frieden ruhen zu dürfen. So willigt er gern ein, dass die junge besessene Wissenschaftlerin seine DNA analysiert, um dem ewigen Leben endlich auf die Sprünge zu kommen. Das geht nicht ohne Misstrauen der Kollegen im Labor, und also machen sich die beiden auf in ihre Heimat nach Deutschland, dem Land der dunklen Romantik.

Thea Dorn kennt sich aus mit Gefühlen und Empfindungen der deutschen Kulturnation, das hat sie bereits in ihrem absolut klugen Buch „Die deutsche Seele“ bewiesen. So ist ihr Roman ein überaus feinsinniges Fortspiel, ein lustvolles Umsetzen der großen Frage nach Leben und Tod, aktuell wie faszinierend – und bisweilen nicht zu erklären, wie schon Goethe merkte: „Die Natur versteht keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, … und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen.“

 

Thea Dorn spricht in der Galerie Martina Kaiser mit dem Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt.

 

www.kaikupferschmidt.de

www.galeriemartinakaiser.de/home.html

 

„Lesen ist denken mit fremden Gehirn“ hat Arthur Schopenhauer einmal gesagt, und wenn es  auf ein Buch zutrifft, dann ganz sicher auf das neue Buch von Udo Di Fabio, der sich sehr kluge Gedanken zur Entwicklung unseres westlichen Gesellschaftssystems macht. Sein neues Buch „Schwankender Westen“ ist Anstoß zur Diskussion und zum Nachdenken, Selberdenken. Den „Westen“ definiert Di Fabio als „Faszination eines Lebensstils, in dessen Mittelpunkt der einzelne Mensch steht.“ Wir genießen sozial funktionierende Systeme, kennen  den Fortschrittsglauben und haben entsprechende Verhaltensstrukturen längst akzeptiert. Der Westen steht als Synonym für Freiheit und Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Marktwirtschaft. Di Fabio analysiert diese Idee des Westens kritisch und stellt  fest, dass der Westen ins Wanken gekommen ist. Die Gründe dafür sieht der Autor in der Weltwirtschaftskrise von 2008, den Terroranschlägen in der christlich-islamischen Welt und den Kriegsschauplätzen rund um Europa, aber auch in der Wanderbewegung von Süd nach Nord, die wir dieser Tage erleben. Di Fabio konstatiert ein neues verschobenes politisches Gefüge, wozu die rasante Entwicklung in der digitalen Welt und die weltweite Vernetzung beitragen. Die plurale Gesellschaft droht sich zu zerlegen und Parallelgesellschaften zu bilden – sei es aus Protest oder einfach, um eigene Werte zu etablieren. Nicht zu überhören ist Di Fabios Warnung: Wenn Institutionen wie der demokratische Rechtsstaat und die soziale Marktwirtschaft nicht gepflegt und intakt gehalten werden, droht eine Dauerkrise. Di Fabios Mahnungen sind besonnen und Ergebnis exzellenter Überlegungen aus dem Rechtsverständnis heraus: Um in gegenseitiger Achtung rechtssicher zu leben,  braucht es einen neuen Weg, der sich auf Werte besinnt und sich zugleich öffnet – ein überzeugender Denkanstoß!