Das Futur 2 ist eine sehr selten benutzte Zeitform der deutschen Grammatik. Claus Leggewie hat mich gestern Abend bei einem vollbesetzten Salon in einer alten Köln-Marienburger Villa gedanklich in das Jahr 2030 versetzt. Was ich und die anderen rund 50 Gäste praktisch getan haben werden, für ein freies, demokratisches Europa, fragt er? Denn es liege ja an mir, etwas zu tun und eine andere Geschichte Europas zu erzählen, als jene die bis zum Jahr 2016 geführt wurde. Leggewie weist auf die Narrative des „autoritären Faschisten“ Trump hin, der wie die anderen Populisten Europa als Institution zerstören wolle, auf Putin, der Europa wieder in Ost und West teilen will, auf die Islamisten, die das christliche Abendland terrorisieren und bekriegen wollen, um ein Kalifat zu bauen.

Doch Claus Leggewie bleibt optimistisch in Bezug auf ein demokratisches Europa, wenn sich die Europäer, wenn ich mich für Toleranz, sozialpolitische Chancengleichheit und für den nachhaltigen Klimawandel einsetze, der zu einem Wirtschaftsfaktor werden könne. Da bin ich skeptisch, Letzteres klingt zu visionär.

Nach seinen, wie er sagt “assoziativen Einwürfen“ kann ich ihm noch eine Frage stellen: wie wir denn die Jugend und junge Familien – überhaupt die Generation zwischen 40 und 60 – zu mehr Engagement kriegen könnten? Er erlebe eine bereitwillige Jugend und es sei an unserer Generation, ihnen Angebote zu machen, um sie stärker einzubinden. Genau wie dieser Salonabend, der ein wunderbares Beispiel für bürgerliche Offenheit und Diskursbereitschaft sei, so Leggewie, ganz im Sinne eines “sich zeigen, praktisch handeln”.

Mitmach-Demokratie – das ist seine Erzählung: Er verweist auf seine neue Initiative Praxis Europa, die er gerade im Schauspiel Frankfurt verkündet hat und auf Pulse of Europe – als ebenso sichtbare Zeichen bürgerschaftlichen Engagements. 

Claus Leggewie bei ttt am 12. Februar 2017: “Die Demokratie geht nie an denen zu Grunde, die sie autoritär herausfordern, sondern immer an der Luschigkeit und Passivität der Demokraten, die gesagt haben: Ich kann da nichts machen, das läuft schon, das wird schon gut gehen”

http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Wie-kann-Europa-dem-Populismus-trotzen/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=40643272

Gehört der Islam zu Deutschland? Im „salonfestival“ auf jeden Fall – zumindest was die hintergründige Auseinandersetzung mit dieser Religion und ihren verschiedenen Ausprägungen angeht. In einer Sonntagsmatinee Mitte Februar brachte Herr Dr. Wilfried Buchta den rund 50 Zuhörern die Grundlagen des Islam näher. Er ist Islamwissenschaftler und kennt den Nahen Osten aufgrund seiner langjährigen Tätigkeiten in fünf verschiedenen arabischen Ländern aus eigener Erfahrung.

 

Er holte aus; begann bei Mohammeds Tod im Jahr 632 unserer Zeitrechnung und – da kein Nachfolger bestimmt war – bei dem danach entstandenen Machtvakuum. Schon früh bildeten sich Spannungen zwischen den einzelnen Clans und den Anhängern verschiedener Propheten. Enorm kenntnisreich legte Buchta dar, wie sich die Schiiten von den Sunniten unterscheiden. Schließlich landete er im 20. Jahrhundert und erläuterte auch, warum in der neueren Zeit der radikale Fundamentalismus in beiden Hauptrichtungen so extrem geworden ist und warum vor allem der sunnitische Radikalismus immer mehr Anhänger findet. Der schon lange schwelende Konflikt zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, der immer wieder als Stellvertreterkrieg in den verschiedensten Regionen des Nahen Ostens als Kampf um die Vormachstellung in der islamischen Welt ausgetragen wird, lässt diese Region einfach nicht zur Ruhe kommen. Und die Folgen dieser Kriege gefährden zunehmend Europas Sicherheit – sei es durch die hohe Zahl an Flüchtlingen infolge von Massenvertreibungen oder durch IS-Terroranschläge auch in europäischen Städten.

 

Herr Dr. Buchta plädiert für einen realistischen Umgang mit dem Islam, fernab von jeglicher Dogmatik und Ideologie, aber er warnt auch davor, unsere freiheitlich demokratischen Grundwerte zugunsten einer voreiligen Integrationsarbeit aufzugeben. Es sind nicht „alles   Teufel, die da kommen, es sind aber auch keineswegs alle Engel.“ Auf die Frage der Gastgeberin, wie wir als christlich-jüdisch geprägtes Abendland mit dem Islam umgehen sollen, erklärte Buchta, dass es „den Islam“ nicht gebe. Soweit die nach Europa kommenden Muslime einen „Euroislam“ ausüben würden, der mit unseren demokratischen Werten in Einklang zu bringen ist, hält er ein gewährendes Nebeneinander der verschiedenen Religionen für möglich. Doch da Demokratie und Menschenrechte weder in der Religion noch in der sozialen Prägung vieler Muslime tief verankert seien, würde sich ein gutes Drittel der nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge sehr schwer mit deren Adaption tun und in uns Andersgläubigen eben nur die „Ungläubigen“ sehen, die nicht gleichwertig seien.

 

Es war ein sehr intensiver Salon. Herr Dr. Buchta vermochte es, seine Zuhörer über fast zwei Stunden hinweg mit seiner Analyse und Antworten auf die vielen Fragen zu fesseln. Die Gastgeber haben es sich nicht nehmen lassen, alle Gäste mit orientalischem Essen und Getränken zu verwöhnen – trotzdem gab es auch Wein, denn wir sind ja schließlich im christlichen Abendland… Der Salon hat genau das erreicht, was wir mit der Salonidee bezwecken: Möglichkeiten der hintergründigen Information, der Meinungsbildung und des Austauschs zu bieten. Noch lange hielten die Gespräche unter den bunt gemischten Gästen mit dem Referenten an. Eine Lösung kann im Salon natürlich nicht erarbeitet werden, aber man hat förmlich gesehen, wie viele Denkanstöße seine so kenntnisreichen Ausführungen und Einschätzungen bei jedem der Gäste bewirkt haben. Und auch der Referent hat die besondere Atmosphäre sichtlich genossen. Die Inhalte wirken noch lange nach…

 

https://www.nzz.ch/meinung/pulverfass-naher-osten-der-abgrund-der-arabischen-welt-ld.144888

Der Auftakt der „klugen köpfe“ in Hannover: ein gemütliches Wohnzimmer mit vielen Büchern und noch mehr Stühlen, denn es war voll. Freunde der Gastgeber mischten sich mit Nachbarn und Gästen, die das „salonfestival“ kennenlernen wollten. Alle waren gekommen, um Professsor Hübls Ausführungen zu den ethischen Grundlagen entscheidender Fragestellungen zu hören: „Was wäre, wenn…“ ist in der Philosophie ein bekanntes Gedankenspiel. Philipp Hübl zog seine Zuhörer mit seiner frei vorgetragenen Rede gleich in den Bann, und die vielen Beispiele, die er vorführte, zeigten klar, worauf es bei diesen – auch moralischen – Überlegungen ankommt: nicht immer dem ersten Impuls folgen und eine Entscheidung fällen, sondern alle Konsequenzen weiterdenken und mögliche weitere Aspekte mit einbeziehen. Das das gar nicht so leicht ist, zeigte die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag. Und all die Gespräche, die noch lange in Wohnzimmer und Flur beim Wein weiter geführt wurden. Gedankenspiele sind äußerst anregend, wie einige Gäste meinten, und zugleich anstrengend. Aber die direkte Begegnung mit Philosophie hat gutgetan, das fanden alle! Ein langer, intensiver Abend, der allen zu denken gab!

 

Populismus in den USA und in Europa – wo sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede auszumachen? Diesen Fragen geht der Politikwissenschaftler Dr. Marcel Lewandowsky nach. Er ist unser “kluger Kopf zu Gast” im Hofgut Gorgenthal am 5. Februar. Marcel Lewandowsky lehrt an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und forscht seit zehn Jahren zum Thema Populismus. Prognosen für den möglichen Aufstieg der Populistenpartei der AfD in Deutschland in Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl hält er wissenschaftlich für problematisch. Eine “Zauberformel” gegen Populisten gebe es nicht, aber durchaus Gegenstrategien, der sich Politik und Öffentlichkeit stellen müssten. Dazu mehr im Interview im “Wiesbadener Kurier” vom 26. Januar 2017.  http://www.wiesbadener-kurier.de/vermischtes/vermischtes/mobilisierung-gegen-die-da-oben_17635428.htm