… heißt es. Aber stimmt das überhaupt? Als die Kunsthistorikern Charlotte Klonk in ihrem Vortrag über die Macht der Bilder spricht und das Foto von Osama bin Laden präsentiert, der als alter Mann mit grauem Bart, gebeugt mit einer Fernbedienung in der Hand inmitten eines kärglichen Zimmers auf einen Fernseher starrt und Aufnahmen von sich aus besseren Tagen betrachtet, da wird offenkundig, wie unterschiedlich Bilder auf Menschen tatsächlich wirken. Die Professorin der Humboldt Universität in Berlin zeigt in ihrer Studie „Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden“, welche Rolle die Bilder des Terrors  spielen und welchen ethischen Umgang wir mit ihnen finden müssen. Die Frage ist nur, wie können wir ethische Richtlinien festlegen oder uns auf einen Moralkodex verständigen, wenn die Rezeption von Bildern so unterschiedlich ist? So war die Wirkung des Fotos, welche das Pentagon nach der Ermordung von Osama bin Laden der Welt präsentierte, bei den Salongästen bei weitem nicht einhellig. Die Einen erkannten die Demütigung des größten Feindes der USA, mit genau dieser Intention. Die Kunsthistorikerin wertete die Veröffentlichung im Nachklang als überflüssige Geste, die nur dazu führte, weitere Ressentiments und Hass zu schüren. Andere kamen zu einer ganz anderen Einschätzung: Das Foto sei eine Vermenschlichung eines gefürchteten Terroristen und würde ihn harmlos in einem häuslichen Zusammenhang zeigen. Negative oder positive Wirkung? Die Salongäste diskutierten kontrovers und sehr engagiert. Es zeigt sich, der Salon ist der passende Ort, in dem der gesellschaftliche Diskurs geführt wird. Respektvoll, meinungsstark und mit großer argumentativer Kraft von engagierten Menschen, die das gesellschaftliche Leben mitgestalten wollen.

 

 

Ein Salon zum Thema „Brexit“ und passend dazu englisches Wetter in Hannover: doch die Gäste wurden belohnt, denn in der Eingangshalle prasselte der Kamin und die herzlichen Gastgeber sorgten für ein besonders „warm welcome“. Die Affinität der Gastgeber zur britischen Insel war allenthalben zu spüren. „Europa nach dem Brexit“ sollte das Thema des Abends sein. […]

In den Räumen der Waage e.V. gab Christian Pfeiffer vor vollem Haus einen
Abend über häusliche Gewalt und ihre Beziehung zu Kindererziehung, zu
Bildung, zu Religion. Durch und durch optimistisch war sein Vortrag, das
hätte ich nicht erwartet, wähnte ich mich als eifriger Zeitungsleser doch
wohlinformiert durch schlimme Meldungen. Aber mein Bild war sichtlich
verzerrt: Die Gewalt habe deutlich abgenommen in Deutschland in den
letzten 20 Jahren, die auf der Straße, die in der Schule, die in den
Familien, etwa um die Hälfte. Dem als Zahlenmann Bekannten purzelten seine
Statistiken nur so aus dem Mund, und doch verlor er sich nicht darin.

Der Schlüssel sei die Kindheit, berichtete er (und belegte es): Wer als
Kind Gewalt erlitten habe, teile sie als Erwachsener selbst aus. Das
Verbot der körperlichen Züchtigung der eigenen Kinder vor etwa 20 Jahren
habe daher den Durchbruch gebracht. Ein Zitterspiel sei es damals gewesen,
die Konservativen im Bundestag zur Zustimmung zu bewegen, schließlich sei
in dortigen Kreisen die Überzeugung nicht so ganz unverbreitet, eine
ordentliche Tracht Prügel habe noch niemandem geschadet. Eine Erkenntnis
aber habe das Umdenken gebracht: Aus einem gezüchtigten Kind wird ein
gewalttätiger Erwachsener, der aber dann nicht nur seine eigenen Kinder
schlägt, sondern auch den greisen Vater, und ihm so dessen eigene Gewalt
Jahrzehnte später zurückzahlt.

Eine liebevolle Kindererziehung ist Gewaltprävention.

Es gibt aber für viele eine zweite Chance: Was man an den eigenen Kindern
gesündigt hat, kann man an den Enkeln zumindest zum Teil wieder gut
machen.

Die Religion sei ein bedauerlicher Gewaltfaktor, mußte der so überzeugte
Protestant eingestehen. “Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn.” Das
stehe nicht im Koran, sondern in der Bibel. Aber Feuer und Wasser —
nämlich extremes Christentum und fundamentalistischer Islam — begegnen
einander gerade hier: Je religiöser, desto gewalttätiger, das gelte bei
den Christen und Moslems gleichermaßen. Gerade eben sind viele, viele
“Zuwanderer” zu uns gekommen (“Einwanderer” dürfe man sie ja nicht nennen,
denn schließlich sei Deutschland ja kein Einwanderungsland). Die meisten
zählten zu gewalttätigsten Bevölkerungsschicht: Männer zwischen 14 und 30.
Und viel zu wenige Frauen dabei, die die Gewalt dämpfen könnten.

Familiennachzug ist Gewaltprävention.

Chancen sind Gewaltprävention, die Chance, dazuzugehören zur deutschen
Gesellschaft und dieses Dazugehören durch eigenes Bemühen auch selbst
erreichen zu können.

Aber auch ein verständiges Rückkehrprogramm ist Gewaltprävention, eins,
das diejenigen, die beim besten Willen nicht bleiben können, mit Chancen
und nicht als Versager in ihre Heimatländer zurückschickt. Ein solches
aber kostet Geld, letztlich gut investiertes.

Ein Imam habe ihn eingeladen, in einer Moschee zu sprechen. Er habe
zugesagt unter der Bedingung, daß auch die Frauen dabei wären. So geschah
es. Hinterher hätten sich die Zuhörer die Köpfe heißgeredet, und der Imam
und er hätten sich darüber gefreut: Nur wenn man über die Dinge redet,
kann sich etwas zum Besseren ändern.

Das Wichtigste aber sind die Kinder: Wenn Max und Mehmet im gleichen
Sandkasten spielen und Max den Mehmet und Mehmet den Max zum Geburtstag
einlädt, dann werden sich auch der große Max und der große Mehmet als Teil
einer gemeinsamen deutschen Gesellschaft sehen.

Bildung ist Gewaltprävention.

Ein hoffnungsvoller Optimist berichtete über seine Leidenschaft: Die Welt
besser zu machen, und er konnte erfreulich viele Beispiele nennen. Viel
ist schon erreicht worden. Doch einiges bleibt noch zu tun.

Eine rege Diskussion erst im Plenum und dann bei Wein und Häppchen
vollendete einen höchst ersprießlichen und lehrreichen Abend.

Selten bin ich nach einem Vortrag so frohen Mutes nach Hause gefahren.

Martin Gerdes besuchte diesen Salon und schrieb hier!

Manchmal staunt man, wenn man das eigene Verhalten vor Augen gestellt bekommt. Immer aber nimmt man etwas mit. Aus der Begegnung mit der Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher lässt sich mehr mitnehmen, als man anfänglich vielleicht ahnt.

Bei Ballwanz Immobilien im Frankfurter Westend stellt die Forscherin zunächst drei Stühle mitten in den Raum, die – selbstverständlich – leer bleiben. Man wählt seinen Platz stets mit Bedacht, schaut, wo bin ich geschützt, wo schaffe ich mir ein Territorium. Humorvoll und im Austausch mit dem Publikum reflektiert sie unser Verhalten in der Menge – in U-Bahnen, auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen, auf unseren eigenen Freiflächen. Und lässt für den Zuhörer sichtbar werden, wie sehr wir Abgrenzung suchen. Unser Schutzraum ist der eigene Wohnraum. Hier muss man keine (oder selten) Abgrenzung suchen, kann sich also insofern entspannen. Doch ihr Plädoyer: diesen von uns selbst geschaffenen „Individualabstand“ zu verringern. Denn nur Nähe schafft Begegnung, Kommunikation und soziales Leben. Sie stellt fest: der Mensch liebt die kleineren Zusammenhänge, Räume und Raumgrößen, die er gut überblicken kann, Gruppen, die er organisieren kann.

Am Beispiel Wien zeigt Prof. Oberzaucher auf, wie sozialer Wohnungsbau, der dort mitten in den Städten integriert ist, nicht nur die Gemeinschaft bereichert, sondern sogar vielerorts zum Hot Spot des Zusammenlebens avanciert ist. Zwar können wir nicht alle Städte umbauen, aber den Städteplanern Teams zur Seite stellen, die vom Menschen aus denken und dann entwickeln. Das wäre ein Schritt. Schließen Sie einmal die Augen und stellen sich dann vor: Es gäbe keine Zäune und Mauern, nur hügelige und grüne „Niveaus“. Plätze, mit einer angenehmen Bestuhlung, Orte, mit umhegten Grünflächen. Und wir selbst können auch etwas tun, nämlich anfangen Nachbarschaften zu pflegen, uns um den uns umgebenden Raum kümmern. Wir haben es in der Hand! – Es gibt engagierte Initiativen aus Nachbarländern – Elisabeth Oberzaucher erwähnt Gehl Architekten in Dänemark (http://gehlpeople.com/).

Ich selbst war im Sommer in Kanada unterwegs. In allen Städten fanden sich quer über die Stadt verteilt bunte Stühle, auf denen man ruhen, schauen und reden konnte. Sie waren weit mehr als bunte, belebende „Kleckse“ im Stadtbild. Ballwanz Immobilien, die ja selbst gestaltend für eine lebenswerte Wohn- und Lebenswelt arbeiten, haben mit ihrem Salon Bilder in uns entstehen lassen, vielleicht einen Auslöser in uns freigesetzt. Und wieder einmal gezeigt, dass sie hervorragende Gastgeber sind, die ihre „kleine Salongruppe“ umsichtig und liebevoll umsorgen.

Übrigens wurde von der Referentin außerdem festgestellt: der Salon eignet sich bestens, die Trendwende hin zur „Nachbarschaft“ lebendig werden zu lassen – als Gastgeber wie als Gast. Deshalb sagen wir: Feel welcome!

 

Dirigent Omer Meir Wellber und Nikolaus Bachler, Intendant der bayerischen Staatsoper im Gespräch – moderiert von der Journalistin Inge Klöpfer

„Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“

Ein heißer Freitagabend im Juni. Am Tag vor dem Eröffnungskonzert der Münchner Opernfestspiele 2017 finden sowohl Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler als auch der Dirigent des Eröffnungskonzerts, der israelische Nachwuchskünstler Omer Meir Wellber, Zeit für ein Salongespräch in der Münchner Galerie Tanit. Bachler gilt als Entdecker des jungen Dirigenten aus Israel. Er schildert im Gespräch mit der Journalistin Inge Klöpfer, dass ihn besonders der Mut des Künstlers begeistert habe, Kompositionen immer wieder anders zu präsentieren. „Jedes Mal interpretiert er neu“, so Bachler.

Meir Wellber hat sein Akkordeon mitgebracht und spielt zur Einstimmung erst einmal Klänge aus seiner israelischen Heimat, fröhlich, schnell, mitreißend. Das Thema an diesem Abend ist sein Mozartbild, insbesondere am Beispiel von dessen Zusammenarbeit mit dem Librettisten Lorenzo da Ponte. Der ehemalige Schüler von Daniel Barenboim hat erst spät zu Mozart gefunden, während seiner Zeit an der Dresdner Semperoper: „Erst als in Dresden die Idee aufkam, alle drei Mozartopern mit den Libretti von da Ponte aufzuführen, platzte bei mir der Knoten.“ Seine „Momente mit Mozart“ beschreibt er in seinem neuen Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe“, das er gemeinsam mit der Publizistin Inge Klöpfer geschrieben hat. Klöpfer, die das Salongespräch mit den beiden Künstlern kompetent moderiert, ist insbesondere für ihre Biografien der Verlegerin Friede Springer und des Dirigenten Kent Nagano bekannt geworden.

Wenn gleich die genaue Zusammenarbeit von Mozart und da Ponte nicht dokumentiert sei, erläutert Meir Wellber, habe er ein genaues Bild davon, wie die beiden Künstler durch ihre unkonventionelle und kreative Zusammenarbeit der Oper neue Kraft gaben. Beide waren künstlerische Revolutionäre im Europa der Aufklärung, kreativ und hochbegabt – und zugleich zutiefst gesellschaftskritisch. Beide waren Freigeister, die sich über Konventionen hinwegsetzten, Spielernaturen mit einem Hang zum Risiko, sinnliche Lebemänner und äußerst selbstbewusste Kreative, die sich in der Welt zwischen Adel und Bürgertum bewegten. Die Zusammenarbeit der beiden sei überaus fruchtbar gewesen, Buchstaben und Noten wunderbar aufeinander abgestimmt, die Energien von Musik und Text beeindruckend. Und die Botschaft revolutionär. „Hören Sie selbst“: Meir Wellber holt wieder sein Akkordeon hervor und spielt Opernpassagen aus „Die Hochzeit des Figaro“, um zu verdeutlichen, wie Musik und Text sich ineinander fügen und die Musik die Botschaft des Librettos verstärkt.

Meir Wellers Fazit: Die Zusammenarbeit beider Künstler, Mozart und da Ponte, war hochkreativ und beflügelnd. Außergewöhnlich eben. In seinem aktuellen Buch ist zu lesen: „Beide, Komponist und Dichter, wären in ihrer Entwicklung nicht so weit gekommen, hätte es den intensiven Austausch nicht gegeben. Für Mozarts musikalische Entwicklung ist da Ponte ein Glücksfall, weil ihn der Dichter mit seinem umfassenden Verständnis des menschlichen Daseins und all seiner Unwägbarkeiten dazu inspiriert, die Grenzen der Möglichkeiten einer Oper weit nach vorne zu verschieben.“ Und zu da Ponte ist zu lesen: „Hätte er sich nicht auf Mozart eingelassen, wären er und seine Texte für immer in den Archiven verschwunden“. Eine starke Interpretation.

Zum Abschluss des Salongesprächs spielt Meir Wellber dann noch einmal auf seinem Akkordeon, bevor der Salonabend mit vielen Gesprächen ausklingt, mit Fragen und Anregungen rund um das Thema „Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“.

Das Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe – Momente mit Mozart“ von Omer Meir Wellber und Inge Klöpfer ist 2017 bei EcoWin erschienen.

Europa befindet sich doch im Aufschwung! Die Konjunktur zieht an, unerwartet und viel besser als vermutet, so der Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer, im Salonfestival in Wiesbaden. Die antieuropäischen Stimmen der Rechtspopulisten werden nach seiner Einschätzung leiser, Pro-Europäer gehen auf die Straße und setzen ein spürbares Gegengewicht. Und dann die jüngsten Wahlergebnisse: Auch sie heben die Stimmung auf proeuropäischen Kurs. Und doch: Unter der glänzenden Oberfläche brodelt es. Viele Probleme, die aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise resultieren, sind längst nicht gelöst und die Gefahr des Zerfalls des Euroraums mitnichten gebannt, so Dr. Jörg Krämer. Er gibt als kleine Wissensauffrischung einen kurzen Rückblick der mehrstufigen Krise, die 2007 schleichend begann. Zunächst als eine Finanzkrise der Banken, die untereinander kein Vertrauen mehr hatten. Dann brach 2008 die Krise spürbar für alle aus. Lehman Brothers ging pleite und die Krise dehnte sich auf den gesamten Wirtschaftsraum aus. Die Unternehmen stornierten im großen Stil Aufträge, und der wirtschaftliche Einbruch auch bei nichtfinanziellen Unternehmen war so heftig wie seit 1929 nicht mehr. Bereits ein Jahr später gerieten hochverschuldete Staaten ins Trudeln. Griechenland offenbarte das ganze Ausmaß seiner bis dahin verschleierten Haushaltsdefizite und seines Schuldenstands. Eine Rückzahlung der Schulden ist bis heute undenkbar. Was dann geschah, wertet Krämer als einen bedeutsamen Schritt in der Entwicklung der Eurokrise: Die Europäische Zentralbank erklärt 2012, dass sie unbegrenzt Anleihen schuldengeplagter Länder aufkauft, um eine Eskalation der Euro-Krise zu verhindern. Da eine Notenbank so viel Geld schöpfen kann, wie sie will, hat die EZB unendliche Mittel für diese Maßnahme.

Und? Was haben die Rettungsaktionen gebracht?
Dr. Jörg Krämer zieht eine Bilanz. Die EZB habe das Zerfallsrisiko der Union abgemildert; Spanien, Portugal und Irland haben die Rettungsaktionen konstruktiv genutzt und sind nach harten Reformen mittlerweile auf gutem Kurs. In Griechenland dagegen fließt das Geld lediglich von der rechten in die linke Jackentasche und die Lage stagniert. Gefährlich für den Euroraum sei das Land jedoch nicht. Ganz anders die Situation in Italien. Das Land ist hochverschuldet und steckt anhaltend in einem Reformstau ohne jegliche Produktivitätssteigerung. Die EZB sorgt mit dem unbegrenzten Ankauf von Staatanleihen für niedrige Zinsen, sodass sich Italien stets refinanzieren kann, ohne die enormen Staatsschulden auch nur ansatzweise abzubauen. Italien ist das große Problem für Europa, und deshalb kann mitnichten davon gesprochen werden, dass die Krise gebannt wäre.

Was ist zu tun?
Dr. Jörg Krämer plädiert dafür, dass die „Problemländer“ ihre Hausaufgaben machen und endlich die notwendigen Reformen durchziehen. Er votiert darüberhinaus für die Wiederherstellung des Haftungsprinzips, wie es für jeden Bürger gelte: Wer ein Risiko eingeht, muss dafür sorgen, dass er aus der selbstverschuldeten Situation wieder herauskommt. Ein altes Prinzip der sozialen Marktwirtschaft. Außerdem sollten die Banken ihr Eigenkapital hochfahren, um für Krisen gerüstet zu sein und Risiken aus eigener Kraft abfedern zu können. Und schließlich sei es notwendig, dass schrittweise die im Maastricht Vertrag geregelte No-Bail-Out Klausel, also die Nichtbeistands-Klausel, wieder eingeführt werde. Sie besagt, dass kein Land für die Schulden eines anderen EU-Landes den Kopf hinhalten muss. Aus Sicht eines Ökonomen sind das fraglos schlüssige Maßnahmen. Warum es in der jüngsten Geschichte doch anders kam? Weil nicht alles in der EU eine ökonomische Entscheidung ist, sondern auch eine politische – vielleicht sogar eine emotionale und menschliche. Vielleicht ist das auch gut so!

 

„Ich wünsche mir einen Bundesstaat Europa“ Heribert Prantl

Sonntag Nachmittag, 7. Mai 2017 in München, der Tag der Stichwahl für die Präsidentschaft in Frankreich. Wer wird gewinnen? Macron oder Le Pen, Europa oder der wieder erstarkte Nationalismus? Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, hätte sich keinen symbolträchtigeren Tag für seinen Europavortrag beim Salonfestival in München wünschen können. Seine Haltung wird bereits im Titel klar: „Europa muss man einfach lieben!“. Und so wird sein Vortrag ein langer, leidenschaftlicher Leitartikel, ein Bekenntnis und ein Plädoyer für die Europäische Union.

Sein Europa, so Prantl, beginne im Alten Rathaus zu Regensburg, dem Ort des von 1663-1806 tagenden immerwährenden Reichstags im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dieses Gebilde aus einer Vielzahl unterschiedlicher Fürstentümer und Königreiche nehme die Komplexität Europas vorweg: umständlich, föderal und partizipativ. Auch deshalb sei es heute so schwer, den europäischen Gedanken weiterzuentwickeln.

Er sei mit dem Traum eines vereinten Europas aufgewachsen, erzählt Prantl. Als Schüler und Jugendlicher sei er viel durch Europa gereist. Das sei damals etwas besonderes gewesen. Seine beiden Töchter habe er aus diesem Grund immer ermutigt, in Europa zu leben und zu lernen. Als einer, der im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, sieht er Europa als Friedensstifter, als eine Notwendigkeit und nicht eine Reminiszenz. Für ihn sei Europa ein anderes Wort für Zukunft.

Heute aber sei die europäische Union von innen heraus bedroht, sie scheine für viele Menschen zu abstrakt und zu komplex. Ein Grund dafür, so Prantl, liege darin, dass Europa im Kern eine Wirtschaftsgemeinschaft sei, und noch keine Sozialgemeinschaft. Die Globalisierung mit ihren Folgen wie etwa dem aggressiveren Kapitalismus, dem Niedergang sozialer Sicherheit, der Erosion der Mittelschicht und natürlich der horrenden Jugendarbeitslosigkeit fordere die Bürger der Europäischen Union heraus. Es ist, als ob ein Weltstaubsauger die europäischen Werte eingesaugt hätte, sagt Prantl. Als Folge davon seien Populismus und Nationalismus wieder aufgekommen, die zurück zu alten Grenzen und Abgrenzungen wollten – und den hellsten Stern der Aufklärung, Europa, verdunkelten.

Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere: mit diesem Satz von Sartre leitete Prantl seine Aufforderung ein, sich für Europa einzusetzen. Die gemeinsame europäische Zukunft entstehe nicht einfach so, sie wolle durchdacht, gestaltet, gebaut werden und das erfordere Energie und Durchhaltevermögen. Und wenn Europa alle sein Bürger ansprechen wolle, müsse es Heimat werden. Europäer wollten sich in ihrem Europa geborgen fühlen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei Gerechtigkeit. Gerecht aber sei die Situation in Europa eben noch lange nicht.

Prantls Vorschlag ist, durch eine europäische Sozialpolitik eine gemeinsame und so auch emotionale Heimat zu schaffen. Doch der Weg von einer Nutz- zu einer Schutzgemeinschaft sei weit. Dennoch, meinte er, bliebe uns nichts anders übrig, als diesen Weg zu gehen. Und das – wie er abschließend mit dem Dichter Freiliggrath sagte – trotz alledem und alledem!

Die Diskussion mit dem engagierten Publikum brachte weitere Anregungen dazu, wie Gerechtigkeit innerhalb der Europäischen Union herzustellen sei – z.B. durch Ausgleichszahlungen zwischen Nord- und Südeuropa innerhalb einer gemeinsamen Steuer- und Wirtschaftspolitik oder einen Schuldenschnitt. Man müsse auch europäisch teilen lernen. Das gelte insbesondere für die Deutschen und die nordischen Länder. Auf diesem Weg käme man vom Binnenmarkt zum Gemeinwesen. Wenn allerdings diese Perspektive bis zur Europawahl 2019 nicht Gestalt annähme, könnte es kritisch werden mit dem Projekt Europa.

Ferner wurden Jugendaustausch, europäische Studienmöglichkeiten und die Bewegung Pulse of Europe diskutiert. Diese Bewegung gehe in die richtige Richtung, denn Europa brauche etwas, das das Herz erfülle: „Man muss Europa auch singen können“ wünschte sich Prantl.

Die Diskussion verdeutlichte, dass noch viele Aufgaben vor uns liegen auf dem Weg zu dem Punkt, an dem Europa als Wert gefühlt, gespürt und ein gemeinsames europäisches Verständnis Wurzeln schlägt: vor allem eine Kultur des Diskurses, des Gesprächs und die Auseinandersetzung mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch mit denen, die man nicht so deutlich hört. Genau dafür, als ein Multiplikator für die Idee von Europa, sei das Salonfestival wie geschaffen, meinte Prantl.

Diskussion im Impact Hub Munich am 8. Mai. Dazu haben die Hans Sauer Stiftung und das salonfestival Panelteilnehmer und mitdiskutierende Schülerinnen und Schüler und aller an Schulthemen Interessierte eingeladen.

Es gibt viele Anlässe, um sich darüber Gedanken zu machen, wie man sehr junge Menschen dafür gewinnt, für demokratische Werte einzutreten, die Stimme zu erheben und sich an der gesellschaftlichen Mitgestaltung interessiert zu zeigen. Erstaunt rieben sich nämlich die Jungen die Augen, als die Alten mehrheitlich über ihre Zukunft abgestimmt haben wie jüngst beim britischen Referendum oder bei der Präsidentschaftswahl in den USA. Die Alten haben einfach nur das gemacht, was die Jungen scheinbar nicht auf dem Schirm hatten: Sie sind zur Wahl gegangen und haben den jungen Nichtwählern das beschert, was diese so gar nicht wollten – den Brexit und Donald Trump.

Demokraten, die als Minimum-Einsatz wenigstens ihr Stimmrecht wahrnehmen, fallen offensichtlich nicht vom Himmel. Demokratie will gelernt sein und das am besten da, wo junge Menschen gemeinsam lernen: in der Schule. Aber hat die Schule selbst überhaupt eine demokratische Kultur? Kann und will sie Kinder und Jugendliche zur Mitgestaltung und Teilhabe motivieren? Auf dem Podium diskutierten: Hannah Imhoff (Stadtschulsprecherin ssv München), Carl Mirwald (Leiter der MOS München), Prof. Ursula Münch (Direktorin der Akademie für politische Bildung Tutzing), Michael Schwägerl (Vorsitzender Bayerischer Philologenverband), Xivan Yang (Vertreterin von DEMO) und Dorothea Doerr (Gewinnerin des Wettbewerbs „Let’s play Schule“).

Es gäbe leider einen Haufen Zwänge wie Schulordnungen, das Curriculum und Abschlussprüfungen, beklagt Carl Mirwald. Damit ist eigentlich keine ernsthafte Demokratie an Schulen möglich oder lediglich eine Scheindemokratie. Trotzdem, im bescheidenen Rahmen müssten und sollten Schulen ihre Schüler ernstnehmen und beteiligen, denn sie geben einen direktes Feedback. Prof. Ursula Münch regt Politiksimulationen an, bei denen die Schülerinnen und Schüler in die Rollen von Parlamentarier oder Minister schlüpfen. Aktionen, die vor allen Dingen mehr Spaß machen als auswendig zu lernen, wie viele Mitglieder das Stadtparlament hat. Für Hannah Immhoff kann politische Bildung in Schulen noch viel einfacher umgesetzt werden, vorausgesetzt man hat das Glück, eine engagierte Lehrkraft zu haben: Im Sozialkunde-Unterricht sucht sich eine Klasse ein politisches Thema, das sie bewegt, etwa dass zwei Klassenkameraden von Abschiebung bedroht sind. Dann formuliert man gemeinsam eine Petition, reicht sie ein und besucht die Verhandlung im Ausschuss. Und erfährt dabei auch, dass in der Politik eben nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Aber der Wunsch nach Mitwirkung und Teilhabe ist groß unter der Schülerschaft. Die Sache ist nur, viele Schüler trauen sich nicht, Mitbestimmung an Schulen einzufordern, weil sie immer wieder die Erfahrung machen, dass sie in den Augen der Lehrkräfte die falschen Forderungen stellen. Dazu zählen Fragen wie: „Sollte man Noten abschaffen?“, „Dürften Schüler vielleicht 10 % des Schuletats verwalten?“, „Könnten sie bitte auch über den Lehrplan mitbestimmen?“ Wann sollten Schüler und Schülerinnen diese Formen der Mitbestimmung lernen, wenn nicht genau in ihrer Schulzeit? „Schüler macht das mutlos“, sagt Hannah Imhoff und sie hofft sehr, dass es in der Zukunft mehr und mehr Schulformen gibt, die ein solches Engagement von Schülerseite zu schätzen wissen. Hannah Imhoffs Schulzeit endet in den nächsten Wochen, aber bei ihr darf man getrost davon ausgehen, dass sie demokratisch gerüstet ins Leben startet. Überhaupt, bemerkt Michael Schwägerl, selbst wenn Schulen sich um eine demokratische Haltung bemühen und demokratisches Handeln ihrer Schüler fördern würden: Demokraten backen können auch die Schulen nicht.

Der 7. Mai war ein besonderer Tag: Präsidentenwahl in Frankreich und Landtagswahlen im Norden Deutschlands und – welche Freude – es war gutes Wetter, endlich ein paar warme Sonnenstrahlen. Dabei ging es bei diesem Salon in einem Privathaus außerhalb Hannovers wahrlich „nicht um leichte Kost“, wie es die Gastgeberin in ihrer Begrüßung formuliert.

Dr. Marcel Lewandowsky war aus Hamburg angereist, um über den Erfolg des Rechtspopulismus in Europa und den USA zu sprechen.

Populismus ist nicht nur in Europa allenthalben ein Thema – wird oft als Gefährdung empfunden und schürt Ängste, also geht es dabei vielfach um ein Gefühl des Unbehagens. Aber Populismus wird auch und vorschnell als Kampfbegriff benutzt: schnell wird dem politischen Gegner der Vorwurf gemacht, er handle populistisch, wenn er alternative politische Ansätze äußert. Daher ist es entscheidend, zunächst zu definieren, was eigentlich wirklich „populistisch“ ist. Denn in einer repräsentativen Demokratie, die von dem Dialog zwischen den gewählten Repräsentanten und den Wählern lebt, sind Äußerungen von Politikern, mit denen sie Wählerstimmen gewinnen wollen, auch immer ein wenig populistisch.

Anhand einiger Charts, die als Zettel ins Publikum gegeben werden, erläutert Dr. Lewandowsky seine Theorie und Definition von „Rechtspopulismus“. Er bedient sich in diesem übrigens noch jungen Forschungsgebiet zum Populismus der empirischen Vorgehensweise. Lewandowsky beschreibt, was man messen kann und kommt so zu quantitativen und qualitativen Ergebnissen. Und dennoch: der „Populismus“ ist schwer einzugrenzen – es gibt allein 22 Begriffe, die für dieses neuere politische Phänomen benutzt werden, und die verschiedenen populistischen Parteien sind in ihrer jeweiligen Ausformung extrem unterschiedlich.

Allen gemeinsam ist aber im Kern der Rekurs auf die Idee von einem homogenen Volk mit einem einheitlichen politischen Willen. Das bedeutet, nur die populistischen Parteien wissen, was das Volk eigentlich wirklich will und nur sie können diesen Willen dem etablierten Establishment gegenüber vertreten. Die Populisten setzen damit auf eine klare Abgrenzung des „Volkes“ von „denen da oben“ und wollen als einzig legitimierte Bewegung das Volk gegen das politische Establishment mobilisieren.

Da der Populismus keine Ideologie im engeren Sinne darstellt, gibt es so viele Ausformungen: Während der linke Populismus auf der Verteilungsebene ansetzt („die da oben nehmen Euch was weg“), stellt der rechte Populismus hingegen kulturelle Aspekte in den Vordergrund. Vom rechten Populismus ist daher immer dann die Rede, wenn zum Kern des homogenen Volkswillens der Aspekt der kulturellen Abgrenzung von „denen da draußen“ hinzukommt.

Rechtspopulistische Parteien stellen eine gänzlich eigene Parteienfamilie auf der rechten Seite dar und stehen nicht in der Tradition der rechtsextremen Nationalsozialisten. Der Rechtspopulismus lässt es im Gegensatz zum Rechtsextremismus zu, dass „die da draußen“ der „Volkskultur“ beitreten, er fordert sogar eine totale kulturelle Assimilation der Hinzukommenden, aber auch von anderslebenden Inländern wie z.B. Homosexuellen.

Rechtsextreme Parteien wollen liberale Demokratien durch die Volksherrschaft ersetzen und sind damit zutiefst antidemokratisch. Sie definieren das „Volk“ allein durch die Ethnie. Eine Assimilation ist danach aus rein ethnischen Gründen schon nicht möglich. Und darum ist Marine le Pen auch keine rechtsextreme, sondern eine rechtspopulistische Politikerin, denn sie fordert die absolute Assimilation der Fremden, ist dabei aber nicht islamophob und christliche Werte spielen bei ihr auch keine allzu große Rolle.

Der eine homogene „Volkswillen“ lässt natürlich im Grunde keine pluralistische Sichtweise zu. Umso erstaunlicher sind die Forschungsergebnisse von Dr. Lewandowsky, die zeigen, dass populistische Parteien intern pluralistischer sind als angenommen, ebenso ihre Wähler, wie seine Befragungen ergeben haben.

Fazit: ein völlig anderes Demokratieverständnis wird hier zu Grunde gelegt. Populismus besteht aus einer einzigen Idee: dem Glauben an den einheitlichen Willen eines homogenen Volkes. Das steht im Gegensatz zur Anerkennung des in unserer liberalen repräsentativen Demokratie immer wieder zu ermittelnden hypothetischen Volkswillen, als Ausdruck des Prozesses der politischen Willensbildung in freiheitlichen Systemen.

Dr. Lewandowsky führt im Wesentlichen die Parteien deutschsprachiger Länder an, aber auch Frankreichs und der Niederlande und fügt hinzu, dass sich in Osteuropa ähnliche Tendenzen herausbilden. Neue Parteien ziehen auf vielfältige Weise Interessierte an: so schließt sich eine Orientierung von gesellschaftspolitisch rechts eine linke – dem Sozialismus angenäherte – wirtschaftspolitische Haltung nicht aus. Das ist kompliziert und darüber muss nachgedacht werden.

Die vielen Fragen schon während des Vortrages – ausdrücklich zugelassen – zeigen, wie wichtig es ist, sich zunächst wirklich auf eine klare Beschreibung dessen zu beschränken, was empirisch als populistisch nachzuweisen ist.

Die Gäste sind überwiegend sehr informiert und haben auch den konkreten Wunsch nach Antwort auf die brennende Frage: wie begegnet man rechtspopulistischen Parolen?

Dr. Lewandowsky weiß zu antworten, aber in die Zukunft schauen kann er nicht. Sein wissenschaftlicher Ansatz untersucht, was ist, nicht, was sein wird. Aber, so sein Resümee, die etablierten Parteien werden sich verändern, so wie sich die Gesellschaft in einer globalisierten Welt verändert. Und dennoch sieht er in der jetzigen Situation keine „Krise der Demokratie“. Entscheidend sei es, die bestehenden liberalen Parteien zu stärken und den Dialog nicht zu verweigern. Der Ausschluss der Populisten von öffentlichen Diskussionen, habe nur zu einer Fraternisierung der Populisten mit ihren Wählern geführt. Zu „denen da oben“ gehören nun auch die Medien – eigentlich ja die vierte und vor allem kontrollierende Macht im Staate – daher nutzen die Populisten nun so intensiv die unkontrollierten sozialen Medien. Die einzig tragfähige „Gegenstrategie“ ist daher der sachliche Dialog, der auf jegliche Moralisierung verzichtet.

Nach dem Vortrag stehen die Gäste in Gruppen zusammen, diskutieren und reden, stehen im Haus und im Garten. Manche tauschen Adressen, um andernorts einmal weiter zu diskutieren. Man schaut aufs Handy, ob es schon eine Tendenz bei der Präsidentenwahl gibt. Das Bedürfnis nach Information und Klarheit ist groß. Dr. Lewandowsky hat vieles angestoßen.

 

©Ulrike Groffy und Désirée Behrendt

 

Kann es nicht, sagt der Soziologe Stephan Lessenich, zu Gast im Wiesbadener Salon. Die moderne kapitalistische Gesellschaft beruht seit 500 Jahren darauf, dass sie die Kosten ihrer Produktions-, Arbeits- und Lebensweise in andere Weltgegenden auslagert. Den Preis für eine Ordnung, die darauf beruht, dass ein Teil der Welt über die Verhältnisse anderer lebt, zahlt der globale Süden. Es könnte sein, dass wir in Zukunft stärker zur Kasse gebeten werden und die komfortable Weltordnung des globalen Nordens sich neu strukturieren wird. Stephan Lessenichs Vortrag – basierend auf seinem Buch „Neben uns die Sinflut“ – rüttelte die Teilnehmer des Salons auf. Auch Empörung wurde geäußert, denn für die Ausbeutungsstrukturen einer Externalisierungsgesellschaft seien ja nicht alle verantwortlich. Wie könne denn ein normal situierter Bürger oder Bürgerin, Angestellte oder gar Beamte, externalisieren? Trotz unbestreitbar sozialer Unterschiede im globalen Norden leben auch die, die hierzulande schlechter gestellt sind, in ihren alltäglichen Lebensvollzügen auf Kosten großer Bevölkerungsmehrheiten des globalen Südens, argumentierte Lessenich dagegen. Uns allen schwant: unsere Weltordnung ist im Umbruch und ein “Augen zu und durch” und ein “weiter so” will nicht mehr so recht gelingen. Was also tun? Unseren konsumorientierten Habitus ablegen, auf Strukturänderungen hoffen, etwa durch eine Weltregierung? Die gibt es nicht. Es ist sicher gut, wenn jeder einzelne im globalen Norden sich bemüht, auf ökologisch kleinerem Fuß zu leben. Aber der Hauptakteur in der Neuordnung der Welt, davon ist Stephan Lessenich überzeugt, wird diesmal nicht der globale Norden sein. Die Veränderungen werden vom globalen Süden ausgehen. Es gibt politische Bewegungen und Sozialmilieus, die für eine andere Weltwirtschaftsordnung streiten. Das ist die Chance – für uns alle.