Prof. Dr. Eckart Altenmüller leitet das in Europa einzigartige Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Für seinen Salon – Vortrag im Foyer des Knabenchorheims hat er drei Flöten mitgebracht – und ein zweites Gehirn, das er während seiner anschaulichen Rede immer mal wieder auseinandernimmt, um den faszinierten Gästen zu erläutern, wo man hört und was da alles so im Kopf passiert: „Wie Musik im Kopf entsteht“!

Ein Terzett des Knabenchores begrüßt mit einem Stück von Mozart – und schon ist man mittendrin im Thema: gute Stimmen junger Menschen faszinieren und begeistern. Das sieht Prof. Altenmüller im Biologisch-Evolutionären begründet, denn Musik war vor der Sprache da und entstand zunächst aus stimmlichen Geräuschen als akustisches Signal, vor über 40.000 Jahren. Mit der Stimme kann man Emotionen ausdrücken, daraus entstanden zunehmend komplexere Melodien, wie Prof. Altenmüller gekonnt auf einer uralten Knochenflöte von der Schwäbischen Alb (40.000 Jahre) demonstriert – erstaunlich ist die diatonische Skala, denn das sind die Intervalle, die wir auch heute im mitteleuropäischen Raum gewöhnt sind.

 

Musik steht für ein gemeinschaftliches Erlebnis seit jeher, erläutert Altenmüller und streift durch die Instrumentengeschichte – seine Querflöte aus dem 18. Jahrhundert sei „ein langer Holzstab mit ein paar Löchern drin“ sagt er und spielt gekonnt einige Töne an. Die Kompositionen erfordern allerdings ein immer neues Klangideal, sodass ab 1789 auch immer neue, andere klangvollere Instrumente gebaut werden, z. B. die Querflöte aus Metall (und Gold) mit komplizierteren Klappen. Und das Gehirn? Man hört nicht nur mit dem Ohr und allem, was sich darin befindet (etwa 3600 Haarzellen), sondern vor allem mit dem Gehirn, dass permanent neue Informationen dazu schaltet, sodass am Ende ca. 600.000 Nervenimpulse das ganze Hören ausmachen und der eigentliche Ton in der Großrinde zustande kommt. Dazu kommen vielfältige Emotionen, die das Hören beeinflussen, Musikerfahrungen, gespeicherte Melodien und Laute, die durchaus auch ein ‚Gänsehautgefühl’ erzeugen können. Es folgt eine Etüde des dänischen Komponisten Joachim Andersen, an der  Altenmüller das „auditorisches Streamen“ demonstriert, also Zweistimmigkeit ‚vorgetäuscht’ wird. „Ein ganz schrecklich schweres Stück, das er ganz schrecklich gern spiele“ – und die Gäste lauschen begeistert. Also nicht nur Musik hören, sondern auch das Musizieren selbst sorgt für ein gutes Gefühl!

 

Am Ende seines ungewöhnlich anschaulichen Vortrages plädiert Professor Altenmüller nochmals für die frühkindliche Musikerziehung: Musik sei das universelle Informationssystem, das emotionale Kommunikation ermögliche und, was den Gesang angehe, in der Verbindung von Musik und Sprache eigentlich ihre höchste Ausprägung erfahre.

Musik ist ein Privileg, macht Lust, auch aufs Lernen, und regt die Spiegelneuronen an – natürlich auch bei den Gästen dieses Salons, die anschließend noch lange bei liebevoll gerichteten Häppchen und leckeren Getränken beisammenstanden und über das Gehörte sprachen – da war etwas im Kopf passiert! Und wer wollte, konnte auf Einladung des Chormanagers Wolfram Kössler die Übungsräume des Knabenchors besichtigen – den Ort, wo berührende Musik entsteht! Ein rundherum inspirierender Abend voll guter Gefühle in der Südstadt Hannovers!

 

Prof. Michael Hüther kannte ich natürlich aus Funk und Fernsehen. Ihn live zu sehen und zu hören bin ich heute hergekommen. Es ging um den freien Welthandel, über Digitalisierung und (natürlich) über „Industrie 4.0“. Diese sei letztlich ein echt hannöversches Gewächs, geboren auf seinem Messegelände, wie der Gastgeber der Messe AG stolz berichtete.

Die Politik hatte zeitgerecht geliefert: The Donald hatte gerade am gleichen Tag Strafzölle für Stahl und Aluminium verkündet, also ein Handelshindernis neu errichtet. Ach, hätte doch der bayrische Staat seinen Urgroßvater gnädig aufgenommen, als er heimwehkrank zurückkam aus Amerika! Sein Urenkel wäre der Welt erspart geblieben.

Wir Deutschen sollten uns aber keiner Illusion hingeben. Wir sehen Trumps Vorgänger Obama in deutlich milderem Licht. Zu Unrecht: Auch er aber wollte „den Staat“ schwächen, auch bei ihm gab es dieses selbstzerstörerische Zwei-Parteien-Hickhack. Aber einen Außenminister, der sein eigenes Amt am liebsten abschaffen möchte, da er es für überflüssig hält, den gab es damals nicht. Unvermeidlich wird auch die Amtszeit des Donald Trump irgendwann einmal zu Ende gehen. Daß die USA zu alter Offenheit zurückfinden werden, ist damit aber nicht gesagt.

Und doch: Der Referent ist von ansteckendem Optimismus und sticht somit heraus aus uns etwas miesepetrigen Deutschen. Er berichtete von vielen Sachverhalten, von denen ich die meisten bereits kannte, verwob sie dann aber in einer Art und Weise, die mir den Blick öffnete. Daß Frankreich aus Paris besteht und viel Provinz drumherum, das wußte ich. Professor Hüther
erläuterete das mit dem TGV, der in Straßburg losfährt und dann bis Paris kein einziges Mal hält. Wo auch?

Deutschland sei mit seiner historisch gewachsenen, kleinräumlichen Struktur etwas ganz Besonderes, gerade auch wirtschaftlich gesehen. Statt eines Überzentrums mit nichts drumherum gebe es hier an vielen Stellen Industriecluster, in denen sich die Unternehmen gegenseitig befeuern und befruchten. In unserer historischen Duodezstruktur habe der Fürst seinen Untertanen nicht ausweichen können, er sei einfach zu nahe an ihnen dran gewesen.

Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt sinkt in den Industrieländern seit Jahrzehnten, er ist in Deutschland aber immer noch etwa doppelt so hoch wie in Frankreich, Großbritannien oder den USA (nämlich etwa 20% gegenüber etwa 10%).

Wenn man es recht besieht, leben wir auf der Sonnenseite des Planeten. Wir sollten uns bemühen, die günstige Situation Deutschlands und Europas zu bewahren und auszubauen. Freie Weltwirtschaft helfe uns — und eigentlich allen. Auch wenn der Weg noch nicht zu Ende gegangen ist und noch manche Unwucht persistiert, hat die Armut in der Welt in den letzten Jahrzehnten erheblich abgenommen.

Die Welt hat sich immer verändert und verändert sich weiter. Die USA werden lateinamerikanischer und öffnen sich nach Asien. Augenmerk müssen wir auf China legen (das der Referent in meinem Augen etwas zu positiv sieht). China treibe die Globalisierung sehr voran, seine imperialistischen Tendenzen erwähnt er aber nur am Rande.

Wohlstand ist aber nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Wer seinen Lebensunterhalt in kürzerer Zeit verdient, gewinnt freie Valenzen in Zeit und Geld. Was aber machen wir mit der gewonnenen Zeit?

Freiheit ist auch das Recht, mit seiner Zeit Unsinn anzustellen, meinte der Referent. Sehr sympathisch.

Eine längere lebhafte Diskussion schloß sich an, danach war fürs leibliche Wohl reichlich gesorgt (bei netten Gesprächen mit vielen netten Leuten).

Ich bin beschwingt nach Hause geradelt.

Es sei leichter, seine autobiographische Scham zu überwinden, wenn man sich selbst zu einer literarischen Figur mache. Ijoma Mangold hat in Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte seine eigene Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein aufgeschrieben und daraus Literatur gemacht. Vor einem vollen Salon las Mangold Auszüge und gab Einblicke in den Menschen hinter der literarischen Figur.

Ganz leicht, wie nebenbei wirft Mangold im Krokodil Blicke auf soziale und philosophische Fragen. Betreibt ein Heranwachsender mit dunkler Hautfarbe, der Thomas Mann und Ernst Jünger liest, damit Assimilierung? Muss man den Kontinent des abwesenden Vaters automatisch lieben? Darf man als Sohn einer Kinderpsychologin die Psychoanalyse verdammen? Wann begreift man als Schüler zum ersten Mal soziale Hierarchie?

 

Ijoma Mangold ist Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, den er erst als Erwachsener kennenlernen wird. Er wächst als einziges farbiges Kind in Heidelberg, genauer Dossenheim, auf, geht auf das humanistische und ein wenig elitäre Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Gymnasium in Heidelberg und studiert später in München und Bologna Literatur. (Sehr viel später wird er nach Stationen bei der Berliner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung Literaturchef der Zeit, das Krokodil spielt davor.) In einer Zeit und in einem Umfeld, das (noch) sehr uniform weiss und deutsch ist, fällt er auf.

Sein Anderssein ist Stoff für lustige Anekdoten und auch traurige Erlebnisse. Immer wieder wollen die Leute seine Haare anfassen oder kommentieren den exotischen Vornamen. Ijoma. Elegant formuliert ein Lateinlehrer seine Befremdung. Die A-Endung zeige normalerweise das Femininum an, aber das Latein kenne auch Ausnahmen, wie beispielsweise bei agricola – der Bauer. ,,Und schon war die Anomalität meines Vornamens durch den Segen des Lateinischen aufgehoben und erfolgreich assimiliert.”, schreibt Mangold.

 

Ein lockerer Autor läßt mit viel Sinn für Humor sein Publikum an den verschiedenen Phasen seines Leben teilnehmen. Der Besuch einer schwarzen Freundin der Mutter führt bei dem Jungen zu Schamgefühl. Der Bildband über Afrika im Wohnzimmer geniert ihn vor seinen Freunden. Die afrikanischen Märchen, die ihm seine Mutter schenkt, landen hinten im Regal. Und das Krokodil aus Ebenholz guckt vom Fenstersims zu. Der Junge wird Thomas Mann-Verehrer und arbeitet an seiner Sprache, wird Teil eines künstlerischen Knaben-Kreises um einen Heidelberger und homosexuellen Schöngeist. Später tritt das Land seines Vaters doch noch in sein Leben, in der Form einer großen afrikanischen Familie voller Herzlichkeit und Fremdheit. Aber dafür sollte man Das deutsche Krokodil lieber selber lesen.

Und das auch noch in einer Zeit, in der wir ein Drittel der Nahrungsmittelernte gleich gar nicht einbringen, beim Transport oder der
Aufbewahrung vergammeln lassen oder wegwerfen?

Der Dokumentarfilmer Valentin Thun war bei uns zu Gast, am 28.01.2018 um halb zwei. Sehr ungewöhnlich, diese Zeit. Die Dame des Hauses hatte orsorglich bereits einige Flaschen Wein entkorkt (Das macht sie immer so, das wirke gastlich). Ein einziges Glas ist dann tatsächlich getrunken worden — von mir. Halb zwei ist keine Rotweinzeit.

Aber erst einmal galt es zu lauschen: Der Referent berichtete über seinen neuen Film und führte uns dabei ziemlich in der Welt herum: Nach Indien, in den Klon der Wiesenhof-Fabrik, und nach Japan, wo man Salat in Hochhäusern unter künstlichem Licht anbaut. Man brauche ihn noch nicht einmal zu waschen, weil er von vorherein ganz sauber sei — Erfolgsmodell für China, dessen Pekinger Smog der weltberühmten Londoner „pea soup“ längst den Rang abgelaufen hat. Auch nach Afrika nahm er uns mit.

Ausschöpfen kann man das Thema „Landwirtschaft“ in einem Vortrag nicht, noch nicht einmal das Teilsegment „moderne Landwirtschaft“. Man kann allenfalls einzelne Aspekte beleuchten, entsprechend vielgestaltig waren die Häppchen, die uns Valentin Thurn bot. Die Agrarindustrie bekam ihr Fett weg, vom hohen Energieaufwand für den Kunstdünger berichtete er und
von den durchaus perfiden Geschäftsmodellen der Saatgutindustrie. Wie umweltverträglich sind demgegenüber doch die Kleinbauern! Sie wirtschaften andererseits meist nicht — so, wie sie es tun — aus Neigung oder gar Ökobewußtsein, sondern aus schlichter Notwendigkeit oder gar Not.

Etliches kannte ich bereits, aus seinen Filmen und auch von anderswo. Unterhaltsam war der Nachmittag dennoch. Der eigentliche Knackpunkt ist allerdings nicht die Landwirtschaft, sondern die Überbevölkerung und das Luxusleben der Reichen der Welt (und
dazu zählen wir Deutschen bis herunter zum Sozialhilfeempfänger). Diese Erkenntnis mag man allerdings weniger gern hören, nicht hierzulande, nicht weltweit.

Die Diskussion hinterher war rege, für mein Empfinden hätte sie noch länger dauern können. Auch hätte ich noch gern ein Gläschen Rotwein mit dem Referenten verzwickt, schließlich teilen wir den gleichen Migrationshintergrund. Aber er mußte leider weg.

Das Haus leerte sich schnell, das Büfett kaum tangiert. <<der Rest ist aber nicht verkommen! Ich habe im Laufe der folgenden beiden
Wochen all die geöffneten Weinflaschen, die aufgerissenen Gebäcktüten und die Käsewürfel nach und nach vertilgt.

Valentin Thurn würde es vermutlich mit Wohlgefallen registrieren, wenn er es denn wüßte.

Bis ein Buch in der Welt ist, vergehen oft viele Jahre. In einem selbstinszenierenden Habitus des Literaturkritikers sie dann öffentlich zu zerreißen, ist nicht Thomas Böhms Sache. Er ist die literarische Stimme Berlins, vielfach zu hören in dem Hörfunk-Magazin „Die Literaturagenten“ auf radioeins oder in den Moderationen im großen Sendesaal des rbb, wenn bei ihm die Stars der internationalen Literaturszene zu Gast sind: Orhan Pamuk, Zadie Smith, Paul Auster … Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus aller Welt zu begegnen, ihre neuesten Werke auf großer Bühne und einem weitreichendem Publikum live zu präsentierten, mit einfühlsamen Fragen sie zum Erzählen zu bringen, kundige Einblicke in die Romane zu vermitteln, verlangt in erster Linie eines: eine nie versiegende Freude am Lesen, der Respekt vor der schriftstellerischen Leistung und intensive Vorbereitung. Denn auf nichts reagieren die Künstler empfindlicher, als auf halbherzig vorbereitete Gesprächspartner, die die Bücher nicht wirklich kennen, die sie – und seien sie noch so lang wie das jüngste Werk „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård mit seinen stolzen 1280 Seiten – eben doch nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen haben. In dieser Hinsicht ist Thomas Böhm auf der sicheren Seite, er ist zu Hause in den Büchern, betrachtet sie als gute Freunde, die sein Leben begleiten, die Fragen und Gedanken anstoßen, die ihm ohne Bücher entgangen wären. In seinen Moderationen stellt er ausschließlich Bücher vor, die ihn begeistern, die er aus tiefstem Herzen empfehlen kann und für die er sich viele Leser wünscht.

Als Vermittler in Sachen Literatur ist er nun selbst zu Gast im Salon. In einem schwungvollen Bogen fasst er die Geschichte der großen Romanen des Jahres 2017 zusammen, erzählt von den intensiven Begegnungen mit literarischen Größen und verhehlt nicht, dass man bisweilen ein wenig pokern muss, um die Stars auch tatsächlich zu bekommen. Stets in der Hoffnung und in der Überzeugung, dass Schriftsteller bei ihm in guten Händen sind und dass sie nicht befürchten müssen, in einem belanglosen Gespräch zu versauern. Denn eines ist Thomas Böhm ganz sicher nicht: trocken oder langweilig. Seine Buchpräsentationen selbst sind Zeugnisse höchster Wortkunst, die sogleich den Wunsch entfachen, mit den Werken den Rückzug anzutreten und sich in die Lektüre zu vertiefen, um selbst die Begeisterungsschübe zu erleben, die ihn beim Lesen ereilt haben.

 

… heißt es. Aber stimmt das überhaupt? Als die Kunsthistorikern Charlotte Klonk in ihrem Vortrag über die Macht der Bilder spricht und das Foto von Osama bin Laden präsentiert, der als alter Mann mit grauem Bart, gebeugt mit einer Fernbedienung in der Hand inmitten eines kärglichen Zimmers auf einen Fernseher starrt und Aufnahmen von sich aus besseren Tagen betrachtet, da wird offenkundig, wie unterschiedlich Bilder auf Menschen tatsächlich wirken. Die Professorin der Humboldt Universität in Berlin zeigt in ihrer Studie „Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden“, welche Rolle die Bilder des Terrors  spielen und welchen ethischen Umgang wir mit ihnen finden müssen. Die Frage ist nur, wie können wir ethische Richtlinien festlegen oder uns auf einen Moralkodex verständigen, wenn die Rezeption von Bildern so unterschiedlich ist? So war die Wirkung des Fotos, welche das Pentagon nach der Ermordung von Osama bin Laden der Welt präsentierte, bei den Salongästen bei weitem nicht einhellig. Die Einen erkannten die Demütigung des größten Feindes der USA, mit genau dieser Intention. Die Kunsthistorikerin wertete die Veröffentlichung im Nachklang als überflüssige Geste, die nur dazu führte, weitere Ressentiments und Hass zu schüren. Andere kamen zu einer ganz anderen Einschätzung: Das Foto sei eine Vermenschlichung eines gefürchteten Terroristen und würde ihn harmlos in einem häuslichen Zusammenhang zeigen. Negative oder positive Wirkung? Die Salongäste diskutierten kontrovers und sehr engagiert. Es zeigt sich, der Salon ist der passende Ort, in dem der gesellschaftliche Diskurs geführt wird. Respektvoll, meinungsstark und mit großer argumentativer Kraft von engagierten Menschen, die das gesellschaftliche Leben mitgestalten wollen.

 

 

Ein Salon zum Thema „Brexit“ und passend dazu englisches Wetter in Hannover: doch die Gäste wurden belohnt, denn in der Eingangshalle prasselte der Kamin und die herzlichen Gastgeber sorgten für ein besonders „warm welcome“. Die Affinität der Gastgeber zur britischen Insel war allenthalben zu spüren. „Europa nach dem Brexit“ sollte das Thema des Abends sein. […]

In den Räumen der Waage e.V. gab Christian Pfeiffer vor vollem Haus einen
Abend über häusliche Gewalt und ihre Beziehung zu Kindererziehung, zu
Bildung, zu Religion. Durch und durch optimistisch war sein Vortrag, das
hätte ich nicht erwartet, wähnte ich mich als eifriger Zeitungsleser doch
wohlinformiert durch schlimme Meldungen. Aber mein Bild war sichtlich
verzerrt: Die Gewalt habe deutlich abgenommen in Deutschland in den
letzten 20 Jahren, die auf der Straße, die in der Schule, die in den
Familien, etwa um die Hälfte. Dem als Zahlenmann Bekannten purzelten seine
Statistiken nur so aus dem Mund, und doch verlor er sich nicht darin.

Der Schlüssel sei die Kindheit, berichtete er (und belegte es): Wer als
Kind Gewalt erlitten habe, teile sie als Erwachsener selbst aus. Das
Verbot der körperlichen Züchtigung der eigenen Kinder vor etwa 20 Jahren
habe daher den Durchbruch gebracht. Ein Zitterspiel sei es damals gewesen,
die Konservativen im Bundestag zur Zustimmung zu bewegen, schließlich sei
in dortigen Kreisen die Überzeugung nicht so ganz unverbreitet, eine
ordentliche Tracht Prügel habe noch niemandem geschadet. Eine Erkenntnis
aber habe das Umdenken gebracht: Aus einem gezüchtigten Kind wird ein
gewalttätiger Erwachsener, der aber dann nicht nur seine eigenen Kinder
schlägt, sondern auch den greisen Vater, und ihm so dessen eigene Gewalt
Jahrzehnte später zurückzahlt.

Eine liebevolle Kindererziehung ist Gewaltprävention.

Es gibt aber für viele eine zweite Chance: Was man an den eigenen Kindern
gesündigt hat, kann man an den Enkeln zumindest zum Teil wieder gut
machen.

Die Religion sei ein bedauerlicher Gewaltfaktor, mußte der so überzeugte
Protestant eingestehen. „Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn.“ Das
stehe nicht im Koran, sondern in der Bibel. Aber Feuer und Wasser —
nämlich extremes Christentum und fundamentalistischer Islam — begegnen
einander gerade hier: Je religiöser, desto gewalttätiger, das gelte bei
den Christen und Moslems gleichermaßen. Gerade eben sind viele, viele
„Zuwanderer“ zu uns gekommen („Einwanderer“ dürfe man sie ja nicht nennen,
denn schließlich sei Deutschland ja kein Einwanderungsland). Die meisten
zählten zu gewalttätigsten Bevölkerungsschicht: Männer zwischen 14 und 30.
Und viel zu wenige Frauen dabei, die die Gewalt dämpfen könnten.

Familiennachzug ist Gewaltprävention.

Chancen sind Gewaltprävention, die Chance, dazuzugehören zur deutschen
Gesellschaft und dieses Dazugehören durch eigenes Bemühen auch selbst
erreichen zu können.

Aber auch ein verständiges Rückkehrprogramm ist Gewaltprävention, eins,
das diejenigen, die beim besten Willen nicht bleiben können, mit Chancen
und nicht als Versager in ihre Heimatländer zurückschickt. Ein solches
aber kostet Geld, letztlich gut investiertes.

Ein Imam habe ihn eingeladen, in einer Moschee zu sprechen. Er habe
zugesagt unter der Bedingung, daß auch die Frauen dabei wären. So geschah
es. Hinterher hätten sich die Zuhörer die Köpfe heißgeredet, und der Imam
und er hätten sich darüber gefreut: Nur wenn man über die Dinge redet,
kann sich etwas zum Besseren ändern.

Das Wichtigste aber sind die Kinder: Wenn Max und Mehmet im gleichen
Sandkasten spielen und Max den Mehmet und Mehmet den Max zum Geburtstag
einlädt, dann werden sich auch der große Max und der große Mehmet als Teil
einer gemeinsamen deutschen Gesellschaft sehen.

Bildung ist Gewaltprävention.

Ein hoffnungsvoller Optimist berichtete über seine Leidenschaft: Die Welt
besser zu machen, und er konnte erfreulich viele Beispiele nennen. Viel
ist schon erreicht worden. Doch einiges bleibt noch zu tun.

Eine rege Diskussion erst im Plenum und dann bei Wein und Häppchen
vollendete einen höchst ersprießlichen und lehrreichen Abend.

Selten bin ich nach einem Vortrag so frohen Mutes nach Hause gefahren.

Martin Gerdes besuchte diesen Salon und schrieb hier!

Manchmal staunt man, wenn man das eigene Verhalten vor Augen gestellt bekommt. Immer aber nimmt man etwas mit. Aus der Begegnung mit der Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher lässt sich mehr mitnehmen, als man anfänglich vielleicht ahnt.

Bei Ballwanz Immobilien im Frankfurter Westend stellt die Forscherin zunächst drei Stühle mitten in den Raum, die – selbstverständlich – leer bleiben. Man wählt seinen Platz stets mit Bedacht, schaut, wo bin ich geschützt, wo schaffe ich mir ein Territorium. Humorvoll und im Austausch mit dem Publikum reflektiert sie unser Verhalten in der Menge – in U-Bahnen, auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen, auf unseren eigenen Freiflächen. Und lässt für den Zuhörer sichtbar werden, wie sehr wir Abgrenzung suchen. Unser Schutzraum ist der eigene Wohnraum. Hier muss man keine (oder selten) Abgrenzung suchen, kann sich also insofern entspannen. Doch ihr Plädoyer: diesen von uns selbst geschaffenen „Individualabstand“ zu verringern. Denn nur Nähe schafft Begegnung, Kommunikation und soziales Leben. Sie stellt fest: der Mensch liebt die kleineren Zusammenhänge, Räume und Raumgrößen, die er gut überblicken kann, Gruppen, die er organisieren kann.

Am Beispiel Wien zeigt Prof. Oberzaucher auf, wie sozialer Wohnungsbau, der dort mitten in den Städten integriert ist, nicht nur die Gemeinschaft bereichert, sondern sogar vielerorts zum Hot Spot des Zusammenlebens avanciert ist. Zwar können wir nicht alle Städte umbauen, aber den Städteplanern Teams zur Seite stellen, die vom Menschen aus denken und dann entwickeln. Das wäre ein Schritt. Schließen Sie einmal die Augen und stellen sich dann vor: Es gäbe keine Zäune und Mauern, nur hügelige und grüne „Niveaus“. Plätze, mit einer angenehmen Bestuhlung, Orte, mit umhegten Grünflächen. Und wir selbst können auch etwas tun, nämlich anfangen Nachbarschaften zu pflegen, uns um den uns umgebenden Raum kümmern. Wir haben es in der Hand! – Es gibt engagierte Initiativen aus Nachbarländern – Elisabeth Oberzaucher erwähnt Gehl Architekten in Dänemark (http://gehlpeople.com/).

Ich selbst war im Sommer in Kanada unterwegs. In allen Städten fanden sich quer über die Stadt verteilt bunte Stühle, auf denen man ruhen, schauen und reden konnte. Sie waren weit mehr als bunte, belebende „Kleckse“ im Stadtbild. Ballwanz Immobilien, die ja selbst gestaltend für eine lebenswerte Wohn- und Lebenswelt arbeiten, haben mit ihrem Salon Bilder in uns entstehen lassen, vielleicht einen Auslöser in uns freigesetzt. Und wieder einmal gezeigt, dass sie hervorragende Gastgeber sind, die ihre „kleine Salongruppe“ umsichtig und liebevoll umsorgen.

Übrigens wurde von der Referentin außerdem festgestellt: der Salon eignet sich bestens, die Trendwende hin zur „Nachbarschaft“ lebendig werden zu lassen – als Gastgeber wie als Gast. Deshalb sagen wir: Feel welcome!

 

Dirigent Omer Meir Wellber und Nikolaus Bachler, Intendant der bayerischen Staatsoper im Gespräch – moderiert von der Journalistin Inge Klöpfer

„Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“

Ein heißer Freitagabend im Juni. Am Tag vor dem Eröffnungskonzert der Münchner Opernfestspiele 2017 finden sowohl Staatsoper-Intendant Nikolaus Bachler als auch der Dirigent des Eröffnungskonzerts, der israelische Nachwuchskünstler Omer Meir Wellber, Zeit für ein Salongespräch in der Münchner Galerie Tanit. Bachler gilt als Entdecker des jungen Dirigenten aus Israel. Er schildert im Gespräch mit der Journalistin Inge Klöpfer, dass ihn besonders der Mut des Künstlers begeistert habe, Kompositionen immer wieder anders zu präsentieren. „Jedes Mal interpretiert er neu“, so Bachler.

Meir Wellber hat sein Akkordeon mitgebracht und spielt zur Einstimmung erst einmal Klänge aus seiner israelischen Heimat, fröhlich, schnell, mitreißend. Das Thema an diesem Abend ist sein Mozartbild, insbesondere am Beispiel von dessen Zusammenarbeit mit dem Librettisten Lorenzo da Ponte. Der ehemalige Schüler von Daniel Barenboim hat erst spät zu Mozart gefunden, während seiner Zeit an der Dresdner Semperoper: „Erst als in Dresden die Idee aufkam, alle drei Mozartopern mit den Libretti von da Ponte aufzuführen, platzte bei mir der Knoten.“ Seine „Momente mit Mozart“ beschreibt er in seinem neuen Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe“, das er gemeinsam mit der Publizistin Inge Klöpfer geschrieben hat. Klöpfer, die das Salongespräch mit den beiden Künstlern kompetent moderiert, ist insbesondere für ihre Biografien der Verlegerin Friede Springer und des Dirigenten Kent Nagano bekannt geworden.

Wenn gleich die genaue Zusammenarbeit von Mozart und da Ponte nicht dokumentiert sei, erläutert Meir Wellber, habe er ein genaues Bild davon, wie die beiden Künstler durch ihre unkonventionelle und kreative Zusammenarbeit der Oper neue Kraft gaben. Beide waren künstlerische Revolutionäre im Europa der Aufklärung, kreativ und hochbegabt – und zugleich zutiefst gesellschaftskritisch. Beide waren Freigeister, die sich über Konventionen hinwegsetzten, Spielernaturen mit einem Hang zum Risiko, sinnliche Lebemänner und äußerst selbstbewusste Kreative, die sich in der Welt zwischen Adel und Bürgertum bewegten. Die Zusammenarbeit der beiden sei überaus fruchtbar gewesen, Buchstaben und Noten wunderbar aufeinander abgestimmt, die Energien von Musik und Text beeindruckend. Und die Botschaft revolutionär. „Hören Sie selbst“: Meir Wellber holt wieder sein Akkordeon hervor und spielt Opernpassagen aus „Die Hochzeit des Figaro“, um zu verdeutlichen, wie Musik und Text sich ineinander fügen und die Musik die Botschaft des Librettos verstärkt.

Meir Wellers Fazit: Die Zusammenarbeit beider Künstler, Mozart und da Ponte, war hochkreativ und beflügelnd. Außergewöhnlich eben. In seinem aktuellen Buch ist zu lesen: „Beide, Komponist und Dichter, wären in ihrer Entwicklung nicht so weit gekommen, hätte es den intensiven Austausch nicht gegeben. Für Mozarts musikalische Entwicklung ist da Ponte ein Glücksfall, weil ihn der Dichter mit seinem umfassenden Verständnis des menschlichen Daseins und all seiner Unwägbarkeiten dazu inspiriert, die Grenzen der Möglichkeiten einer Oper weit nach vorne zu verschieben.“ Und zu da Ponte ist zu lesen: „Hätte er sich nicht auf Mozart eingelassen, wären er und seine Texte für immer in den Archiven verschwunden“. Eine starke Interpretation.

Zum Abschluss des Salongesprächs spielt Meir Wellber dann noch einmal auf seinem Akkordeon, bevor der Salonabend mit vielen Gesprächen ausklingt, mit Fragen und Anregungen rund um das Thema „Mozart ist für die Ewigkeit … und für den Moment“.

Das Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe – Momente mit Mozart“ von Omer Meir Wellber und Inge Klöpfer ist 2017 bei EcoWin erschienen.