Deutschlands Pionier der Naturheilkunde, Professor Dr. Gustav Dobos, heute führend in der Erforschung und Evaluierung Mind-Body-medizinischer und naturheilkundlicher Behandlungsansätze, gemeinsam mit 40 höchst interessierten und motivierten Zuhörern zu Gast im Haus einer Yoga-Lehrerin – was für ein Dream-Team beim Salonfestival!

Als Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte und als Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen hat Professor Dobos sowohl in der Theorie als auch in der Praxis einen einmaligen und wertvollen Erfahrungsschatz an Wissen über die Kombination von schulmedizinischen und naturheilkundlichen Therapie-Möglichkeiten gesammelt.

Dabei haben sich Yoga und Meditation als höchst wirksame Behandlungsansätze herausgestellt. So beweisen Meta-Studien die Wirksamkeit von Yoga etwa bei Krebs (insbesondere bei Brustkrebs) und Rückenschmerzen, zwei der größten Volkskrankheiten. Besonders bei der Behandlung der Nebenwirkungen der klassischen Brustkrebs-Therapie (Ängste und Depressionen) ist Yoga sehr erfolgreich. Professor Dobos betont, dass sämtliche Aussagen seines Vortrags belegbar sind.

Die Entstehung der Opioid-Krise in den USA hat gezeigt, mit welcher Bedenkenlosigkeit und Unverantwortlichkeit Schmerzmittel flächendeckend eingesetzt wurden. Ursprünglich von einem einzigen Anbieter mit einem ausgeklügelten Marketing-Konzept auf den Markt gebracht, wurden Nebenwirkungen und die Gefahr schnellster Abhängigkeit konsequent unter den Teppich gekehrt. Vielen Menschen mit chronischen Schmerzen kann jedoch mit dem Erlernen der Achtsamkeit geholfen werden, wie es in den Kliniken Essen-Mitte geschieht. Dabei wird das Konzept der „non-judging awareness“ von Jon Kabat-Zinn gelehrt, in dem die Schulung der Achtsamkeit mit dem Kräftigen eines Muskels verglichen wird, was zu einer Stress-Reduktion im Körper führt.

Ein anderes Beispiel: 900.000 Katheter-Untersuchungen in deutschen Kliniken – das sind 3,5 mal so viele wie der westeuropäische Durchschnitt – bringen wohl keinen nachweisbaren Vorteil, denn die deutschen Männer haben von allen Männern in Westeuropa die niedrigste Lebenserwartung. Vorteile für die Lebensdauer bringt hier jedoch ein gesunder und bewusster Lebensstil. Das beweist, dass sogar genetische Prädispositionen positiv beeinflusst werden können, und zwar zu 80-90%. Wer mehr wissen möchte, kann dies im neuesten Buch von Professor Dobos „Das gestresste Herz“ nachlesen.

„Meditieren ist, als würde man sich einen Fallschirm weben, bevor einen die Stürme des Lebens aus dem Flugzeug werfen“

„Mind-Body-Medizin ist eine Therapie für eine dickere Haut“

Begeisterte Patienten beschreiben so ihre Erfahrungen mit den alternativen Methoden, wobei es jedem selber überlassen bleibt, aus dem breiten Spektrum des Angebots das herauszusuchen, was ihm am besten tut. Denn auch dies zeigen zahlreiche Studien: Sich wohl zu fühlen und schon das Bewusstsein darüber, seinem Körper etwas Gutes zu tun, ist von nachweisbarem Nutzen. Das liegt wohl daran, dass durch die jeweiligen Übungen das Streßzentrum des Gehirns herunterreguliert wird; die graue Gehirn-Substanz (substantia nigra) verdichtet sich und schützt Hirn und Körper vor den schädlichen biochemischen Prozessen.

Meditation – die Hippie-Bewegung ist zum Mainstream geworden! Eine Studie unter Harvard-Studenten beweist, dass regelmäßige (das heisst im besten Falle tägliche) Meditation zur Regulation von Emotionen führt. Es leben diejenigen am längsten, die gesund und ausgeglichen mit ihren Emotionen umgehen. Das Erleben großer Gefühlsausbrüche stresst nämlich das Gehirn, und je trainierter dieses durch Entspannungsübungen ist, dessen weniger Schaden nimmt es.

Abschließend begleitete uns Professor Dobos durch eine gemeinsamen Meditation; so erlebten wir am eigenen Körper die entspannende und beruhigende Wirkung des Zu-Sich-Kommens und konnten danach in eine spannende Fragerunde und den Austausch eigener Erfahrungen starten.

von Stephanie Oberbeckmann (Festivalteam Essen)

Zu Gast bei den „Guten Botschaftern“ in Köln war Rainer Erlinger, der mit seinem neuen Buch „Warum die Wahrheit sagen?“ in den offenen Räumen der Agentur für Unternehmens-Sinnstiftung zur Diskussion einlud. Erlinger, Arzt und Jurist, ist bekannt durch seine gut 850 Kolumnen der „Gewissensfrage“, die er in der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat.

Angesichts der aktuellen Lage in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wurde zunächst die Bereitschaft und Motivation zur Lüge untersucht, denn im Gegensatz zur gesellschaftlich akzeptierten Notlüge und der höflichkeitsmotivierten „white lie“ (etwa auf die Frage „Hat es Ihnen geschmeckt?“) scheint es zur Zeit, als sei die treibende Kraft manch eines Geschehens oft die bewusste und offensichtliche Lüge. Evolutionär betrachtet mag diese oft Sinn machen, um das Überleben zu sichern, aber in Situationen, in denen die Wahrheit offensichtlich ist, steht so schnell die Herrschaft des Terrors und der Propaganda vor der Tür, in der die Wahrheit notfalls mit Gewalt niedergemacht wird.

Rainer Erlinger gab einen Überblick über philosophische Positionen zur Wahrheit und kam über Jean-Paul Sartre dann zu Immanuel Kant, bei dem deutlich wird, was heutzutage zu großen politischen und gesellschaftlichen Problemen führt: Kant definiert als Gegenstück zur Lüge nämlich die Wahrhaftigkeit und meint damit das, was ein Einzelner für wahr und richtig im Sinne von wahrhaftig hält.

Daraus ergibt sich freilich ein Dilemma und ein großer Freiraum für den individuell fühlenden und argumentierenden Einzelnen, kann er doch all das, was er für wahrhaftig empfindet, auch als objektiv wahr postulieren.

Erst 2013 wird dieses Dilemma vom Moralphilosophen Bernard Williams aufgelöst: Das Bestreben, die Wahrheit zu sagen, basiere erstens auf dem Bemühen um Genauigkeit und zweitens auf der Ehrlichkeit, das zu sagen, was man meint. Jedes Individuum sei also zu Ehrlichkeit und Genauigkeit verpflichtet. Soweit die Theorie. In der Praxis lässt sich nun beobachten, dass, je stärker die Fakten der eigenen Haltung widersprechen, desto größer die Kampfbereitschaft des Einzelnen wird, der sein eigenes Ich schützen möchte. Das zeigt sogar eine erhöhte Aktivität in den entsprechenden Hirnarealen bei medizinischen Untersuchungen. Daher gibt dieses kampfbereite Individuum nun eher seine eigenen fünf Sinne (also sein Realitätsempfinden) auf, als als die eigene Persönlichkeit. Spätestens an dieser Stelle muss es nun gesagt werden: Parallelen zu der Persönlichkeit Donald Trumps drängen sich dem aufmerksamen Leser auf und erklären vielleicht so manche Absonderlichkeit seines Verhaltens.

Nun folgte noch ein kurzer und unvermeidbarer Ausblick auf ein Szenario, das unserer Gesellschaft droht, wenn sich Entscheidungsträger entgegen von Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Ehrlichkeit verhalten: Die so motivierten Lügen zerstören das Vertrauen in Menschen und Institutionen, sie zerstören die Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft und führen schließlich bis zur Manipulation eines ganzen Volkes. Denn falsche Aussagen mit der Absicht zu täuschen sind weder eine Notlüge, noch eine „white lie“, noch können sie als Irrtum entschuldigt werden.

Kommunikation basiert in einer zivilisierten Gesellschaft auf  Vertrauen in das Gesagte. Findet aber eine lügenbasierte Kommunikation im Wahlkampf statt, werden die Menschen manipuliert und die Demokratie ausgehebelt.

Moralphilosophisch sprechen also viele Argumente für die Wahrheit. Der Abend ging hoffnungsvoll zu Ende, wenn wir uns darauf einigen, uns unserer Verantwortung  für die Wahrheit bewusst zu werden.

von
Stephanie Oberbeckmann // Essen

Ein ganz normaler Montagabend in einem wunderschönen Privathaus im Kölner Westen und ein sehr offenes Gespräch mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung über die aktuelle Situation der Medien, über den Verlust der Deutungshoheit, über den Informationswust im Netz, über mangelnde Fehlerkultur und fehlendes Vertrauen.
Im Gespräch mit Ulrike Krause leitete Wolfgang Krach die Diskussion mit der These ein, dass es für ihn aktuell zwei Lesergruppen gäbe: Die, die den Leitmedien überhaupt nichts mehr glauben und auch nicht mehr im Austausch mit ihnen stehen. Diese Gruppe sei für ihn verloren. Die andere Gruppe sind die unzufriedenen Kunden. Hier fängt der Austausch an und man lernt momentan am meisten von diesen. Gespräche entstehen, der Dialog zwischen der Süddeutschen und seiner Leserschaft wird gefördert und intensiviert. Krach wünscht sich noch mehr Austausch und dazu gibt es verschiedene Formate, wie z.B. das heutige Salongespräch oder „Auf ein Bier mit …“: Leser und Leserinnen treffen SZ-Redakteure persönlich, Kritik wird geäußert und ein fruchtbarer Diskurs entsteht. Jeder Leserbrief wird beantwortet, das ist die klare Direktive, die für alle Redakteure gilt, denn das sei leider in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. Glasklar und wenig beschönigt zeichnet er das Bild der klassischen Medien: Manche Entwicklungen wurden nicht ausreichend wahrgenommen und sie haben sich in vielen politischen Prognosen getäuscht. Der Fall Claas Relotius ist nun die Spitze einer unschönen Entwicklung, die das Vertrauen in die Medien nochmals erschüttert hat. Er selbst hätte es auch für völlig undenkbar gehalten, dass dies beim Spiegel passieren könnte. Zum Vertrauensverlust kommt noch das ökonomische Dilemma der Printmedien durch den sinkenden Anzeigen und Auflagen hinzu. Vor 10 Jahren wurden noch 70% des Umsatzes mit Anzeigen gemacht und 30% über die Leser und Leserinnen. Jetzt hat sich das Verhältnis umgekehrt. 70% des Umsatzes kommen über die Leserschaft und nur noch 30% über Anzeigenverkäufe. Und da der durchschnittliche Leser der Süddeutschen ein Alter von 55plus hat, müssen für die Zukunft neue Einnahmequellen erschlossen werden. Dabei ist der Wiederaufbau von Vertrauen aus seiner Sicht ein entscheidender Faktor. Und das wird nur mit exzellentem Journalismus funktionieren, sagt Krach, denn das Ethos von gutem Journalismus hat sich nicht verändert: Es geht nach wie vor darum, nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren, auch Nicht-Wissen zugeben zu können und dann intensiv zu recherchieren. Das Verifizieren von Sachverhalten und Informationen sei unbedingt notwendig und wird ein Kennzeichen der neuen Qualitätsmedien werden. In der anschließenden Diskussionsrunde gab es vielfältige Anregungen und einen spannenden Austausch, von vermutlich zufriedenen oder auch nicht zufriedenen SZ-Lesern und Nicht-SZ-Lesern. Aber auch dieser Salon ist eine Filterblase und es traf sich augenscheinlich die Gruppe der „unzufriedenen Kunden“. Die „Verlorene Leserschaft“ war nicht dabei, denn das Kennzeichen dieser Gruppe ist ja der fehlende Austausch. „Wie finden wir die Verlorenen in unserer Gesellschaft wieder“ wäre dann vielleicht ein Thema für einen weiteren Salonabend? Mit vielen neuen Gedanken und Ideen bin ich mit meiner Tochter frohen Mutes nach Hause gefahren, es ist noch nicht alles verloren. Danke für den offenen Austausch!

Margitta Eichelbaum mit Tochter Charlotte

 

In einem besonders persönlichen und heimeligen Salon in Essen-Kettwig wurde der Wissenschaft auf den Zahn gefühlt. KI-Professor Wolfgang Ertel klärte uns zunächst über den Stand der Technik und der Forschung auf und gab einen Ausblick in die Zukunft: Was kann die KI schon heute, was wird sie in den nächsten zwei bis fünf Jahren können und wollen wir wirklich das, was sie eventuell in 20 Jahren können wird?

Kritisch beleuchtet wurden diese Fragen, die sich schnell als existentiell für die Menschheit und deren Fortbestand herausstellten, durch die ethisch-normative Betrachtungsweise durch den zweiten „klugen Kopf“ an diesem Abend, der Religionswissenschaftlerin Dr. Birte Platow, die an der Universität Augsburg zu diesem Thema forscht.

„Deep learning“ ist die Lernform der Maschinen, die uns längst überflügelt haben, was Spezialaufgaben wie medizinische Diagnoseverfahren oder Gesichtserkennung betrifft. Autonomes Fahren wird in den nächsten Jahren immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden.
Auch Serviceroboter sind angewandte intelligente Technik, die uns schon bald in einem Heer von geschätzt einer Milliarde Geräte das Leben einfacher machen sollen. Allerdings werden zu deren Betrieb Energiekosten in der Höhe von 200 Atomkraftwerken veranschlagt.

Ein Segen – ein Fluch? Hier scheiden sich die Geister. Meinen die einen, durch solche lernfähigen Systeme, die sich ständig und selbständig verbessern, von zeitraubenden und nicht erfüllenden Arbeiten erlöst zu werden, sehen die anderen Untergangsszenarien am Horizont. Von omnipräsenter und omnipotenter Technik auch in den eigenen vier Wänden umgeben zu sein, ist nicht für jeden der Traum von einem Leben, das Raum für die eigene Selbstverwirklichung lässt.

Und so wurde der Kern des heutigen Themas enthüllt:
Was macht den Menschen im Wesentlichen aus?
Ist seine Anfälligkeit zu Fehlern, sein „Trial and Error“-Verfahren, ein Manko oder eine Chance? Gibt es nicht in der Geschichte zahllose Beispiele für bahnbrechende Erfindungen, die durch Irrtümer und das Verfolgen des nur scheinbar falschen Weges gemacht wurden?
Steht die inhaltliche Wesensbestimmung des Menschen nicht in krassem Widerspruch zur bloßen Erfüllung von Funktionen?

Dr. Birte Platow stützte die schützenswerte Einzigartigkeit des menschlichen Wesens durch drei Thesen, an denen sie aktuell an ihrem Lehrstuhl empirisch forscht.
Erstens die Beobachtung, dass der Mensch sich im Beisein der scheinbar perfekten Technik abgewertet fühlt,
zweitens die Gefahr, dass im menschlichen Kollektiv dieses Gefühl der eigenen Unterlegenheit und der Überlegenheit der Technik schnell zur akzeptierten Norm wird („die normative Kraft des Faktischen“)
und drittens die daraus resultierende Eigendynamik, was die Überlegenheit der Technik betrifft und diese wiederum nach vorne katapultiert – und das rein aus dem Zustandekommen der Norm begründet.
Hier nun kommen gleich mehrfach ernsthafte ethische Bedenken ins Spiel, denn unter diesen drei Annahmen ist es ethisch höchst fragil, der Technik eine Überlegenheit zu attestieren.

Nach dieser sehr eindrucksvollen Vorstellung der verschiedenen Standpunkte gab es, wie stets im Salon, eine angeregte Diskussion zwischen den Teilnehmern, den Gästen und Vortragenden – natürlich bei leckeren Kleinigkeiten zur Stärkung.

© Stephanie Oberbeckmann

Nein, der Satz bezog sich nicht auf den Salon, gleichwohl fiel er in dessen Rahmen. Vodafone hatte eingeladen zum Thema „Künstliche Intelligenz“. Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen und der KI-Experte Reinhard Karger gaben einen Überblick über den aktuellen Stand des Machbaren und einen Ausblick auf die naheliegenden Anwendungen der nächsten Dekaden.  Zunächst wurde schnell klar, dass die […]

Prof. Dr. Eckart Altenmüller leitet das in Europa einzigartige Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Für seinen Salon – Vortrag im Foyer des Knabenchorheims hat er drei Flöten mitgebracht – und ein zweites Gehirn, das er während seiner anschaulichen Rede immer mal wieder auseinandernimmt, um den faszinierten Gästen zu erläutern, wo man hört und was da alles so im Kopf passiert: „Wie Musik im Kopf entsteht“!

Ein Terzett des Knabenchores begrüßt mit einem Stück von Mozart – und schon ist man mittendrin im Thema: gute Stimmen junger Menschen faszinieren und begeistern. Das sieht Prof. Altenmüller im Biologisch-Evolutionären begründet, denn Musik war vor der Sprache da und entstand zunächst aus stimmlichen Geräuschen als akustisches Signal, vor über 40.000 Jahren. Mit der Stimme kann man Emotionen ausdrücken, daraus entstanden zunehmend komplexere Melodien, wie Prof. Altenmüller gekonnt auf einer uralten Knochenflöte von der Schwäbischen Alb (40.000 Jahre) demonstriert – erstaunlich ist die diatonische Skala, denn das sind die Intervalle, die wir auch heute im mitteleuropäischen Raum gewöhnt sind.

 

Musik steht für ein gemeinschaftliches Erlebnis seit jeher, erläutert Altenmüller und streift durch die Instrumentengeschichte – seine Querflöte aus dem 18. Jahrhundert sei „ein langer Holzstab mit ein paar Löchern drin“ sagt er und spielt gekonnt einige Töne an. Die Kompositionen erfordern allerdings ein immer neues Klangideal, sodass ab 1789 auch immer neue, andere klangvollere Instrumente gebaut werden, z. B. die Querflöte aus Metall (und Gold) mit komplizierteren Klappen. Und das Gehirn? Man hört nicht nur mit dem Ohr und allem, was sich darin befindet (etwa 3600 Haarzellen), sondern vor allem mit dem Gehirn, dass permanent neue Informationen dazu schaltet, sodass am Ende ca. 600.000 Nervenimpulse das ganze Hören ausmachen und der eigentliche Ton in der Großrinde zustande kommt. Dazu kommen vielfältige Emotionen, die das Hören beeinflussen, Musikerfahrungen, gespeicherte Melodien und Laute, die durchaus auch ein ‚Gänsehautgefühl’ erzeugen können. Es folgt eine Etüde des dänischen Komponisten Joachim Andersen, an der  Altenmüller das „auditorisches Streamen“ demonstriert, also Zweistimmigkeit ‚vorgetäuscht’ wird. „Ein ganz schrecklich schweres Stück, das er ganz schrecklich gern spiele“ – und die Gäste lauschen begeistert. Also nicht nur Musik hören, sondern auch das Musizieren selbst sorgt für ein gutes Gefühl!

 

Am Ende seines ungewöhnlich anschaulichen Vortrages plädiert Professor Altenmüller nochmals für die frühkindliche Musikerziehung: Musik sei das universelle Informationssystem, das emotionale Kommunikation ermögliche und, was den Gesang angehe, in der Verbindung von Musik und Sprache eigentlich ihre höchste Ausprägung erfahre.

Musik ist ein Privileg, macht Lust, auch aufs Lernen, und regt die Spiegelneuronen an – natürlich auch bei den Gästen dieses Salons, die anschließend noch lange bei liebevoll gerichteten Häppchen und leckeren Getränken beisammenstanden und über das Gehörte sprachen – da war etwas im Kopf passiert! Und wer wollte, konnte auf Einladung des Chormanagers Wolfram Kössler die Übungsräume des Knabenchors besichtigen – den Ort, wo berührende Musik entsteht! Ein rundherum inspirierender Abend voll guter Gefühle in der Südstadt Hannovers!

 

Prof. Michael Hüther kannte ich natürlich aus Funk und Fernsehen. Ihn live zu sehen und zu hören bin ich heute hergekommen. Es ging um den freien Welthandel, über Digitalisierung und (natürlich) über “Industrie 4.0”. Diese sei letztlich ein echt hannöversches Gewächs, geboren auf seinem Messegelände, wie der Gastgeber der Messe AG stolz berichtete.

Die Politik hatte zeitgerecht geliefert: The Donald hatte gerade am gleichen Tag Strafzölle für Stahl und Aluminium verkündet, also ein Handelshindernis neu errichtet. Ach, hätte doch der bayrische Staat seinen Urgroßvater gnädig aufgenommen, als er heimwehkrank zurückkam aus Amerika! Sein Urenkel wäre der Welt erspart geblieben.

Wir Deutschen sollten uns aber keiner Illusion hingeben. Wir sehen Trumps Vorgänger Obama in deutlich milderem Licht. Zu Unrecht: Auch er aber wollte “den Staat” schwächen, auch bei ihm gab es dieses selbstzerstörerische Zwei-Parteien-Hickhack. Aber einen Außenminister, der sein eigenes Amt am liebsten abschaffen möchte, da er es für überflüssig hält, den gab es damals nicht. Unvermeidlich wird auch die Amtszeit des Donald Trump irgendwann einmal zu Ende gehen. Daß die USA zu alter Offenheit zurückfinden werden, ist damit aber nicht gesagt.

Und doch: Der Referent ist von ansteckendem Optimismus und sticht somit heraus aus uns etwas miesepetrigen Deutschen. Er berichtete von vielen Sachverhalten, von denen ich die meisten bereits kannte, verwob sie dann aber in einer Art und Weise, die mir den Blick öffnete. Daß Frankreich aus Paris besteht und viel Provinz drumherum, das wußte ich. Professor Hüther
erläuterete das mit dem TGV, der in Straßburg losfährt und dann bis Paris kein einziges Mal hält. Wo auch?

Deutschland sei mit seiner historisch gewachsenen, kleinräumlichen Struktur etwas ganz Besonderes, gerade auch wirtschaftlich gesehen. Statt eines Überzentrums mit nichts drumherum gebe es hier an vielen Stellen Industriecluster, in denen sich die Unternehmen gegenseitig befeuern und befruchten. In unserer historischen Duodezstruktur habe der Fürst seinen Untertanen nicht ausweichen können, er sei einfach zu nahe an ihnen dran gewesen.

Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt sinkt in den Industrieländern seit Jahrzehnten, er ist in Deutschland aber immer noch etwa doppelt so hoch wie in Frankreich, Großbritannien oder den USA (nämlich etwa 20% gegenüber etwa 10%).

Wenn man es recht besieht, leben wir auf der Sonnenseite des Planeten. Wir sollten uns bemühen, die günstige Situation Deutschlands und Europas zu bewahren und auszubauen. Freie Weltwirtschaft helfe uns — und eigentlich allen. Auch wenn der Weg noch nicht zu Ende gegangen ist und noch manche Unwucht persistiert, hat die Armut in der Welt in den letzten Jahrzehnten erheblich abgenommen.

Die Welt hat sich immer verändert und verändert sich weiter. Die USA werden lateinamerikanischer und öffnen sich nach Asien. Augenmerk müssen wir auf China legen (das der Referent in meinem Augen etwas zu positiv sieht). China treibe die Globalisierung sehr voran, seine imperialistischen Tendenzen erwähnt er aber nur am Rande.

Wohlstand ist aber nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Wer seinen Lebensunterhalt in kürzerer Zeit verdient, gewinnt freie Valenzen in Zeit und Geld. Was aber machen wir mit der gewonnenen Zeit?

Freiheit ist auch das Recht, mit seiner Zeit Unsinn anzustellen, meinte der Referent. Sehr sympathisch.

Eine längere lebhafte Diskussion schloß sich an, danach war fürs leibliche Wohl reichlich gesorgt (bei netten Gesprächen mit vielen netten Leuten).

Ich bin beschwingt nach Hause geradelt.

Es sei leichter, seine autobiographische Scham zu überwinden, wenn man sich selbst zu einer literarischen Figur mache. Ijoma Mangold hat in Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte seine eigene Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein aufgeschrieben und daraus Literatur gemacht. Vor einem vollen Salon las Mangold Auszüge und gab Einblicke in den Menschen hinter der literarischen Figur.

Ganz leicht, wie nebenbei wirft Mangold im Krokodil Blicke auf soziale und philosophische Fragen. Betreibt ein Heranwachsender mit dunkler Hautfarbe, der Thomas Mann und Ernst Jünger liest, damit Assimilierung? Muss man den Kontinent des abwesenden Vaters automatisch lieben? Darf man als Sohn einer Kinderpsychologin die Psychoanalyse verdammen? Wann begreift man als Schüler zum ersten Mal soziale Hierarchie?

 

Ijoma Mangold ist Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, den er erst als Erwachsener kennenlernen wird. Er wächst als einziges farbiges Kind in Heidelberg, genauer Dossenheim, auf, geht auf das humanistische und ein wenig elitäre Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Gymnasium in Heidelberg und studiert später in München und Bologna Literatur. (Sehr viel später wird er nach Stationen bei der Berliner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung Literaturchef der Zeit, das Krokodil spielt davor.) In einer Zeit und in einem Umfeld, das (noch) sehr uniform weiss und deutsch ist, fällt er auf.

Sein Anderssein ist Stoff für lustige Anekdoten und auch traurige Erlebnisse. Immer wieder wollen die Leute seine Haare anfassen oder kommentieren den exotischen Vornamen. Ijoma. Elegant formuliert ein Lateinlehrer seine Befremdung. Die A-Endung zeige normalerweise das Femininum an, aber das Latein kenne auch Ausnahmen, wie beispielsweise bei agricola – der Bauer. ,,Und schon war die Anomalität meines Vornamens durch den Segen des Lateinischen aufgehoben und erfolgreich assimiliert.”, schreibt Mangold.

 

Ein lockerer Autor läßt mit viel Sinn für Humor sein Publikum an den verschiedenen Phasen seines Leben teilnehmen. Der Besuch einer schwarzen Freundin der Mutter führt bei dem Jungen zu Schamgefühl. Der Bildband über Afrika im Wohnzimmer geniert ihn vor seinen Freunden. Die afrikanischen Märchen, die ihm seine Mutter schenkt, landen hinten im Regal. Und das Krokodil aus Ebenholz guckt vom Fenstersims zu. Der Junge wird Thomas Mann-Verehrer und arbeitet an seiner Sprache, wird Teil eines künstlerischen Knaben-Kreises um einen Heidelberger und homosexuellen Schöngeist. Später tritt das Land seines Vaters doch noch in sein Leben, in der Form einer großen afrikanischen Familie voller Herzlichkeit und Fremdheit. Aber dafür sollte man Das deutsche Krokodil lieber selber lesen.

Und das auch noch in einer Zeit, in der wir ein Drittel der Nahrungsmittelernte gleich gar nicht einbringen, beim Transport oder der
Aufbewahrung vergammeln lassen oder wegwerfen?

Der Dokumentarfilmer Valentin Thun war bei uns zu Gast, am 28.01.2018 um halb zwei. Sehr ungewöhnlich, diese Zeit. Die Dame des Hauses hatte orsorglich bereits einige Flaschen Wein entkorkt (Das macht sie immer so, das wirke gastlich). Ein einziges Glas ist dann tatsächlich getrunken worden — von mir. Halb zwei ist keine Rotweinzeit.

Aber erst einmal galt es zu lauschen: Der Referent berichtete über seinen neuen Film und führte uns dabei ziemlich in der Welt herum: Nach Indien, in den Klon der Wiesenhof-Fabrik, und nach Japan, wo man Salat in Hochhäusern unter künstlichem Licht anbaut. Man brauche ihn noch nicht einmal zu waschen, weil er von vorherein ganz sauber sei — Erfolgsmodell für China, dessen Pekinger Smog der weltberühmten Londoner “pea soup” längst den Rang abgelaufen hat. Auch nach Afrika nahm er uns mit.

Ausschöpfen kann man das Thema “Landwirtschaft” in einem Vortrag nicht, noch nicht einmal das Teilsegment “moderne Landwirtschaft”. Man kann allenfalls einzelne Aspekte beleuchten, entsprechend vielgestaltig waren die Häppchen, die uns Valentin Thurn bot. Die Agrarindustrie bekam ihr Fett weg, vom hohen Energieaufwand für den Kunstdünger berichtete er und
von den durchaus perfiden Geschäftsmodellen der Saatgutindustrie. Wie umweltverträglich sind demgegenüber doch die Kleinbauern! Sie wirtschaften andererseits meist nicht — so, wie sie es tun — aus Neigung oder gar Ökobewußtsein, sondern aus schlichter Notwendigkeit oder gar Not.

Etliches kannte ich bereits, aus seinen Filmen und auch von anderswo. Unterhaltsam war der Nachmittag dennoch. Der eigentliche Knackpunkt ist allerdings nicht die Landwirtschaft, sondern die Überbevölkerung und das Luxusleben der Reichen der Welt (und
dazu zählen wir Deutschen bis herunter zum Sozialhilfeempfänger). Diese Erkenntnis mag man allerdings weniger gern hören, nicht hierzulande, nicht weltweit.

Die Diskussion hinterher war rege, für mein Empfinden hätte sie noch länger dauern können. Auch hätte ich noch gern ein Gläschen Rotwein mit dem Referenten verzwickt, schließlich teilen wir den gleichen Migrationshintergrund. Aber er mußte leider weg.

Das Haus leerte sich schnell, das Büfett kaum tangiert. <<der Rest ist aber nicht verkommen! Ich habe im Laufe der folgenden beiden
Wochen all die geöffneten Weinflaschen, die aufgerissenen Gebäcktüten und die Käsewürfel nach und nach vertilgt.

Valentin Thurn würde es vermutlich mit Wohlgefallen registrieren, wenn er es denn wüßte.

Bis ein Buch in der Welt ist, vergehen oft viele Jahre. In einem selbstinszenierenden Habitus des Literaturkritikers sie dann öffentlich zu zerreißen, ist nicht Thomas Böhms Sache. Er ist die literarische Stimme Berlins, vielfach zu hören in dem Hörfunk-Magazin „Die Literaturagenten“ auf radioeins oder in den Moderationen im großen Sendesaal des rbb, wenn bei ihm die Stars der internationalen Literaturszene zu Gast sind: Orhan Pamuk, Zadie Smith, Paul Auster … Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus aller Welt zu begegnen, ihre neuesten Werke auf großer Bühne und einem weitreichendem Publikum live zu präsentierten, mit einfühlsamen Fragen sie zum Erzählen zu bringen, kundige Einblicke in die Romane zu vermitteln, verlangt in erster Linie eines: eine nie versiegende Freude am Lesen, der Respekt vor der schriftstellerischen Leistung und intensive Vorbereitung. Denn auf nichts reagieren die Künstler empfindlicher, als auf halbherzig vorbereitete Gesprächspartner, die die Bücher nicht wirklich kennen, die sie – und seien sie noch so lang wie das jüngste Werk „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård mit seinen stolzen 1280 Seiten – eben doch nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen haben. In dieser Hinsicht ist Thomas Böhm auf der sicheren Seite, er ist zu Hause in den Büchern, betrachtet sie als gute Freunde, die sein Leben begleiten, die Fragen und Gedanken anstoßen, die ihm ohne Bücher entgangen wären. In seinen Moderationen stellt er ausschließlich Bücher vor, die ihn begeistern, die er aus tiefstem Herzen empfehlen kann und für die er sich viele Leser wünscht.

Als Vermittler in Sachen Literatur ist er nun selbst zu Gast im Salon. In einem schwungvollen Bogen fasst er die Geschichte der großen Romanen des Jahres 2017 zusammen, erzählt von den intensiven Begegnungen mit literarischen Größen und verhehlt nicht, dass man bisweilen ein wenig pokern muss, um die Stars auch tatsächlich zu bekommen. Stets in der Hoffnung und in der Überzeugung, dass Schriftsteller bei ihm in guten Händen sind und dass sie nicht befürchten müssen, in einem belanglosen Gespräch zu versauern. Denn eines ist Thomas Böhm ganz sicher nicht: trocken oder langweilig. Seine Buchpräsentationen selbst sind Zeugnisse höchster Wortkunst, die sogleich den Wunsch entfachen, mit den Werken den Rückzug anzutreten und sich in die Lektüre zu vertiefen, um selbst die Begeisterungsschübe zu erleben, die ihn beim Lesen ereilt haben.