Bis ein Buch in der Welt ist, vergehen oft viele Jahre. In einem selbstinszenierenden Habitus des Literaturkritikers sie dann öffentlich zu zerreißen, ist nicht Thomas Böhms Sache. Er ist die literarische Stimme Berlins, vielfach zu hören in dem Hörfunk-Magazin „Die Literaturagenten“ auf radioeins oder in den Moderationen im großen Sendesaal des rbb, wenn bei ihm die Stars der internationalen Literaturszene zu Gast sind: Orhan Pamuk, Zadie Smith, Paul Auster … Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus aller Welt zu begegnen, ihre neuesten Werke auf großer Bühne und einem weitreichendem Publikum live zu präsentierten, mit einfühlsamen Fragen sie zum Erzählen zu bringen, kundige Einblicke in die Romane zu vermitteln, verlangt in erster Linie eines: eine nie versiegende Freude am Lesen, der Respekt vor der schriftstellerischen Leistung und intensive Vorbereitung. Denn auf nichts reagieren die Künstler empfindlicher, als auf halbherzig vorbereitete Gesprächspartner, die die Bücher nicht wirklich kennen, die sie – und seien sie noch so lang wie das jüngste Werk „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård mit seinen stolzen 1280 Seiten – eben doch nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen haben. In dieser Hinsicht ist Thomas Böhm auf der sicheren Seite, er ist zu Hause in den Büchern, betrachtet sie als gute Freunde, die sein Leben begleiten, die Fragen und Gedanken anstoßen, die ihm ohne Bücher entgangen wären. In seinen Moderationen stellt er ausschließlich Bücher vor, die ihn begeistern, die er aus tiefstem Herzen empfehlen kann und für die er sich viele Leser wünscht.

Als Vermittler in Sachen Literatur ist er nun selbst zu Gast im Salon. In einem schwungvollen Bogen fasst er die Geschichte der großen Romanen des Jahres 2017 zusammen, erzählt von den intensiven Begegnungen mit literarischen Größen und verhehlt nicht, dass man bisweilen ein wenig pokern muss, um die Stars auch tatsächlich zu bekommen. Stets in der Hoffnung und in der Überzeugung, dass Schriftsteller bei ihm in guten Händen sind und dass sie nicht befürchten müssen, in einem belanglosen Gespräch zu versauern. Denn eines ist Thomas Böhm ganz sicher nicht: trocken oder langweilig. Seine Buchpräsentationen selbst sind Zeugnisse höchster Wortkunst, die sogleich den Wunsch entfachen, mit den Werken den Rückzug anzutreten und sich in die Lektüre zu vertiefen, um selbst die Begeisterungsschübe zu erleben, die ihn beim Lesen ereilt haben.