Kann es nicht, sagt der Soziologe Stephan Lessenich, zu Gast im Wiesbadener Salon. Die moderne kapitalistische Gesellschaft beruht seit 500 Jahren darauf, dass sie die Kosten ihrer Produktions-, Arbeits- und Lebensweise in andere Weltgegenden auslagert. Den Preis für eine Ordnung, die darauf beruht, dass ein Teil der Welt über die Verhältnisse anderer lebt, zahlt der globale Süden. Es könnte sein, dass wir in Zukunft stärker zur Kasse gebeten werden und die komfortable Weltordnung des globalen Nordens sich neu strukturieren wird. Stephan Lessenichs Vortrag – basierend auf seinem Buch „Neben uns die Sinflut“ – rüttelte die Teilnehmer des Salons auf. Auch Empörung wurde geäußert, denn für die Ausbeutungsstrukturen einer Externalisierungsgesellschaft seien ja nicht alle verantwortlich. Wie könne denn ein normal situierter Bürger oder Bürgerin, Angestellte oder gar Beamte, externalisieren? Trotz unbestreitbar sozialer Unterschiede im globalen Norden leben auch die, die hierzulande schlechter gestellt sind, in ihren alltäglichen Lebensvollzügen auf Kosten großer Bevölkerungsmehrheiten des globalen Südens, argumentierte Lessenich dagegen. Uns allen schwant: unsere Weltordnung ist im Umbruch und ein “Augen zu und durch” und ein “weiter so” will nicht mehr so recht gelingen. Was also tun? Unseren konsumorientierten Habitus ablegen, auf Strukturänderungen hoffen, etwa durch eine Weltregierung? Die gibt es nicht. Es ist sicher gut, wenn jeder einzelne im globalen Norden sich bemüht, auf ökologisch kleinerem Fuß zu leben. Aber der Hauptakteur in der Neuordnung der Welt, davon ist Stephan Lessenich überzeugt, wird diesmal nicht der globale Norden sein. Die Veränderungen werden vom globalen Süden ausgehen. Es gibt politische Bewegungen und Sozialmilieus, die für eine andere Weltwirtschaftsordnung streiten. Das ist die Chance – für uns alle.